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Der Israelit · 1897-04-08 · Heft 28 (8.4.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 28 (8.4.1897)
Date
1897-04-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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rf*vr*‘* njwv *' 529 Ihr Lieblingswunsch schien in Erfüllung zu gehen. Durch regen Fleiß und Eifer, ganz besonders durch meine aufrichtige Liebe zu der heiligen Lehre brachte ich es dahin, daß mich meine Lehrer für einen Musterschüler erklärten und mir eine glorreiche Zukunft prophezeiten. Aber gar wunderbar und seltsam sind die Verwickelungen im Menschenleben, selbst die kunstgeübteste Hand vermag den Knoten, den sein Schicksal um ihn gesponnen, nicht aufzuknüpfen .' „In ungetrübter Freude verflossen die Jahre »reiner Kindheit, da traf mich ein jäher Blitzschlag und riß mich aus meiner Gewohnheit, brachte eine vollständige Umwälzung in meiner Beschäftigung hervor. „Herrliche unvergeßliche Zeit der Kindheit! Frischer als der Thau des Himmels sind Deine Freuden : lebhafter als der tausendfältige Glanz der Blume im Lichtmeere der Sonnenstrahlen ist Deine Farbenpracht! Aber noch schneller als der Thau trocknet, verrauscht die Freude, noch rascher als die Blume welkt die Heiterkeit der Kinderjahre. „Ich hatte mein dreizehntes Lebensjahr erreicht. An dem Tage, an welchem ich die Pflichten des Judenthums übernahm, wurde ich zur Thora gerufen und las mit lauter Stimme der Gemeinde den Wochenabschnitt vor. Dieser denkwürdigste Tag meines Lebens wurde festlich begangen. Mein Vater lud fast die ganze Gemeinde zu dem festlichen Male, das er zur Feier des Tages ihnen bereitet. Mein Herz jubelte laut vor Freude, und mit der ganzen Begeisterung, deren ein jugendliches Gemüth fähig ist, gab ich mich derselben hin. Leider sollte dieser Tag, der so freudig begonnen, mit einem schrecklichen Leid enden. Meine Mutier wurde während der Mahlzeit sehr bedenklich krank und in wenigen Stunden hatte sie ihr Leben aufgegeben. Noch war die Leiche nicht bestattet, als die Epidemie, die damals in dem Städtchen wüthete, mir auch den Vater wegraffte. „Aufgelöst in Schmerz und Gram saß ich in dem Raume, in welchem kurz zuvor eine zärtliche Mutter, ein liebevoller Vater geschaltet und gewaltet und mich mit tausend Beweisen ihrer Liebe umgeben hatten. Ich stand nun ganz einsam und verlassen auf Gottes weiter Welt. Von meiner Familie wußte ich nur, daß ein Bruder meines Vaters ein vielfacher Millionär fei, aber da er sich bisher um seinen Bruder sehr wenig gekümmert, hatte ich keinen Grund zu hoffen, daß er sich für das verwaiste Kind seines Bruders mehr interessiren werde. Ich sollte mich indeß verrechnet haben. „Es war die letzte Stunde der Trauerwoche» Bange Sorge und Zweifel durchwühlten mein betrübtes Herz. Was soll aus mir werden? Wie soll sich meine Zukunft gestalten? In dumpfem Hinbrüten kauerte ich auf dem Boden und weinte still vor mich hin. Da wurde die Thüre des Zimmers geöffnet, und unser Ortsrabbiner Veilchenduft trat in Begleitung eines elegant gekleideten Herrn über die Schwelle. „Hier, lieber Samuel," sagte der Rabbi, „der Herr da ist von Deinem Oheim gesendet, um Dich in sein Haus zu führen, in welchem Du fortan leben sollst." „Neugierig schaute ich zu dern Fremden empor; schlug aber sofort meine Augen erröthend zum Boden nieder. Sein spöttischer, hohnvoller Blick, aus welchem Grausamkeit und Härte leuchtete, verwirrte mich und preßte mein Herz zusammen. „Wie heißt Du, Junge?" fragte der Fremde, indem er geringschätzig die Schultern zuckte. „Schmuel ben Reb Judel," brach es unbewußt über »reine Lippen. Ich war nämlich seit meiner Bar-Mitzwah gewohnt, auf eine derartige Frage stets diese Antwort zu geben. „Jener brach in ein lautes, hohnvolles Gelächter aus. „Dummkopf! Deinen Familiennamen meine ich." „Cholikoff," vernrochte ich kleinlaut zu erwiedern. „Es ist gut, Schmuel ben Reb Judel Cholikoff," spottete er. „Ich bin von denr gnädigen Herrn Baron Cholikoff beauftragt. Dich zu ihn: zu führen. Ich sehe aber, daß Du nicht bloß bis über die Ohren in polnische»! Schnrutze steckst, sondern daß auch Deine polnische Dunrmheit nichts zu wünschen übrig läßt. Danrit Dein Aussehen und Gebühren dem gnädigen Herrn nicht zur Schande gereiche, wollen wir gleich mit Deiner Reinigung beginnen. Zuvörderst wirst Du schon heute Deinen polnischen Kaftan ablegen und heute mit mir in einem christlichen Hotel zu Mittag speisen. Aber warn»! hockst Du noch immer auf denr Boden, Schnmel ben Reb Judel?" „Mein Blut begann sich zu regen und ich sprang leidenschaftlich erregt empor. „Herr!" schrie unser Rabbiner, und eine tiefe Erregung, wie ich sie an dem milden und gegen Jeden geduldigen Mann, noch niemals beobachtet, zitterte in seiner Stimme. „In welchem Tone erkühnen Sie sich mit eine»! Verwandten Ihrer Herrschaft zu reden?! Glauben Sie etwa berechtigt zu sein, gegen eine schutzlose Waise diesen höhnischen, frechen Ton anzuschlagen?! Der Oheim des Knaben hat Ihnen den Auftrag gegeben, denselben zu ihm zu führen, aber dieser Auftrag erstreckt sich keinesfalls darauf, seinen Verwandten zu beleidigen und zu verhöhnen!" (Fortsetzung folgt.)

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