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Der Israelit · 1897-03-22 · Heft 23 (22.3.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 23 (22.3.1897)
Date
1897-03-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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437 Feuilleton. Getreu bis in den Tod. Von Maurice Mavon. 9) Mein Vater schloß das Fenster und taumelte zurück. Sein Gesicht war von Leichenblässe übergossen und sein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. „Den Simon, um Gvtteswillen, den Simon verbergen!" vermochte er kaum hervorznstonen. Aber zu spät! Ein mächtiger Stoß, und die Thüre siel krachend zusammen. Bewaffnete Soldaten drangen, von einem Offizier geführt, in's Zimmer, und kauin erblickten sie meinen armen Bruder, der sich bebend in einem Winkel des Zimmers verbarg, als sie ihn ergriffen und anherrschten, ihnen zu folgen. Mit einem lauten, wilden Aufschrei stürzte sich meine Mutter auf ihren Liebling, schlang ihre Arme um ihn und suchte ihn mit ihrem Leib zu schützen. Vergeblich waren die Ermahnungen des Offiziers, in dem menschliche Rührung mit der Pflicht einen heftigen Kampf zu führen schien, umsonst waren die Rippenstöße, welche die grausamen Soldaten der armen Frau versetzten, weder das eine noch das andere vermochten das Kind aus der Umarmung der Mutter zu trennen. Da versetzte ein Soldat dem unglücklichen Weibe einen mächtigen Kolbenschlag auf das Haupt, und rücklings fiel es mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu Boden. „Mit meinem Vater war eine grauenhafte Veränderung vorgegangen. Wie zu einer Bildsäule erstarrt, stand er da weder die sterbende Mutter, noch die Versicherung des Offiziers, daß der Mörder seiner Strafe nicht entgehen werde, vermochten ihn aus der Erstarrung zu lösen. Er schien nur noch von einem Gedanken beherrscht zu sein, und diesen sprach er aus, als der schluchzende Knabe das Haus seiner Eltern für immer zu verlaßen im Begriffe war. Er eilte auf das Kind zu, schlang seine Arme um dasselbe und mit bebender, grabesähnlicher Stimme sprach er: „Bleibe Deiner Religion treu, mein Simon! . . . Sprich immer: Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott!" „Was soll ich noch ferner erzählen, liebe Kinder? Wie vermag ich Euch diese schmerzlichsten Stunden meines Lebens zu schildern? Die Mutter lag als Leiche in ihrem Blute, des Vaters Geist war gestorben, und ich stand in meinem Schmerze ganz verlaßen da. Vergeblich waren meine Gnadengesuche bei dem Kaiser, dem ich unser ganzes Unglück in seiner trostlosen Wahrheit geschildert hatte; nach vielen Jahren erst erhielt ich die noch trostlosere Kunde, daß mein Bruder seine Religion abgeschworen habe und zur griechisch-katholischen Kirche übergetreten sei. Der intelligente Knabe fand Wohlgefallen in den Augen seiner Vorgesetzten und wurde einem Kadettencorps eingereiht. Das war Alles, was ich damals von ihm erfahren konnte. Mein Vater starb wenige Jahre darauf ohne die Klarheit seines Verstandes wieder erlangt zu haben." Ein schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust des alten Mannes. In Alfreds Augen schimmerten Thränen. Er legte die Hand ans die pochende Brust, als wollte er so das gewaltige Hämutern beschwichtigen. „Und hast Du seit jener Stunde Nichts mehr von Deinem verschollenen Bruder gehört?" hörte er August fragen. „Doch, doch, ich habe ihn sogar gesehen und gesprochen. Ich wünschte jedoch, es wäre nicht geschehen; denn was ich von ihm gesehen und gehört habe, machte meinen Schmerz unheilbar und riß die blutenden Wunden meines Herzens auf's Neue auf!" „O bitte, erzähle uns auch das, lieber Großpapa!" „Es war im Jahre 1857, als die Polen sich wiederum gegen Rußland erhoben. In der Hoffnung, daß der Held Italiens, Garibaldi, sich ihrer Sache annehmen werde, sammelten sie sich in den Wäldern, um von dort aus den Feind zu bekämpfen. Als Gouverneur unserer Stadt, wurde General Leontjew abgeschickt mit der Weisung, die polnische Verschwörung in unserer Provinz zu unterdrücken. Die russischen Soldaten begnügten sich indeß nicht mit der täglichen Jagd auf die Empörer, sondern drangen auch zur Abwechslung in jüdische Häuser ein, angeblich um die Empörer zu suchen, thatsächlich aber um dieselben zu plündern und Alle, die ihnen entgegentraten, zu mißhandeln. „Es war am ersten Chanuka-Abend. Grimmige Kälte herrschte draußen, und der festgefrorcne Schnee knirschte unter meinen Tritten, als ich aus der Synagoge nach Hause zurückkehrte. Im Ofen unseres Wohnzimmers knisterte und flackerte ein helles Feuer und eine behagliche Wärme strömte mir entgegen, als ich in das Zimmer trat. Eure Großmutter und Eure Mutter kamen mir mit strahlenden Gesichtern entgegen — ach damals dachte ich noch nicht, daß mir meine Lieben so bald entrissen würden! Ich zündete die Chanukalichter an und mit der Begeisterung, welche die jüdische Brust an einem solchen Abende durchjubelt, sang ich das Siegeslied. Da ertönte Waffengeklirr; Soldaten stürzten in's Zimmer und befahlen mir ihnen zu folgen. Meine Frau brach ohnmächtig zusammen, Eure Mutter suchte ich zu beruhigen und bat sie, nach dem Arzte zu schicken, daß er nach der Mutter sehe. Ich selbst wurde vor den General Leontjew geführt. „Man beschuldigt Dich," so herrschte er mich an, „daß Du mit den Rebellen eine geheime Correspondenz unterhältst. Bekenne, ist das wahr?"

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