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Der Israelit · 1897-05-17 · Heft 39 (17.5.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 39 (17.5.1897)
Date
1897-05-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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721 Keuilleton. Getreu bis in den Tod. *2) Von Mauriee Ma^on Jahre sind vergangen in ernster, mühevoller Arbeit. Der Kummer fraß an meinem Herzen und machte mich zu einem menschenscheuen Bücherwurm. Nur in meinen Studien fand ich Ruhe und Erholung. Ich hatte die verschiedenen Prüfungen mit Auszeichnung bestanden, und die Thüre meiner Wohnung, die jetzt in der ersten Etage lag, schmückte ein Schild mit den Worten: „Dr. Cholikoff, pract. Arzt." Aber nur Wenige fanden sich ein, die bei mir Heilung suchten; wer sollte sich einem jungen Arzt, der soeben erst die Universität verlaffen hatte, anvertrauen? So blieb mir sehr viel Zeit zum Studium übrig. Aus dem Hause meines Oheims waren nur spärliche Nachrichten in meine stille Klause gedrungen, und was ich vernahm, war traurig genug und steigerte die Selbstvorwürfe, die mich zernagten. Mein Oheim war zum Geheimen Commerzienrath erhoben worden; diese neue Auszeichnung erhöhte sein ehrgeiziges Verlangen, in den blaublütigen aristokratischen Kreisen als ein Gleichberechtigter zu verkehren, und stachelte ihn zu einem neuen Anlauf gegen den jüdisch-rituellen Haushalt auf, in dessen Einrichtung er ja nur gezwungen gewilligt hatte. Der heftige Widerstand, den er bei der Tante fand, ließ ihn sein Vorhaben wieder aufgeben, aber er konnte mit um so größerer Zuversicht auf seinen späteren Erfolg hoffen, als er in Nelly eine Bundesgenossin besaß. Diese hatte sich ganz zu der Ansicht des Vaters bekehrt und nahm Partei gegen die Mutter. Soll ich es in Worten schildern, welche qualvollen Stunden mir gerade letztere Nachricht bereitete, wie ich aufschrie in wildem, namenlosen Schmerze, der an Raserei grenzte? Die glühende Liebe zu Nelly, deren Bild tief in meinem Herzen lebte, hatte sich während der Jahre eher gesteigert als gemildert und wenn bisweilen dumpfe Verzweiflung über die Hoffnungslosigkeit des Sehnens, das mich verzehrte, sich meiner bemächtigt, so klammerte ich mich an den tröstenden Gedanken, daß ihre Rückkehr zu den Vorschriften der Religion ein Band um uns geschlungen hatte, das auch die Trennung überdauern und etwaige Hindernisse überwinden würde. Und nun war auch diese Hoffnung in Scherben gegangen, der letzte Trost erbarmungslos geraubt. Dir Festigkeit und Begeisterung, welche Nelly eine Zeit lang für die Religion der Väter bewiesen hatte, war nichts weiter als schnell verrauschende Mädchenlaune. Oder hatte ich selbst durch meine Hartnäckigkeit, die kaum erwachten guten Keime ertödtet?! Wäre es nicht meine Pflicht gewesen, diese Keime zu warten und zu pflegen?! .... Rasendes Weh durchwühlte mein Herz, und eine Art dumpfe Resignation lastete auf meinem Hirn, das mich nur allzu oft aufscheuchte von meinen Büchern, und als ich gar erfuhr, daß General Sergei Leontjew Nelly in auffallender Weise den Hof machte und daß sie den Grafen begünstige, da war es dauernd um meine Ruhe geschehen. Ich litt Höllenqualen und war der Verzweiflung nahe. . . . Eines Abends, als ich in stumpfem Hinbrüten am Fenster lehnte und gedankenlos an die Scheiben trommelte, wurde plötzlich die Thüre aufgerissen, und der Onkel stürmte über die Schwelle. Seine verzerrten Züge, das thränenüberströmte Antlitz zeugten von seiner gewaltigen Erregung, und noch ehe ich mich von dem Erstaunen erholt und eine Frage an ihn richten konnte, stieß er mit heiserer Stimme hervor : „Habe Mitleid, Manfred.' . . . Vergiß Deinen Groll! . . . Die Tante liegt in den letzten Zügen . . . und sie wünscht Dich noch einmal zu sehen . . Versage ihr den Wunsch nicht, Manfred, es ist der letzte Wunsch einer . . . Sterbenden!" Er sank in einen Sessel, preßte die zuckenden Hände vor das Gesicht und brach in ein convulsivisches Schluchzen aus. Keines Wortes des Erwiderung fähig, nahm ich Hut und lleberrock. „Laß uns gehen," rang es sich wie ein Aechzen über meine Lippen. Gefühllos nahm ich den Händedruck des Oheims hin, und ich hörte die Worte kaum, die er in überquellendcr Dankbarkeit an mich richtete. Wie bewußtlos stieg ich in den Wagen, der rasch mit uns davonrollte; der Oheim erzählte mir Verschiedenes, wahrscheinlich von der Krankheit der Tante — ich verstand kein einziges Wort und erwachte aus der Betäubung, die meine Sinne umfangen hielt, erst, als ich mich am Lager der Kranken befand. Als ich leise in's Zimmer trat, schlug sie die Augen aus, und ein mildes Lächeln verklärte ihre blaffen, abgezehrten Züge. „Al . . . lein, mit ihm ... allein las... seil!" brach es in einem Röcheln über die farblosen Lippen. Lautlos verließen Nelly und der Oheim das Zimmer: ich war mit der Kranken allein. Ich trat an ihr Lager, ergriff ihre Hand und fühlte den Puls: er ging sehr schwach: es war das letzte Aufflackern des entschwindenden Lebens. Die Kranke schloß einige Augenblicke die Augen, dann begann sie, ihre ganze schwindende Kraft zusammenraffend, mit leiser, kaum vernehmlicher Stimme: „Mein Kind, willst Du ... einer Sterbenden seelige Beruhigung ... mitgeben auf den Weg in das Leben der Wahrheit? . . . Ja, Du willst! ... So gelobe mir, Manfred, daß Du . . . über Nelly . . . wachen willst. Sie steht im Begriffe, etwas . . .

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