Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-04-15 · Heft 30-31 (15.4.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 30-31 (15.4.1897)
Date
1897-04-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448735--43729-2492792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«ywmag.ywj»’ '-; ' J.'J-^Wl"f iy> u^l jp^J^MWirJiHL|4!|| JU utPiwj 565 Noch wenige Stunden und der vom Firmament schwindende Sonnenstrahl ruft mich in die Synagoge; denn das heilige Versöhnungsfest naht. Sei mir gegrüßt, Du großer und heiliger Tag! Von Abend zu Abend schlingst Dn das schönste Band, Liebe und Versöhnung, um die Menschheit! Versöhnung! Mit welch' süßem Accord berührt der Zauberklang dieses Wortes die Saiten unseres Herzens? Wessen Gemüth wird nicht von wonnigem, heiligem Schauer durchbebt, wessen Brust wird sich nicht gehoben fühlen beim Herannahen dieses Festes, das unser heißestes Sehnen erfüllt, unser Hoffen und Harren zur beseligenden Wahrheit gestaltet, mit unserem Gotte, mit uns selbst uns wieder versöhnt! . . . Im Nebenzimmer studirt mein Lehrer uitb Freund, Dr. Nother, bei welchen mich mein Oheim in Pension gegeben, fleißig an seiner Predigt, die er heute Abend halten will. Wie freue ich mich, auf seine Worte zu lauschen, aus denen so viel Begeisterung für die heilige Lehre sprudelt! Wie liebe, wie verehre ich den wunderbaren, den einzigen Mann! Es war ein Glück für mich, und ich muß Gott ganz besonders für die Huld danken, daß er das Herz meines Oheims lenkte, die Leitung meiner Erziehung gerade diestm Manne zu übergeben. . . . Nepomuk fuhr fort, mich zu quälen uitb zu prügeln. Seine Zornesausbrüche pflegten gewöhnlich den Höhepunkt zu erreichen, wenn er erfuhr, daß ich die Leckerbissen, die mir in der Küche — am Tische meines Oheims durfte ich nach dem Ausspruche Nepomuks noch nicht essen, weil ich noch nicht „salonfähig" war — gereicht wurden, verschmähte und statt dcffen an Brot und Früchten meinen Hunger zu befriedigen suchte, nachdem mich der Umgang mit dem Gesinde gelehrt, daß die Speisen nicht nach dem jüdischen Nitus zubereitet wurden. Der Onkel schien sich wenig um meine Existenz zu kümmern. Nur ein einziges Mal verlangte er mich zu sehen und bei dieser Gelegenheit hielt er mir eine lange Strafrede, daß ich den „weisen Mahnungen" des „trefflichen Nepomuk" folgen und doch endlich von dem „starren fanatischen Judenthum" lassen möge. Für diese Lieblosigkeit suchte die Tante, eine ebenso corpulente, wie charakterschwache, aber sonst gutmüthige und sanfte Frau, mich dadurch zu entschädigen, daß sie meinen Mund mit Süßigkeiten vollstopfte. So lebte ich mehrere Jahre im Hause des Oheims. Entbehrungen und Mißhandlungen machten mich menschenscheu, und das Bewußtsein, daß ich das in meiner Kindheit mit großer Mühe Erlernte täglich mehr vergesse, zehrte an meinem Herzen und erfüllte mich mit noch tieferem Schmerze, als die verletzenden Worte Nepomuks. Eines Tages saß ich im Garten und schaute starren Blickes gedankenlos in's Leere. Der Kummer hatte meine Wangen gebleicht, und die Hoffnungslosigkeit meiner Lage entlockten mir Thränen der tiefsten Verzweiflung. Da fühlte ich plötzlich, wie eine Hand sich sanft auf meine Schulter legte. Ich sprang erschreckt empor. Vor mir stand die Tante und schaute mich mitleidig an. „Warum weinst Du, mein liebes Kind?" fragte sie sanft. „Wie schrecklich blaß Du aussiehst! Fühlst Du Dich unwohl oder hast Du sonst zu klagen?" Ein neuer Strom von Thränen machte dem gepreßten Herzen Luft. Es war seit Monaten der erste mitleidige Ton einer menschlichen Stimme, der mein Ohr berührte. „Weine nicht, liebes Kind, habe Vertrauen zu mir und erzähle mir, was Dein Herz bedrückt!" „Damit mein Quälgeist, der Nepomuk, Grund hat, mich auf's Neue zu prügeln, wenn er erfährt, daß ich ihn verrathen habe!", stieß ich hervor und das Schluchzen erstickte meine Stimme. „Wie?! Nepomuk wagt es, die Hand gegen Dich zu erheben, mein armer Junge?" Staunen und Entrüstung malten sich in den Gesichtszügen der Tante. „Und weshalb, mein Kind?" „Weil ich mich weigere, Gekochtes zu effen!" brach es zögernd über meine zitternden Lippen. „Und warum weigerst Du Dich, das zu thun? Wie kann man denn sonst leben?" „Ich darf doch als Jude keine unkoscheren Speisen genießen! Aber ich bin ja auch mit trockenem Brote zufrieden." Ein Seufzer entrang sich der Brust der Tante, dann stieg flammende Röthe in ihr Gesicht, die aber bald einer erdfahlen Blässe wich. Einige Sekunden blickte sie, wie in Gedanken verloren, vor sich nieder, dann fuhr sie mit der Hand über die Stirn und sagte.: „Armes, armes Kind! Du besitzest mehr Seelenstärke, als mancher Erwachsene. Aber es soll anders werden! Mache Dir keine Sorge und habe Vertrauen zu Deiner Tante!" Schon den folgenden Morgen sollte ich die Gewißheit erlangen, daß die Tante ihr Versprechen nicht vergessen hatte. Nepomuk machte mir mit ziemlich verstörtem Gesichte die Eröffnung, daß mein Onkel den Entschluß gefaßt habe, mich zu Herrn Rabbiner Dr. Nother in Pension zu geben, da er die Ueberzeugung gewonnen, daß sich vorläufig gegen meine „polnische Beschränktheit" nichts thun ließe. Tags darauf hielt ich meinen^Einzug in das Zimmer, in welchem ich mich jetzt befinde. Ein neues Leben begann für mich; was ich so lange schmerzlich vermißt, das Studium^des Talniud, ergriff ich mit um so größerem Feuereifer und machte hierin, wie in den Gymnasialfächern zusehends Fortschritte. Jetzt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.