Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1897)
- Date
- 1897-02-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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309 schaffen, die allen Anforderungen des Religionsgesetzes entsprechen, ohne daß der Preis derselben vertheuert wird. So leicht und einfach die Angelegenheit auch auf den ersten Blick vielleicht erscheint, so unendlich schwierig und complicirt gestaltet sich dieselbe, wenn man ihr näher tritt. „Was zunächst die gewiffenhaste Herstellung der Tesillin genau nach den religionsgesetzlichen Bestimmungen betrifft, so erfordert dieselbe technisch gut ausgebildete und vertrauenswürdige Soferim, die sich aber in Deutschland nicht sehr zahlreich finden. Gute, in jeder Hillsicht zuverlässige Soferim sind aber selbst in Rußland, Polen, Ungarn und Galizien nicht so häufig zu treffen wie man gewöhnlich zu glauben geneigt ist. Ilnsere Erfahrungen nach dieser Seite hin haben uns manche Enttäuschung bereitet. In jeder Hinsicht correct geschriebene Parschijoth und sorgfältig gearbeitete Tesillingehäuse werden auch in den genannten Ländern theuer bezahlt. Unsere Händler beziehen nun ihren Bedarf größtenteils aus Rußland und Galizien, aber das Kaschrus der so bezogenen Tefillin ist in vielen, man muß leider sagen in den nleisten Fällen sehr fragwürdig. Die große Maffe derer, welche Tefillin kaufen, hat kein Verständniß davon, ob dieselben den Bestimmungen des Religionsgesetzes gemäß gearbeitet sind oder nicht. Sorgfältig gearbeitete Tesillin erfordern nun in der That einen großen Aufwand von Zeit und Geschicklichkeit, Accuratesse und Handfertigkeit, und sind infolge dessen nicht billig herzustelleu. Gewissenlose Pfuscherarbeit ist dagegen leichter und billiger zu liefern. Von den Fälschungen, Uncorrectheiten und Ungesetzlichkeiten, die bei diesen Psuscherarbeiten mit unterlaufen, hat man in weiten Kreisen kaum eine Ahnung. Wir sprechen hier nicht von offenkundigen Betrügereien, wo z. B. statt der Parschijoth Brod, Papier u. dgl. in den Battim gefunden wurde. Es gibt noch eine Anzahl von Fälschungen, die nicht auf den ersten Blick zu konstatiren find, die oft nur durch einen kundigen Fachmann festgestellt werden können und daher in den meisten Fällen unentdeckt bleiben. „Wir legen uns nun die Frage vor, wie allen diesen Mißständen mit Erfolg zu begegnen und die Möglichkeit zu beschaffen sei, zweifellos zulässige Tesillin zu einem möglichst billigen Preise jedem zugänglich zu machen. Eine große Zahl von Sitzungen, schriftlichen und mündlichen Verhandlungen, sowie Enqueten verschiedener Art galten seit Jahren diesem hochwichtigen Gegenstände. Wir traten mit renomnrirten Soferim und «Händlern in Verbindung, ließen einen Mann als Controlleur zur Durchsicht der Tefillin ausbilden, aber ohne seither zu einem nach allen Seiten hin befriedigenden Resultate zu gelangen. „Seit einiger Zeit beschäftigt uns eine neue Lösung des Problems, die aber zur Zeit der Ausgabe dieser Mittheilungcn noch nicht vollständig abgeschlossen ist und hoffen wir, demnächst darauf zurückkommen zu können. „Wir glauben aber schon jetzt die Aufmerksamkeit unserer Mitglieder auf die bestehenden Mißstände lenken zu sollen. Wie die Verhältnisse heute liegen, erfüllt ein großer Prozentsatz derjenigen, die Thefillin legen, thatsächlich Mizwas Thefillin nicht. Um dieser Calamität mit Erfolg entgegen treten zu können, ist das erste Erforderniß, daß sic zunächst in möglichst großen Kreisen gekannt und in ihrer ganzen Tragweite gewürdigt wird. Wird sich erst in den weiten Schichten derjenigen, welche Thefillin legen, die betrübende Wahrheit Bahn brechen, daß die Tefillin, welche sie gekauft und mit ihrem guten Gelde bezahlt haben, in vielen Fällen thatsächlich gar keine Thephillin sind, so ist der erste, entscheidende Schritt zur Beseitigung dieses Mißstandes geschehen. Wenn diese Zeilen viele ihrer Leser veranlassen, ihre Tesillin einem gewissenhaften Sofer oder einem sonst kundigen Fachkenner zur prüfenden Durchsicht vorzulegen, so ist der nächste Zweck derselben erreicht. Das Resultat dieser Prüfung dürfte Manche unserer Mitglieder veranlassen, auch ihrerseits über Mittel und Wege nachzudenken, wie diesem Mißstande mit Erfolg entgegen zu treten ist und stehen unsere „Mittheilungen" für Vorschläge nach dieser Seite bereitwilligst unseren Mitgliedern zur Verfügung." Eine Gedenktafel und einige Notizen schließen den Bericht. In demselben vermiffen wir Angaben darüber, wann die letzte Generalversammlung statt - gefunden, welche Herren dem Vorstande, welche den Delegirten :c. angehören; auch über einige, aus dem Kreise der gesinnungsverwandten Presse, und dem der Mitglieder im Laufe der Jahre ergangenen Anregungen ist nicht berichtet. Wir werden hierauf, sowie auf den Gesammtinhalt der „Mittheilungen" noch ausführlich zurückkommen. Im Uebrigen schließen wir uns der Hoffnung des Ausschusses an, daß „durch einige von ihnen getroffene organisatorische Maßnahmen" endlich eine fortschreitende Entwickelung der Vereinigung bewirkt werde. Schlüchtern, 22. Februar. (Warnung.) Am 18. Februar sprach an der hiesigen Armenkasse ein Armer vor, der angab, in einer Fabrik verunglückt zu sein. Sein Kopf war mit einer weißen Binde umwickelt, das Gesicht hielt er mit einem Tuche zu. Das Benehmen desselben ließ mich vermuthen, daß ich es mit einem Schwindler zu thun habe. Ich sagte demselben auch meine Meinung, worauf der Schwindler, der einen Paß vorzeigte mit Namen Siegfried Grülmann aus Porlitz, mir einen rothen Flecken in seinem Gesicht zeigte, der auch von der