Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1897)
- Date
- 1897-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 35. ZV? ’*^r’’'? j tr «c; XXXVIII. Jahrgang. Ier Zsraelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Begründet von Dr. fe^tnann in mtftiuf. Montag, den 3. Leitender Artikel. Sprüche der Wäter. Sechstes Buch. XII. Mainz, 30. April. Als sechszehntes Mittel zur Aneignung der Thora folgt PIN -pn Mp'v Einschränkung des ehelichen Verkehrs. Im Judenthum gelten reine Sitten und gutes Betragen, rechtschaffenes und tugendhaftes Leben nicht für etwas besonders Verdienstvolles und Lobenswerthes; es ist das vielmehr die strenge und nothwendige Erfüllung eines positiven Gesetzes, welches jede Verletzung der Reinheit und Heiligkeit der Sitten für ein Verbrechen erklärt. Jeder Israelit, der sich schlecht beträgt, verletzt das göttliche Gesetz. Er schadet dadurch nicht allein sich, sondern auch dem Volke, dessen Ehre ihm am Herzen liegen sollte; er beleidigt Gott, der ihn Seinen Sohn genannt, und der zu uns Allen gesagt hat: „Ihr seid Meine Zeugen, daß kein andrer Gott ist als Ich" (Jesaias Cap. 43, V. l 6). Wie könnte wohl ein verlorener, durch Laster gebrochener Mensch für Gott Zeugniß ablegen? Der Israelit muß ein sittenreines Leben führen, um seiner selbst, um seiner Nation und um seines Gottes Willen. Für etwas besonders Verdienstvolles gilt es dagegen, wenn er auch selbst von dem ihm Erlaubten einen mäßigen Gebrauch macht und nur hierdurch kann er schließlich dahin gelangen, zu jenen Männern gezählt zu werden, die sich die Thora angeeignet haben. Es bedarf sicherlich einer großen sittlichen Kraft, nicht nur zur Bekämpfung und Besiegung der schlechten Neigungen und Begierden, sondern auch zur Mäßigung und Regelung derselben. Bei jedem Schritte begegnet der Mensch jenem verhängnißvollen Baume M a i 5657 (1897). mit den verführerischen und gefährlichen Früchten, und er hört die Stimme des Versuchers, welche ihn bezaubert, berauscht und irreführt: ein täuschendes Luftgebilde verspricht ihm das Glück, nach welchem seine Seele lechzt, entfernt ihn vom wahrhaften Leben, von Gott und führt ihn zum Abgrunde und zum Tode. Um so viel mächtigen Verführungen widerstehen zu können, müßte der Mensch seine Augen, seine Ohren, sein Herz verschließen, er müßte lebendig in das Grab steigen oder sich ganz vergeistigt zum Himmel emporheben. Nicht umsonst sagen unsere Weisen: „Wer ist ein Held? der seine Leidenschaft bezwingt" (Sprüche d. Väter I V Buch, B. 1). Bei den civilisirtesten Nationen finden sich täglich neue Krankheiten, neue Störungen in den Grundzügen der gesellschaftlichen Ordnung, und ein berühmter Schriftsteller sagte unlängst mit tiefer Traurigkeit.- „Eine Thatsache ist unbestreitbar: inmitten so vielen materiellen und geistigen Fortschrittes nimmt die Sittlichkeit ab; Alles schreitet voran und entwickelt sich, nur eines verringert sich, und das ist die Seele." Das Judenthum hat uns mit zahlreichen und wirksamen Mitteln für unfern Kampf nicht nur gegen die Sünde sondern auch gegen ihre Vorläuferin, die Unmäßigkeit, bewaffnet. Unsere heilige Sprache ist so rein und keusch, wie keine andere menschliche Redeweise. Für gewiffe Dinge und Gedanken, welche die Scham verletzen, hat das Hebräische keinen Ausdruck und muß Umschreibungen zu Hülfe nehmen, welche mildern und verhüllen, während andere Sprachen dieselben Dinge und Gedanken in rohester Weise aussprechen. Die Literatur des Judenthums ist mit sehr wenigen Ausnahmen eine heilige Literatur, welche nur die heiligsten und erhabendsten Gegenstände behandelt, Gegenstände, die des menschlichen Geistes, der da ist ein Funke des Gotteslichtes, würdig sind. Eine obscöne Sprache und eine unstttliche und frivole Literatur sind zwei mächtige Faktoren der Sittenverderbniß; ihre Opfer zählen täglich nach Tausenden.