Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1897)
- Date
- 1897-04-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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642 Synagoge, so doch in irgend einem Polizeibureau anzuhören! — Seit dem Sommer 1895 ist nun in der „Wohnrechtsfrage" eine Wendung zum Besseren eingetreten. Denjenigen Israeliten, deren Aufenthalt außerhalb de» Ansiedelungsrayons vor dem 3. April 1880 auch richtig erwiesen wurde, ist das Ansiedelungsrecht dortselbst, sowie die Berechtigung Handel und Gewerbe zu treiben, bis zur endgiltigen Lösung der allgemeinen Jndensrage, zuerkannt worden. Letztere Clausel besitzt einen geringen Werth und bedeutet etwa dasselbe, was ,"bx rrr'V -rjr im Talmud bedeutet. — Seit diesem letzten Erlasse erfreuen sich nun die „Achtziger" einer ungestörten, wahrhaft wohlthuenden u. nie dagewesenen Ruhe. — Aber auch die oft und stets von Neuem auftauchenden „Nichtachtziger" sind nicht mehr, wie einst den strengen Maßregeln von Seiten der Aufsichtsorgane, und namentlich der niederen Chargen ausgesetzt. Das sind die Thatfachen, die ein jeder mit den einstigen traurigen Verhältnisien Vertraute, mit vielem Vergnügen konstatiren kann! So weiß Ihr Correfpondent ein sehr trauriges V ork omm ni ß anzuführen, das sich in Riga während der letzten Ausweisungen zutrug. In gen. Stadt suchte nämlich ein dem Ausweisungsdekret unterliegender Israelit sich demselben dadurch zu entziehen, daher die Fahne seiner Väter verließ und mit der Religion seiner Ahnen brach. Doch kaum war dieser Schritt geschehen, da gelangte an den „frischgebackenen Staatsbürger" die Kunde, daß seine „einstigen" Schicksalsgenossen, höheren Ortes die gewünschte Einräumung des Wohnrechtes, um welche sie petitionirten,nunmehr thatsächlich erwirkt hätten! Vonleicht begreiflicher Verzweif lung und nagender Reue überwältigt, beschloß nun der Bedauernswerthe in den Tod zu gehen. Ein Revolverschuß aus eigener Hand hat seinem Leben ein jähes Ende bereitet. — Ich möchte noch eines vor einigen Jahren in Moskau geschehenen Falles Erwähnung thun, der durchaus kein Phantasiegebilde und auf eine wahre Begebenheit zurückzuführen ist, und welcher den geehrten Lesern des „Israelit" ein anschauliches Bild der Leiden entrollen könnte, denen die kein Wohnrecht besitzenden Israeliten noch vor einigen Jahren ausgesetzt waren. Da weilte eine jüdische junge Dame aus Litt hauen bei ihren in Moskau wohnhaften Verwandten — natürlich unter strengster Verheimlichung vor der Polizei und ihrer unteren Chargen — zun: Besuche. Da ertönt eines Abends, während eben eine fröhliche Gesellschaft beisammen ist, plötzlich die Klingel — und blitzschnell verbreitet sich im Saale das Gerücht, daß die Polizei zu einer „Haussuchung" da märe. Run hieß es den Gegenstand der letzteren, die junge Dame, verbergen. Man that sie schleunigst in einen leer stehenden Koffer und hatte eben denselben geschloffen, als die Polizei eintrat und mit der Haussuchung" begann. Doch, o Entsetzen! Aus dem Koffer vernahm man plötzlich die mit erstickter Stimme ausgestoßenen Hilferufe der Armen, die die Anwesenden flehentlich beschwor, sie lieber der Polizei auszuliefern und mit der „Etappe" heimbefördern zu lassen, als ihr einen vorzeitigen, martervollen Tod zu bereiten. Glücklicherweise vernahm die Polizei die Hilferufe nicht und entfernte sich eiligst, um ihre „Judenjagd" fortzusitzen. — Jedoch sind die russischen Israeliten einer solchen Willkür und derartigen energischen und strengenVer folgungenvon Seilen der Aufsichtsorgane keineswegs mehr preisgegeben. Die russische Judenheit hat am Dienstag, 18 /30. März c. einen h erben Verlust erlitten: der Wirkliche S t a a t S r a t h l)r. med. Adam Juljewitfch Hirschhorn wurde an diesem Tage in ein befferes Jenseits abberufen. Dr. Hirschhorn war seit längerer Zeit Mitglied des Gelehrten-Comites im Ministerium der Volksaufklärung. Er war der einzige Israelit in Rußland, dem eine so hohe Auszeichnug, Mitglied des Gelehrten-Comitös zu sein, zu Theil wurde. Der Dahingeschiedene schämte sich seiner Glaubensbrüder nicht. Man brauchte nur sich an ihn mit irgend einer Bitte zu wenden und er war stets in zuvorkommendster Weise bereit, dieselbe — mochte sie auch für ihn mancherlei Unannehmlichkeiten enthalten — sofort zu gewähren. Die russische Judenheit wird Dr. Hirschhorn ein dankbares, unvergeßliches Andenken bewahren. Indien. Bombay. Nach dem Vne-Jsraelit haben trotz der großen Hungersnoth von den indischen Juden bisher kein einziger Sie öffentliche Unterstützung in Anspruch genommen. Die Wohlthätigkeit der Juden hat trotz aller Noth und trotz der allgemeinen GeschäftSlosigkeit den Bedürfnissen der Israeliten vollständig genügt. Es heißt, daß einige amerikanische Rabbiner sich erboten hätten, nach Indien zu gehen, um dort als Lehrer und Rabbiner zu fungiren. Es sind indeffen in Bombay Zweifel laut geworden, ob diese Amerikaner den religiösen Bedürfniffen genügen können, weil sie mit den Sprachen der Eingeborenen nicht vertraut sind und außerdem Zweifel an ihrer Orthodoxie befürchten lasten, daß auch das Verhältniß zu der strenggläubigen Gemeinde ein unangenehmes werden dürfte. Man hat sich daher von Bombay aus an die Anglo-Jewish-Affociation gewendet, mit der Bille eine geeignete Persönlichkeit gleichzeitig für die Leitung der Schule und für das Amt eines Predigers auszubilden.