Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1897)
- Date
- 1897-03-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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453 Feuilleton. Getreu bis in den Tod. Von Maurice Mavon. IN) Der Erzählende machte eine kleine Pause. „Leontjew wird Dein Bruder jetzt genannt?" fragte August athemlos. „Auch Edith ist eine Gräfin Leontjew." Leontjew?" murmelte Alfred und preßte die Lippen aufeinander — „Ach Gott, der Traum, der Traum „Ja, Graf Leontjew! Sergei, glaube ich, ist sein Vornamen," erwiderte der Alte mit tiefer Wehmuth. „Er zeichnete sich durch seine hohe Begabung überall aus, avaneirte vom Lieutenant znm Hauptmann, vom Hauptmann zum Major, bei Sebastopol wurde er zum General erhoben und bei der Thronbesteigung Alexanders II. wurde ihm der Grafentitel verliehen. Ich mußte ihm von allen Vorgängen erzählen und rief auch die letzten Worte unseres Vaters in seiner Erinnerung wach. Er hörte mich ernst und schweigend an, als ich ihn jedoch eindringlich bat, zu der Religion der. Väter zurückkehren und Würde und Stellung ihretwegen zu entsagen, da brach er in ein schallendes Gelächter aus und nannte mich einen naiven, beschränkten Thoren. Meine Freude ward dadurch noch mehr getrübt, und als wir.von einander schieden, wußten wir sehr wohl, daß wir uns im Leben niemals wieder begegnen werden, denn unsere Wege gingen zu weit auseinander. Er besuchte mich zwar noch einmal in meiner Behausung und rvollte mir mit aller Gewalt eine bedeutende Summe Geldes aufdrängen; allein ich lehnte diese Unterstützung energisch und entschieden ab. Wenige Wochen darauf tvar die Verschwörung gedämpft, und er verließ, ohne Abschied von mir zu nehmen, die Stadt. Vor mehrereit Jahren erfuhr ich, daß er die Tochter des sehr reichen, jüdischen Lieferanten Cholikoff geehlicht habe, die ihm zu Liebe ebenfalls die Religion der Väter abgeschworen hatte." Tiefe Stille herrschte nun im Nebengemach, Alfred schloß die Augen, um das Gehörte besser in sich aufnehmen zu können. Da hörte er den Alten plötzlich sagen: „Ach Gott, im Alter wird man immer schwatzhafter und vergißt dabei seine heiligsten Pflichten. Gehe leise in die Kammer, Pua, und sieh nach, ob unser Patient noch immer schläft. Auch Du, lieber August hast durch unser Gespräch Deiner Pflichten gegen unsereit Verunglückten vergessen." Die Thüre wurde leise und vorsichtig geöffnet. Alfred schlug die Augen auf und erblickte im Rahmen der Thüre ein liebliches Mädchen, dessen braunen. freundlichen Augen auf ihn gerichtet waren. Es blitzte freudig in denselben auf, als sie Alfreds Blick begegnete. Die goldnen Locken aus der klaren Stirn streichend, rief sie in das Nebenzimmer hinein: „Großpapa! August! Der Herr ist wach!" Ein Greis, dem ein jugendkräftiger Mann folgte, trat über die Schwelle. „Gott segne Dich, mein Sohn" — sagte er und legte die Hände auf Alfreds Haupt. Es war eine gar ehrwürdige Erscheinung. Seine hohe imposante Gestalt hüllte ein langer, weiter Atlasmantel den um die Taille ein schwarzseidener Gürtel umspannte. Der lange schneeweiße Bart rollte bis zum Gürtel herab; die durchgeistigten Gesichtszüge waren von edlem, fast classischen Schnitt und jede Bewegung in ihnen sprach von einer Harmonie und einem Seelenfrieden, der den Beschauer mächtig anzog. Auf der sanstgebogenen Adlernase saß eine Brille und aus ihren blankgeputzten Gläsern schauten zwei schwarze, kluge Augen, welche ein milder Ernst durchglühte. Der Jüngere war in einem modernen Anzug gekleidet. Seine Haltung war vornehm, sein Gesicht schön un) sanft, aus den Augen jedoch leuchtete unbeugsame Energie und eiserne Willenskraft. „Fühlst Du Dich kräftig genug, mein Sohn?" fragte der Greis und streichelte liebkosend Alfred's Wangen, „um uns Aufschluß zu geben, wie —?" „Ich muß Dich aufs Entschiedenste ersuchen, Großpapa," unterbrach ihn August, der Alfreds Hand ergriffen hatte, „den Knaben vorläufig mit Deinen Fragen zu verschonen! Das Fieber ist noch ziemlich stark, jede Gemüthsbewegung kann nachtheilige Folgen haben. Im Interesse meines Patienten muß ich Dich sogar bitten, das Zimmer zu verlassen, denn Ruhe ist für firnen Zustand die beste Medizin." „Aber ich möchte doch!" — wandte Alfred ein. „Pst, pst! mein lieber Sohn! dem Arzt muß man gehorchen", beruhigte der Alte mit mildem Lächeln. „Ich möchte aber!" — fing Alfred auf's 'Neue an. „Nichts da, lieber Freund," unterbrach ihn August, „der Kranke hat keinen eignen Willen' Sein Wille muß die ärztliche Verordnung sein, und in meiner Eigenschaft als Arzt erkläre ich Ihnen, daß Ihnen das Reden schädlich ist. Beruhigen Sie sich also." „Ich möchte aber doch wissen!" machte Alfred noch einen Versuch. „Laß gut sein, August!" beeilte fich der Greis ihn zu unterbrechen, „ich glaube, daß es Deinem Patienten eine Beruhigung sein wird, wenn er erfährt, wo er sich befindet und wie er hierher gekommen ist. Aber Sie, mein Sohn, Sie dürfen kein Wort dazwischen sprechen, sonst schweige ich sofort! Mein Enkel, Dr. Frankenheim, wurde zu einer