Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 17-18 (3.3.1897)
- Date
- 1897-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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weit hinausging. War es Wahrheit oder Täuschung? Waren die Gestalten, die so plötzlich vor seine Seele traten, aus der Nacht der Vergessenheit in ihm ausgedämmert? Oder hatte sie nur eine wahnwitzige Einbildung vor seine Seele gezaubert? Zuerst lag das ganze in dichten Nebel gehüllt vor seinem Blicke. Nur weite Umrisse vermochte er zu unterscheiden, aber die Gestalten gewannen Leben, spönnen eine Handlung nach der anderen, bis sie in lebhafter Frische vor seinem Auge standen. Worte flössen von ihren Lippen, deren Bedeutung ihm fremd war, obwohl er durch Geberden und Mienenspiel das Unverstandene zu deuten vermochte. Welcher Sprache gehören jene Worte an? Wo soll er sich die Gewißheit holen, nach der seine Seele lechzte? Bei wem? Da trat der Vater in's Zimmer. War es nicht der Fingerzeig einer höheren Macht? Er sprang seinem Vater entgegen, schlang die Arme um seinen Hals, bat mit einschmeichelnder Stimme, daß er ihm doch die Bedeutung der Worte, die er nur stammelnd und mit schwerer Zunge auszusprechen vermochte, künde. Der Vater sah ihn ganz überrascht an und fragte ihn, woher er diese russischen Worte kenne. Da erzählte der Knabe, welche Wirkung der Segen Jsrael's in ihm hervorgerufen, wie urplötzlich jene Personen, welche die Worte gesprochen haben sollen, vor sein geistiges Auge getreten seien. Kaum war der Vater im Stande, sein Erstaunen zu bemeistern. Mit dem Aufgebote seiner ganzen Kraft gelang es ihm, sich zü beherrschen, und, ein schlecht gelungenes Lächeln aus den Lippen, erklärte er den ganzen Vorfall für ein albernes Traumgebilde. Die russischen Worte habe er einst von ihm selbst gehört, der, wie er wisse, ein geborener Russe und heute noch Mitarbeiter eines russischen Blattes sei. Das reine, unverdorbene, kindliche Herz Alfred's glaubte nun selbst, daß er von einem Traum irregeführt sei, obwohl ihm die Thatsache, daß sein Vater Russe und Mitarbeiter eines russisches Blattes sei, ganz neu war. Damit war die Sache abgethan. Als er jedoch trotz seines jugendlichen Alters in die Prima des Gymnasiums versetzt worden war, und der Neid, die Mißgunst seiner Mitschüler, die fast vier Jahre älter waren, als er, das Gerede in Umlauf gebracht hatten, er sei ein ausgelesenes Kind, da war es wiederum jener alberne Traum, der tief in seine Seele griff. Tausende von Fragen und Möglichkeiten quälten seine Seele mit bangen Zweifeln. In welchem Zusammenhang stehen die Schmähungen seiner Mitschüler mit jenen Vorgängen, wenn sie die Erinnerungen seiner eigenen Kindheit wären? Und war es wirklich bloß ein Traum, nur ein Phantastegebilde? — Rein es kann kein Traum sein. Aber, wie sollte er, der Sohn eines schlichten jüdischen Gelehrten, zu einer /solchen fürstlichen oder hohen militärischen Umgebung gelangt sein? Seit jener Zeit lag es wie ein ichwerer Dank auf der feurigen, leidenschaftlichen Seele des Knaben. Die Schmähreden seiner Mitschüler, welche die Ehre seiner Mutier angriffen, zerrissen ihm das Herz und machten ihn menschenscheu. Vergeblich waren die Versicherungen seines Vaters, daß nur die Lüge und Mißgunst derartiges ersinnen konnte; sie fanden nur schwachen Nachhall in seinem Herzen. Warum weigerte sich sein Vater so hartnäckig, ihm von seiner Mutter zu erzählen? Warum wich er jeder Frage, ja jeder Anspielung aus jene bange Frage aus? Wußte er doch nicht einmal, ob seine Mutter noch am Leben sei! Es war ein Wunder, daß in dem traurigen Kampfe, den Alfred zu bestehen hatte, nicht alles Edle und Gute in ihm verloren ging. Nun eröffnete ihm der Sterbende, den er als seinen Vater geliebt und verehrt hatte, daß er bloß sein Pstegevatcr sei; daß er drei Jahre alt gewesen, als er es übernahm, ihn zu erziehen und für ihn zu sorgen. Wie ist cs jetzt? Sollten jene Vorgänge, die mit so entsetzlicher Deutlichkeit in seinem Innern fortleben, dennoch bloß ein Traum sein? Alfred sprang empor. In demselben Augenblick fühlte er einen dumpfen Schlag aus den Kops, und bevor er noch Zeit fand, sich nach seinem Angreifer umzusehen, schob sicb ein Gegenstand zwischen seine Zähne, welcher ihn hinderte, auch nur einen Laut auszustoßen. Er wurde zur Erde geworfen und eine dunkle Gestalt, die er erst jetzt wahrnahm, kniete aus seiner Brust, während eine zweite verhüllte Gestalt sich leise dem Bette des Kranken näherte. Ein greller Schrei ertönte, dann war alles still. Alfred schwand die Besinnung. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. . . Armer, armer hcimatbloser Mann! Nun bist Du von Deinem Elend befreit! Ruchlose Hände haben Deinem qualvollen Dulderleben ein Ende gemacht, bevor die schwache Lebensstamme von selbst erloschen ist! - 'Nun ruhe sanft in Deiner neuen Heimath! Du bist nicht mehr heimathlos. Die Heimath aller Gewesenen, vier Bretter und ein Haufen Erde, winkt Dir, wie dem stolzen Fürsten, als letzte Ruhestätte! Draußen flüsterte der kühle Nachtwind Liebesworte zur Blume und trieb ihren süßen Dust in das Todtengemach, während der Mond seine lichtvollen Strahlen unter einer Wolke verbarg, als schäme er sich, dem Schauplatz menschlicher Verbrechen sein Licht zu spenden. — Der Silberglanz des Mondes ergoß sein mildes Licht über Berg und Thal. In den Häusern von O . . . scheint Alles schon ruhig zu schlummern, die Lichter sind ausgelöscht, nur da unten in dem kleinen