Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 32-33 (27.4.1897)
- Date
- 1897-04-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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597 Feuilleton. Getreu bis in den Tod. 16) Von Maurice Ma?ou Pua trat wieder ins Zimmer und fragte Alfred, ob er etwas zu genießen wünsche. Als er verneinend das Haupt geschüttelt und das Mädchen das Zimmer wieder verlassen hatte, begann er von Neuem zu lesen. „Den 1. Adar 56 . . Wenn der Monat Adar eintritt, sollen wir uns mehr Freude gönnen, so lehren imsere Weisen. Aber ich habe leider keine Zeit, mir jetzt irgend welche Erholung zu verschaffen. In wenigen Wochen findet die öffentliche Prüfung statt, und da heißt es rastlos arbeiten und schaffen. Ein naßkalter Wind fährt heulend durch die dürren Zweige der Linde. In meinem Ofen flackert und prasselt ein lustiges Feuer, welches das Zimmer mit behaglicher Wärme erfüllt. Ich dampfe meine lange Pfeife und ftudire Sophokles: „Kein größeres Uebel giebt es, als die Herrschaftslosigkeit." Klingen diese Worte nicht wie ein Trost für mich alten Jungen, der noch immer gezwungen ist, auf der Schulbank zu hocken? Nun, ich will mich der herrschenden Nothwendigkeit beugen unb rastlos auf das Ziel losarbeiten." „Den 18. Nissan . . Das Examen ist zu Ende. Ich zitterte wie Espenlaub vor Aufregung, als ich den Oberschulrath auf mich zuschreiten sah. Während er Worte des Lobes über meinen Fleiß und meinen Eifer sprach, heftete er auf meine zum Zerspringen lautpochende Brust die goldene Medaille, die höchste Auszeichnung, die einem Gymnasiasten zu Theil werden kann. Thränen der Freude quollen aus meinen Augen, und kaum vermochte ich mit bebenden Lippen meinen Dank zu stammeln. Alle Lehrer drückten mir freundschaftlich die Hand und gratulierten mir zil der Auszeichnung. Voll freudiger Bewegung eilte ich in die Arme meines Freundes, des Doctor Rothcr. Er legte segnend seine Hände auf mein Haupt und sprach mit Innigkeit: „Gott schütze Dich ferner, mein Kind! Mögest Du zur Ehre Deines Volkes, zum Ruhme Deiner Religion leben und wirken!" „Den 22. Nissan 56 . . Wie widerlich, wie schändlich ist der falsche Stolz meines Oheims! Und doch ist er nicht der einzige unserer Stammesgenossen, der so denkt und handelt. Der Mann, der in dünkelhafter Selbstüberhebung die Religion seiner Väter verletzte und mich, seinen Verwandten, verleugnete, erinnerte sich erst in dem Augenblicke des verwaisten Kindes seines Bruders, in welchem er erfuhr, daß diesem eine ehrenvolle Auszeichnung zu Theil geworden. Er betrachtete es gewissermaßen als eine ihm persönlich widerfahrene Ehre, daß sein Neffe die goldene Medaille erhielt. . Wir saßen gemttthlich bei Tische und besprachen meinen Studicngang und meine Zukunft. Ich hatte mich für das Studium der Medizin entschlossen, und Herr Dr. Rother rielh mir, einige Semester eine deutsche Universität zu frcqucntiren. Er wollte auch, daß ich zu meinem Onkel gehe und ihm die frohe Kunde von dein glücklichen Ausgang meines Examens überbringe: „Denn," so meinte er, „es wäre eigentlich Deine Pflicht gewesen, es schon früher zu thun; auf einen oder zwei Tage wird es nicht ankommen, aber länger darfst Du diesen Pflichtbesuch nicht aufschiebcn." Unwillig nickte ich mit dem Kopfe und wollte mich in mein trautes Stübchen begeben, um mich umzukleiden, als das Gerassel eines Wagens, der plötzlich vor dein Hause Halt machte, mich zum Fenster hinausblicken ließ. Wer mochte wohl der Ankommende sein? „ES ist mein Onkel!" schrie ich bestürzt auf, und schon wurde die Thür aufgestoßen und mein Onkel polterte ganz erhitzt ins Zimmer. „In meine Arme, mein braver Sohn," rief er, als er mich erblickte. „Ich habe es ja immer gesagt, laßt den Jungen nur feinen eignen Weg gehen, aus ihm wird noch etwas Tüchtiges werden! Er wird dem Namen Eholikoff schon Ehre machen!" Ich glaubte, unter seinen Küssen und Umarmungen ersticken 51t müssen. „Eigentlich sollte ich Dir zürnen" — fuhr er redselig fort „daß Du Deinen Onkel die frohe Kunde erst durch die Zeitung erfahren ließest und sie nicht persönlich — wie es sich gehört — überbrachtest. Aber ich will Gnade vor Recht gelten lassen; denn ich begreife wohl, daß man in der Aufregung vergeßlich sein kann — und freudig erregt wirst Du wohl sein, mein lieber Junge? Ihnen, Herr Doctor," wandte er sich an Doctor Rother, „bin ich zu ganz besonderein Danke verpflichtet, daß sie sich meines lieben Neffen in so freundlicher Weise annahmcn. Der Knabe hatte feine Eigenheiten," fuhr er wie entschuldigend fort, „und ich war zu sehr von meinem Geschäfte in Anspruch genommen, um mich persönlich um seine Ausbildung viel zu bekümmern, da mußte ich mich — so schwer es mir fiel — entschließen, ihn von mir zu geben. Nun, Gott sei Dank, er war den besten Händen anvertraut." Doctor Rother verneigte sich und um seine Lippen zuckte es wie ein sarcastisches Lächeln. „Jetzt, lieber Manfred, wollen wir nach Hause. Die Tante unb Nelly warten Deiner mit Ungeduld, um Dir ebenfalls ihre Glückwünsche darzubringen. Nach dem Diner, zu welchem eine vornehme Gesellschaft eiugeladeu ist, der ich meinen preisgekrönten