Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1897)
- Date
- 1897-04-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXTm. Jahrgang. Iweite Stil. M M 30 & 31 -es „Israelit". Leitender Artikel. Die Uolhlagr der jüdischen Bevölkerung Marschaus. Der hervorragende polnische Romancier und geistreiche Feuilletonist, Boleslar Prus, schreibt unter obiger Ueberschrift im „Kurjer Codzienay": Vor einigen Tagen ging mir die Lifte der Steuerträger für jüdische Cultuszwecke zu. Dem Verzeichnisse war ein anonymer Brief beigeschloffen, dem ich einige Sätze entnehme: „Aus diesem Dokumente werden Sie sich überzeugen, wie es mit dem verschrienen jüdischen Reichthum beschaffen, wenn man den Umstand in Erwägung zieht, daß die jüdische Einwohnerzahl Warschau's über 200,000 Seelen beträgt, und daß Vertrauenspersonen, die die lokalen jüdischen Verhältniffe genau kennen, eifrig bemüht waren jeden der nur einigermaßen zahlungsfähig, zum jüdischen Gemeindenthume heranzuziehen." Die Ziffern sind in der Thal interessant. Von 200,000 jüdischen Bewohnern Warschau's, zahlen gegen 3,500 Personen Gemeindesteuer. (Von 25 bis 275 Rubeln.) Soviel ich nach einer flüchtigen Berechnung feststellen konnte, beträgt der Durchschnittsbeitrag 24 Rubel per Steuerzahler. Denn obwohl zahlreiche Mitglieder über 5 Rubel zahlen, gibt es Höchstbesteuerte (275 Rubel) nur 16. Die 197,000 Personen, die für Cultuszwecke nichts beizusteuern vermögen, beweisen die große Ausdehnung des jüdischen Elends. Dieses ist lang und breit wie das Meer. Und jetzt wollen wir dessen Tiefe ergründen. Dr. Josef Tchorznicki beschreibt in seiner vorzüglichen Arbeit „Arbeiterwohnungen" ein gewiffes Haus, das nur für 762 Personen Luft hat, in dem aber 1,235 Menschen wohnen und zwar 424 Christen und 811 Juden. In diesem Hause kommt auf eine einfenstrige Stube 5 Bewohner. Auch das ist schon ein großes Elend, wenn 5 Personen in nicht ganz 5 Kubikklafter Luft leben. Ich habe aber einmal eine noch interessantere möblirte jüdische Wohnung gesehen. Ich bitte, sich eine mittelgroße einfenstrige Stube vorzustellen. Diese Stube war in halber Höhe durch eine Zimmerdecke in 2 Theile geschieden, in eine obere und untere Hälfte. Im Oberraum, der sein Licht durch die obere Fensterhälfte erhielt, standen vier Bettstellen, d. h. es wohnten dort vier Ehepaare mit ihren Kindern. Im Unterraum, der sein Licht durch die untere Fensterhälfte erhielt, standen gleichfalls vier Bettstellen, d. h. es wohnten da wieder vier Familien. In diesem Lokale also, waren 16 erwachsene Personen auf das Licht eines Fensters angewiesen. Da ich dort nur am Tage und im Sommer war, habe ich keine Idee wie diese Wohnung zu Nachts¬ und Winterszeit aussieht. Während meines Dortseins war das Fenster geöffnet und beinahe alle Insassen außer Haus; unten war nur ein Schuster und ein krankes Weib, das ein mir bekannter Arzt eben besuchte, zurückgeblieben und oben stöhnte eine Wöchnerin. Es sind bereits mehrere Jahre verflossen, und doch denke ich noch sehr gut an dieses außergewöhnliche Lokal. Es scheint mir, daß ich noch heute das Klopfen des Schusterhammers, das Stöhnen der Wöchnerin vernehme. So, noch weniger, schaut die jüdische Armuth, selbst in denjenigen Orten, die zu sondiren ich Gelegenheit hatte, aus. 197,000 arme Teufel sind so zusammengepfercht, daß sie kaum athmen können, die sich obendrein Gott weiß, womit ernähren; das das Bild der jüdischen Bevölkerung Warschau's. Trotzdem, sagen wir aufrichtig, wieviel jüdische Bettler begegnet unsereinem im Leben? Man kann ohne Uebertreibung sagen, die Juden betteln überhaupt nicht, wenigstens nicht in den christlichen Stadttheilen. „Diese ganze Bevölkerung" — sagt der Verfasser, „existirt nur deshalb, weil sie sich gegenseitig unterstützt, vom Reichen, der Tausende verdient angefangen, bis zur letzten Höckerin oder Lastträger, dessen Tagesverdienst keine 20 Kopeken übersteigt." „Sie unterstützen sich nicht nur bei solchen Anlässen wie Trauung, Beschneidung, Krankheit oder Todesfall, sondern auch in den gewöhnlichsten Zeitkäufen." Ich muß noch hinzufügen, daß eine ähnliche Millionäre und Taglöhner verbindende Solidarität, bei der achtbarsten Nation der Welt, bei den Schweizern besteht. Dort ist der Grundsatz „einer für alle und alle für einen" soweit bindend, daß Eigenthümer eines Gartens dir manchmal keine Birne verkaufen, sondern dich an die Obstlerin in der Stadt weisen wird. Es gibt Mittel, selbst solch ein großes Elend, von welchem wir nicht einmal eine richtige Vorstellung haben, zu bekämpfen. Man muß sich nur langsam und succesive das schweizerische Prinzip: „Einer für alle, alle für einen" aneignen.