Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1897)
- Date
- 1897-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ihr aber müßt hier bleiben, bis ich zurückkehre und mit einer ähnlichen List lverde ich auch Euch und Euere Enkelin der Gewalt des abergläubischen Pöbels und der verleumderischen Zunge dieser furchtbaren Mönche entreißen." „Dank, tausend Dank, edler Herr!" ries der Greis erregt. „Möge Gott, der gerechte Richter aller Menschen Euch vergelten, was Ihr an uns thut. Aber sagt an, wohledler Ritter, warum soll Juda meine Schwester begleitend" „Damit sie, in der jetzt so bewegten Zeit einen männlichen Schutz in der Ferne zur Seite habe. Gern würde ich Euch und Euere Tochter gleich mitnehmen, doch mait würde Euch vermissen, da Ihr zu bekannt und Jedermann bereits weiß, daß Ihr zurückgekehrt seid. Deshalb geduldet Euch, bis ich zurückgekehrt sein werde. Die Fehde, in der ich Unno von Heidelberg helfen will, wird nicht lange dauern. Auch gedenken die frommen Mönche erst dann mit ihrer lügenhaften Klage aufzutreten, wenn die Geißler hier sein werden, die tvohl nächsten Monat kommen dürften. Diese werden, wie sie es bereits in vielen anderen Städten gethan, den Pöbel gegen Euer Volk aufznreizen suchen. Obwohl ihnen dies hier wohl nicht leicht werden wird, so bin ich dennoch fest davon überzeugt, daß eine Anklage, wie die erwähnte, in dieser Zeit gar leicht zu großen Ausschreitungen führen wird." 5 Kapitel. - Die List des jungen Ritters von Marpurg gelang vortrefflich. Ein geheimer Bote brachte nach einigen Wochen die erfreuliche Nachricht, daß Mirjam und Juda in Heidelberg unbehelligt angekommen seien, daß Mirjams Vetter beide gar gut ausgenommen und daß die Juden Heidelbergs sich eines gerechten und großherzigen Herrn erfreuten. Obwohl die Pest in Heidelberg gar sehr gewüthet, wären dennoch keine Ausschreitungen gegen die Juden vorgekonimen, und die verfolgten, fliehenden Juden anderer Städte hätten in Heidelberg bereitwilligst Aufnahme gefunden. Abraham und Rahel lebten in großer Furcht in ihrem vereinsamten Hause. Vom jungen Marpurger war noch keine Nachrichten eiugetroffen. Die Fehde schien also länger zu dauern, als der hochherzige Ritter angenommen hatte. —-- Es war inzwischen Frühsommer geworden. Man schrieb bereits den elften Junius. Die Natur hatte wieder ihren vollen Schmuck angelegt. Es blühte, grünte und duftete in Wald und Feld. Doch keine Lenzesstimmuug hatte geherrscht in deutschen Landen und auch des warmen Sommers schien sich heuer 'Niemand zu erfreuen. Ein Theil des Heeres Kaiser Carls lag in Frankfurt. Der neue Kaiser besteuerte die reiche Stadt gar hoch und erhob Zoll und Zins auf die rücksichtsloseste Art. Mit Wehmuth gedachten die biederen Frankfurter Rathsherren und Bürger des entschlummerten Kaisers Ludwig und des so früh dahin gerafften edlen Günthers von Schwarzburg. Dazu kam noch von allen Seiten die Kunde, daß der schwarze Tod das Land gar schwer heimsuche, daß besonders die mit Frankfurt eng befreundeten Reichsstädte Straßburg, Trier, Worms und Mainz furchtbar unter der Pest zu leiden hätten, und daß in eben diesen Städten die entsetzlichsten Judenverfolgungen vorgekommen seien, die man jemals erlebte. In jener Zeit waren Judenmetzeleien ein häufiges Ereigniß und oft hörte man, wie etwas Alltägliches, daß die Juden dieser oder jener Stadt, dieses oder jenen Ritters verbrannt oder erschlagen, ja öfter sogar, me in Speyer, ertränkt worden seien. Die Juden Frankfurts fühlten sich etwas sicherer als die anderer Städte, denn der Bürgermeister Frankfurts, der hochherzige Ritter Seyfert von Marpurg war ein Beschützer dieses verfolgten, leidenden Volkes, das zu jener finsteren Zeit keine Menschenrechte beanspruchen, an keine Humanität, an keine Gerechtigkeit appelliren konnte. So sehen wir denn auch, wie die Geißler, die im Juni des Lcidensjahres Iü4<>, so wie in anderen Städten, auch in Frankfurt das Volk gegen die Juden aufhetzen. Die Geißler waren eine Sekte, die sich zu Köln freiwillig gebildet hatte, um durch Selbstzüchtigung den „Feind zu beschwören", das heißt: dem schwarzen Tode Einhalt zu gebieten. Sie wallfahrten voll Stadt zu Stadt, indem sie sich den nackten Rücken blutig geißelten und fanatische Gesänge sangen. 'Natürlich schlossen sich dieser anfänglich kleinen und harmlosen Sekte allmählig unzählige gefährliche Jndivuen an, die in dieser Weise auf gute Art von Ort zu Ort zu wandern vermochten und alsbald bildeten die Geißler denn auch eine gefürchtete, zügellose Bande von Verbrechern aller Art. Die Stadt Frankfurt verweigerte ihnen den Einzug und sie mußten vor dem Thore ihr Lager im Freien aufschlagen. Der Gesundheitszustand dieser Horde war ein gefährlicher und mit Recht werden sie beschuldigt, den schwarzen Tod nach Frankfurt geschleppt zu haben, denn obwohl ihnen der Einzug in die Stadt verweigert worden war, kam dennnoch das Volk in hellen Haufen zu ihnen vor die Stadtthore, um die frommen Büßer und ihre L>elbstquälereien zu sehen. Die Folgen blieben selbstverständlich nicht aus. Auch in Frankfurt trat der schwarze Tod auf und Abraham hatte nicht Hände genug, um die vielen Kranken, die in den allermeisten Fällen unrettbar verloren waren, zu trösten und ihre Schmerzen zu