Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1897)
- Date
- 1897-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'--^ f+V XU*.?.]?**> yk *1.* -V.'* c^V'1 I 's--E ' ^I.LIliWIlJ.Ul'J >W?^s 493 Danke verpflichtet bin!" unterbrach Edith mit einer gewissen Hast ihrer Mutter. „Und von dem," lächelte die Gräfin, „Du uns in so überschwänglicher Weise geschrieben. Er ist wohl ein charmanter junger Mann, der Doktor Frankenheim, daß sich junge Damen für ihn in dieser Weise interesstren?" Ein herber bitterer Zug legte sich um den schön geformten Mund Edith's und die weißen Zähne gruben sich in die Unterlippe. „Das wohl," versetzte sie „aber" .... „Aber?", wiederholte die Kranke. „Ec ist Jude!" — Es klang.^wie ein beißender Hohn von den schönen Lippen. Die Kranke fuhr jäh in die Höhe. Ihr Gesicht wurde um einen Don blässer und sie betrachtete ihre Tochter mit fast feindseligen Blicken. »Jude?" stöhnte sie, „Jude? Ist der Jude kein Mensch, dummes Kind? ... Ist das Deine ganze Bildung, die Du Dir in dem hiesigen Institut erworben? Jude? — Ich gebe was drum, wenn Du ebenfalls Jüdin wärest, verblendete Thörin!" Edith starrte ihre Mutter sprachlos vor Entsetzen an- Was trieb sie zu dieser Raserei? Was gingen sie die Juden an? Und hatte sie nicht selbst die Juden in der Person des Doktors besser beurtheilen, ja schätzen gelernt? Freute sie fick nicht jedesmal, wenn sie ihm begegnete und einige Worte mit ihm wechseln durfte? Nur aus Rücksicht für ihre Eltern mied sie jeden Verkehr mit ihm, so schwere Ueberwindung es kostete, und jetzt geschah das Unglaubliche, sie wurde von ihrer Mutter verhöhnt wegen des Opfers, das sie als gutes Kind ihren Eltern bringen zu müssen glaubte? Warum denn? Erstaunt blickte sie nach ihrer Mutter. Die Augen derselben waren geschlossen und sie lag wiederum in der dumpfen Theilnahmslosigkeit, wie vorhin. Es war sicherlich die Krankheit, welche jenen gereizten, leidenschaftlichen Ausbruch verschuldete. Edith hatte indeß keine Zeit diesen Gedanken länger nachzugehen, denn die Thüre wurde jetzt langsam und zögernd geöffnet. Ein schöner Mann trat mit leisen Schritten in das Zimmer und näherte sich kaum vernehmbar dem Bette. „Papa, lieber Papa, herzlichst willkommen!" Mit diesem Jubelruf flog Edith ihrem Vater entgegen, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn herzlichst. Graf Leontjew mochte ein hoher Vierziger sein. Seine Haltung verrieh den Soldaten trotz des eleganten Civilanzuges, den er jetzt trug. Aus seinen schwarzen Augen flammte wilde Erregtheit und große Angst. Der tapfere Mann, der im todtbringenden Kugelregen mit unerschütterlicher Ruhe seine Befehle ertheilte, ohne mit den Wimpern zu zucken; er stand jetzt muthlos und gebrochen am Krankenlager feines Weibes. Mit zitternden Händen strich er das wirrherabhängende Haar, in welche sich schon zahlreiche Silbersäden mengten, aus der Stirn, und wie ein Wimmern der Verzweiflung rang es sich von seinen Lippen. Als ob sie seinen Blick fühle, schlug die Kranke die Augen aus und ein freudiges und schmerzliches Lächeln zugleich umspielte ihre farblosen Lippen, als sie den Gatten erkannte. Dieser neigte sich über ihre Hand und küßte sie thränenfeuchten Auges. Der muthige Mann weinte zum ersten Male in seinem Leben. ^Wie geht es Dir, ma chere?" „Es geht besser, Sergei. Ich war sehr ungehalten über Kaschka, daß sie Dir von dem kleinen Unfall telegraphrrt hat; so gefährlich war er nicht!" Und wie zum Beweise hierfür versuchte die Kranke sich aufzurichten, mußte aber ihr Vorhaben mit einem leisen Schmerzensruf wieder aufgeben. Sergei streichette liebkosend ihre Wangen. „Ich war in Gesellschaft unseres Nachbars auf der Jagd," erzählte er, „als mir ein reitender Bote die Depesche überbrachte. Ich befahl einzuspannen und eilte sofort — ich gestehe es — mit nicht geringer Besorgniß hierher. Nun, Gott sei Dank, daß d'e Gefahr nicht so groß ist, wie ich sie mir in meiner Phantasie ausgemalt! Nicht wahr, Nelly, Du fühlst Dich wohler?" „Gewiß, lieber Sergei, ich fühle mich ganz wohl!" „Und Du, Edith," wandte sich Sergei an seine Tochter, „bist wohl recht ungehalten, daß Dein Papa von jetzt ab die Pflege unserer lieben Kranken mit Dir theilen wird?" „Nicht im Mindesten lieber Papa! Mama ist so anspruchslos, daß ihre Wartung Niemanden lästig fällt. Du wirst ebensowenig Gelegenheit finden. Deinen guten Willen zu bethätigen, wie es bei inir der Fall war." „Sergei," frug die Kranke plötzlich und unaussprechliche Angst zitterte in ihren Worten. „Wirst Du auch dann noch an meine Liebe und Treue glauben, wenn Du erfährst, daß ich Dir das Kostbarste, was Du besessen, geraubt habe?" Sergei stutzte und seine Augen thatcn sich weit auf. Sein Weib, das er abgöttisch liebte, hatte Geheimnisse, die er nicht erfuhr? Ein dunkler Schatten glitt über sein erbleichendes Antlitz, die Lippen preßten sich auf einander, und kalte Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. „Du sprichst in Räthseln, Nelly! Willst Du nicht deutlicher reden?" kam es gepreßt über seine Lippen, und er sah seine Gattin mit durchbohrendeit Blicken an. Einige Augenblicke herrschte dumpfe Stille in dem Gemache, das nur von dem monotonen Ticken der Wanduhr-^unterbrochen wurde.