Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-05-10 · Heft 37 (10.5.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 37 (10.5.1897)
Date
1897-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448740--43858-2492926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

689 Feuilleton. Getreu bis in den Tod. 20) Von Maurice Ma^on. Den 17. Jjar 56. . Mit gemischten Gefühlen und getheilten Empfindungen verließ ich das Haus des Oheims. Mein Herz war ein wenig beklommen und ängstlich stockte der Schlag bei dem Gedanken, nun so ganz allein zu stehen und auf mich selbst angewiesen zu sein. Ich wußte, daß große Sorgen und Entbehrungen meiner harrten, und daß ich einen ernsten Kampf mit dem Leben beginnen müste, um ihm meinen täglichen Bedarf abzuringen. Dennoch fühlte ich, wie eine freudige, beruhigende Empfindung mein Inneres durchbebte. Endlich war ich unabhängig und ganz auf eigene Füße gestellt! Ich schaute zum wolkenlosen Himmel empor, aus welchem Myriaden von Welten, der Leitung des einzigen Schöpfers sich unterordnend, zu mir niederschauten, und mein gesunkener Muth richtete sich auf. Er, der alle Wesen mit unendlicher Güte und Erhabenheit leitet, wird in seiner Güte und Erhabenheit auch mich führen. Nach Hause zurück gekehrt, theilte ich meinem väterlichen Freunde Dr. Nother das Vorgesallene mit. Kopfschüttelnd hörte er mich an; als ich vollendet hatte, schloß er mich in seine Arme und rief.- „Du bist ein wackerer Junge, mein Sohn, und ich würde au Deiner Stelle auch nicht anders gehandelt haben! Doch nun laß uns berathen, wie Du Dich in Zukunft cinzurichten hast. Nach Deutschland zu wandern, ist, wie die Dinge heute liegen, nicht mehr möglich. Du bleibsts natürlich vorläufig iu meinem Hause bis Du eine gehörige Anzahl Stundden hast, die es Dir ermöglichen, eine Wohnung in der Nähe der Nniversität zu miethen. Denn ich kann Dir nicht zumuthen, daß Du jeden Tag den mehrere Stunden weiten Weg bis zu meiner Wohnung zurücklegst." „Lasten Sie mich," erwiederte ich, „wenn Sie mich würdig finden, ferner Bewohner Ihres freundlichen Hauses sein. Ich werde dies als das größte Glück meines Lebens ansehen. Nur weiß ich nicht, ob ich die Kosten zu erschwingen im Stande sein werde." „Darüber mache Dir keine Sorgen, Manfred, wir werden schon einig werden." Den 15. Adar. . . Fast ein Jahr ist verflossen, seitdem ich die letzte Aufzeichnung in meinem Tagebuch gemacht. Ja, der geschwätzige Gymnasiast hatte mehr Zeit zum Tändeln, als der arbeitsame, ernste Student.' Die alma mater sorgt in Hingehendster Weise für meine geistige Nahrung, da aber bekanntlich diese Kost allein nicht ausreicht, so heißt es auch sonst tapfer schaffen. Woher soll ich nun Zeit finden, ein genaues Tagebuch zu führen? Den größten Theil des Tages muß ich natürlich meinen Studien widmen, nachher kommen die Unterrichtsstunden, die ich in ziemlicher Anzahl zu ertheilen habe; die Abende bringe ich entweder bei Doctor Rother in Gesellschaft des Talmuds, oder bei meiner Tante zu, wo ich der Cousine den versprochenen Religionsunterricht ertheile. An dem Tage, an dem ich das Haus meines Oheims verlassen hatte, erschien Nepomuck im Aufträge desselben bei mir unv überreichte mir einen Creditbricf auf eine ziemlich ansehnliche Summe. Aber ich blieb standhaft und lehnte dieses Geschenk in herzlichen Dankesworten ab. Unterdessen nahm der Religionsunterricht, den ich Nelly ertheilte, seinen ruhigen Fortgang, und nach wenigen Stunden zeigte es sich, daß ich mich in meinen Hoffnungen nicht getäuscht hatte. Die Kenntniß der Lehre übte einen wohlthätigen Einfluß auf ihr inneres Leben. Eines Tages erklärte sie ihrem bestürzten Vater, daß sie in keinem Raume schlafen wolle, an dessen Thüre die Mesuso fehle, und mit dem Eigensinn eines verwöhnten Kindes blieb sie bei ihrem Ausspruche, bis ihr Vater, um ein Stadtgespräch zu vermeiden, nachgab. Dieser Vorgang sollte jedoch eine gewaltige Aenderung herbeiführen. Sei es, daß der Onkel selbst Verdacht schöpfte und mich mit dem Verlangen seiner Tochter in Zusammenhang brachte, oder daß sein Vertrauensmann Reponink meine Thätigkeit im Hause erlauscht und sie dem Onkel in den grellsten Farben geschildert hatte, kurz er überraschte uns eines Tages während des Unterrichts. Es war an einem Mittwoch-Abend, ich befand mich im Zinnncr der Tante und war eifrig mit der Erklärung der Speisegesetze beschäftigt. Im Kamin flackerte ein lustiges, helles Feuer unb verbreitete eine angenehme, behagliche Wärme durch das Zimmer. Die Taitte saß fröstelnd in ein Tuch gehüllt neben dem Kamin, während Nelly ihr schönes Haupt auf die Hand gestützt, in einem Sessel mir gegenüber lehnte. Da brach sich ein Ruf des höchstens Erstaunens von bcu Lippen der Tante, Nelly schnellte erschreckt empor, auch ich wandte meinen Kopf der Richtung zu, von welcher die unliebsame Störung gekommen war — und zuckte erschreckt zusammen. An der Thür stand mein Oheim mit kreideweißem Gesichte, die Augen von Blut unterlaufen, die Hände krampfhaft in einander geballt. „Erkläre doch weiter," lachte er hohnvoll auf, „warum setzt Du Deine Belehrung von der Entblutung und Salzung des Fleisches nicht fort? Ha! ha! wie feige! Ihr wagt das nur hinter meinem Rücken Aber wozu soll das führen? Meint Ihr, die bloßen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.