Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 32-33 (27.4.1897)
- Date
- 1897-04-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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>HHL> M!Ai'U--t|UW-?W MW XXXVIII. Jahrgang. Erste Seil. M M 32 & 33 ües „Israelit“. Leitender Artikel. Die Türkei und die Juden. Lomnitz, im April. Die Türken ziehen bekanntlich weder ihre christlichen noch jüdischen Unterthanen zum Militärdienst heran und zwar wird dies in erster Linie aus Rücksicht auf ihre Religion unterlassen. Salonik zählt unter seinen Einwohnern ungefähr 70,000 spanische Juden, treue Unterthanen, die der türkischen Negierung bisher nie Sorgen gemacht haben. Nun haben zahlreiche junge Leute unter ihnen ihre Dienste dem Staate angeboten und um die Erlaubniß gebeten, ein israelitisches Freikorps bilden zu dürfen. Eine Entscheidung ist in dieser Angelegenheit noch nicht erfolgt, indessen hat dieses Ansuchen der Spaniolen bei den Türken einen guten Eindruck hervorgebracht. Anknüpfend an diese Zeitungsnachricht mag wohl ein Vortrag, den Sr. Ehrmürden Herr Dr. Wolfsohn, Rabbiner dahier, im hiesigen Chorebvereine über „Don Josef Nasi, Herzog von Naxos" hielt, von ganz besonderem Interesse sein. Seinem Vorträge lag die Tendenz zu Grunde, am Leitfaden der Geschichte den Ausgangspunkt der gegenwärtigen Zeitströmung zu zeigen. Seiner Ansicht nach brauchen wir über die Gestaltung unserer Zukunft nicht ängstlich zu sein. Unsere Geschichte ist ja nur aus Licht und Schatten gewoben. Als Nachkommen eines Urahns, der im Dunkel der Nacht mit der Macht der Finsterniß gerungen, wissen wir aus Erfahrung, daß wir nur so lange festen Fuß fassen können, als ihr Licht die Sonne der Erkenmniß ausgießt, daß die Gleichheit Aller vor dem Gesetze die Stammmutter der Gerechtigkeit ist. In demselben Schnellschritte, mit welchem das entjudete Spanien von seiner kulturellen Höhe herabstieg, erstieg das türkisch-mohamedanische Reich, das die heimathlosen Juden gastlich aufnahm, den Gipfel der Kultur. Und daß die Juden es waren, die einen solchen Umschwung in der Türkei bewirkt, ist aus zwei christlichen Leumundzeugnifsen evident. Niclas Riklai, ein Reisender aus jener Zeit, äußert sich über seine gemachten Wahrnehmungen, wie folgt: „In Konstantinopel haben die Juden die größten Gewölbe und Läden mit den köstlichsten und besten Waaren aller Art. Ueberdies trifft man unter ihnen viele treffliche Künstler und Handwerker, so vor Jahren aus Portugal und Spanien verjagt worden sind. Diese haben mit der Christenheit großem Schaden und Nachtheil, die Türken mancherlei Rüst- und Kriegsrüstung lehren machen, grobes Geschütz, Hacken und Handbüchsen, Pulver, Kugel und ander Feuerwerk und Waffen. Gedachte Juden haben auch eine Druckerei angerichtet, was den Türken ein seltsames Ding ist. Sie drucken Lateinisch, Griechisch, Italienisch, Syrisch und Hebräisch. Zudem sind sie der meisten Sprachen kundig, deßhalb auch als Dolmetsch zu gebrauchen." Der zweite Zeuge über die Leistung der Juden gehört, der hohen Aristokratie Venedigs an. Als 1573 auch Venedig im Begriffe war Spanien den Vorrang in der Bethätigung christlicher Nächstenliebe streitig zu machen, mahnte der aus Konstantinopel heimgekehrte Fürst Soranzo von der, wie er es nannte „bösen That" dringend feine Vaterstadt ab. „Wer," sagte er „hat der Türken Glück gefördert? Woher nahmen sie Arbeiter, die ihnen Kanonen, Bogen, schweres Geschütz, Schwert, Schild und Lanze ansertigten, wenn nicht aus Spanien vertriebenen Juden? Wißt nur, die Juden stehen bei den höchsten Würdenträgern der Türken gar sehr in Ansehen." Eine hervorragende Stellung erklomm in der Türkei Don Josef Rast. deffen Familie vornehmlich wegen ihres immensen Reichthums die zärtlichen Blicke der Inquisition auf sich gelenkt. Unter unsäglichen Gefahren gelang es allen Trägern dieses Namens sich nach dem Reiche des Halbmondes zu flüchten. Sultan Suleiman, der sich auf Menschen verstand, nahm den ihm empfohlenen Juden Don Josef Nasi in Gunst auf, nachdem er gleich bei der ersten Audienz deffen scharfen Verstand bei Beurtheilung der politischen Weltlage zu bewundern Gelegenheit hatte. Und wahrlich er hatte keine Ursache, seine getroffene Wahl zu bereuen. Wie vom ersten Träger dieses Namens konnte auch von Josef Nasi gesagt werden: „Und Alles, was er unternahm, ließ der Herr durch ihn gelingen." Kein Wunder, daß der Sultan ihm unbedingtes Vertrauen schenkte. Selbst bei der Wahl unter seinen Söhnen für die Thronfolge war NasiS Rath ausschlaggebend. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß seine Fürsprache für den Prinzen Selim nicht gefahrlos gewesen. Denn Selims Bruder Bajazio war des Heeres Liebling. Während kein Höfling sich getraut, dem Prinzen Selim aus Furcht vor Bajazio sich zu nähern, war es der im christlichen Spanien geächtete Jude, der ihm offen seine Anhänglichkeit bewies. Der regierende Sultan gab ihn auch dein Prinzen-Thronfolger als Rathgeber zur Seite, um ihn vor den Schlingen zu sichern, welche höfische Ränkeschmiede ihm gelegt. Für die sichtbaren Dienste, die er ihm geleistet, ernannte ihn der Prinz zu seinem Mutasarrica. Wie ein wahrer Hohn auf die christliche Gesittung klingt es, daß ein Jude, der unter