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Der Israelit · 1897-03-15 · Heft 21 (15.3.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 21 (15.3.1897)
Date
1897-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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897 „Was soll das, Verräther?" schrie Etienne und ergriff ihn am Arme. „WaS soll das?" versetzte Nepomuk mit dämonischen Lachen und weidete sich an der Bestürzung seines Genossen. „Daß Du sofort die Güte haben wirst, mir die Papiere auszuhändigen." „Ho! ho! Das werde ich hübsch sein lasten! — Laß also die Scherze, Du hetzest uns nur die Grenzwächter auf den Hals." „Ich treibe keine Scherze, Etienne! — Schon bevor ich Dich aussuchte, habe ich einen Grenzwächter zu dem Zwecke bestochen. Du weißt, wir befinden uns jetzt aus russischem Boden, da macht man kurzen Prozeß! Ohne viel Federlesen tritt man hier die Wanderung nach dem schönen Sibirien an! Ergieb Dich also in Dein Schicksal! — Sieh, wie gut es eigentlich der Nepomuk, den Du verspottest und verhöhnst, mit Dir meint, daß er bloß die Papiere, die doch eigentlich sein rechtmäßiges Eigenthum sind, von Dir verlangt. Es läge jetzt in seiner Macht, Dich zu verderben und für die Ewigkeit stumm zu machen? Gieb mir also die Papiere. Na wird's bald?" „Eher gebe ich Dir den Tod, Verräther!" dabei zog er einen Revolver aus seiner Tasche und spannte den Hahn. „Du bist des Todes, Nepomuk, wenn Du es wagst, nur einen Laut von Dir zu geben! — Hörst Du?" Es raschelte im Laub und das Geräusch von Fußtritten kam immer näher. Hierdurch ermuthigt, warf sich Nepomuk auf seinen Gegner und schlug ihm die Waffe aus der Hand, die sich entlud. Etienne griff Nepomuk an der Kehle und ringend wälzten sie sich auf dem Boden. Sie beachteten es nicht, daß ihr Streitobjekt, die Papiere, aus Etienncs Tasche fielen und vom Wind getrieben, den Ort erreichten, wo der gefestelte Knabe lag. Dieser war durch den Schuß aus seiner tiefen Ohnmacht erwacht und sah mit erstaunten Blicken auf die ringenden Männer. Plötzlich wurden die Zweige der Bäume auseinander gebogen und die dunkle Mündung zweier Gewehre wurden sichtbar. „Ergebt Euch, Unholde!" befahl eine volltönende Männerstimme. „Oder wir geben Feuer!" „Zu Hülse, Freundchen!" schrie Nepomuk. „Zu Hülfe! — Du sollst die zehn Rubel haben. Hier ist er, den Du zu Deinem Gefangenen urachen sollst!" „Der Teufel ist Dein Freund, Schurke!" versetzte der Beamte zornig. — „Ergieb Dich, oder Du bist ein Kind des Todes!" Nepomuk stutzte und richtete sich von dem Boden etwas empor. Diesen günstigen Augenblick benutzte Etienne, um sich zu befreien und als Nepomuk zu sprechen begann, kroch er auf allen vieren davon und erreichte das Ufer. „Aber Freundchen?," sagte Nepomuk, „hast Du denn ein kurzes Gedächniß? Habe ich Dir nicht vorhin Geld gegeben und bot ich Dir nicht vorhin das Zehnfache, wenn Du den Schurken da—? — Alle Wetter! — Er ist entkommen und mit ihm Deine zehn Rubel!" Er machte eine Geberde, als wolle er Etienne Nacheilen, in demselben Augenblick wurde sein Arm von einer eisernen F.ust umklammert. „Laß jetzt Dein Geschwätz, Schmuggler!" Jetzt erst bemerkte Nepomuk, daß es nicht sein bestochener Grenzwächter, sondern ein Wachtmeister war, der vor ihm stand. Wie vom jähen Blitze getroffen, fuhr er zusammen, ermannte sich jedoch, und begann mit flehender Stimme: „Habe Mitleid mit mir, Väterchen! Ich bin kein Schmuggler, sondern ein friedlicher Reisender, der von einem Schmuggler überfallen wurde. Den Schuldigen ließest Du entkommen, während Du einen redlichen, unschuldigen Mann ergriffen hast!" „Deine Unschuld und Redlichkeit wird sich schon finden!" herrschte ihn der Wachtmeister an. „Jetzt folge mir zur Wache!" „Jowanoff!" „Zu Befehl, Herr Wachtmeister!" ,,Eile aus Ufer und sorge, daß uns der Zweite nicht entkommt. Hörst Du?" „Zu Befehl, Herr Wachtmeister!" Der Soldat macht Kehrt und rannte ans Ufer, wo er, in dein nämlichen Augenblick anlangte, in welchem Etienne das Boot in den Fluß zu stoßen im Begriffe war. „Halt!" rief der Grenzwächter. „Ergieb Dich!" „Nicht lebend, Freundchen" lachte Etienne höhnisch auf, indem er in den Fluß sprang und schwimmend zu entkommen suchte. Aber zu spät! „Ergieb Dich, oder ich schieße!" Keine Antwort. Da krachte es schon. Ein gellender Schrei durchzitterte die Luft, die Kugel des Grenzwächters hatte ihr Ziel nicht verfehlt. Etienne verschwand in der Tiefe. — Eine Stunde nach dieser Begebenheit neigte sich ein Mann, der durch den Wald kam, über einen ohnmächtigen an Händen und Füßen gefeffelten Knaben. „Armes, armes Kind!" flüsterte der Mann tiefbewegt. „Welche Frevlerhaud hat Dein junges Leben bedroht? Wer war so grausam, diese zarte Blume brechen zu wollen? Laß' sehen, ist noch Leben in dem Körper? — Noch scheint er zu athmen!" rief er jubelnd aus, nachdem er sein Ohr an die Brust des Knaben gelegt. „Ja er lebt! Dem Himmel sei Dank. Aber wohin soll ich ihn bringen? Ehe sich sein Zustand gebessert, darf ich dem Gerichte nicht^Anzeige machen, noch weniger ihn demselben übergeben, denn unsere Richter werden von seiner Krankheit sehr wenig

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