Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-01-11 · Heft 3 (11.1.1897) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 3 (11.1.1897)
Date
1897-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448709--43173-2492209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXylIX. Jahrgang. M 8 Aer Zsraelit. Ein Gentrak-Hrgan für das orthodo.re Iudenlyum Begründet von Vr. ITeTjmsmu in WLttinz Montag, den 11. Leitender Artikel. Prozeß schwennhagen sedlatzek. „Der Judengeld Sammler für die Berliner Kirchenbauten". so betitelte sich ein Artikel in Nr 42 des antisemitischen „Generalanzeigers", dessen Inhalt dem Schriftsteller Ludwig Schwennhagen und dem Redakteur Karl Sedlatzek eine Anklage wegen Beleidigung des Obcrhofmeistcrs der Kaiserin, Freiherrn v. Mirbach, zugezogen hat. Die Anklage wurde gestern vor der 8 Strafkammer des hiesigen Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Weimann verhandelt. Die Anklage vertrat Oberstaatsanwalt Drescher. Der Artikel des »Generalanzeigers" beginnt wie folgt: „Die Nemesis ereilt sie Alle! Wir haben so oft erzählt von den Machenschaften der weiblichen Mitglieder der jüdischen Hofpartei. Aber stets schüttelt man ungläubig den Kopf und meint, so weit sei es denn doch noch nicht, daß die Frauen einiger Geldjnden, die gelegentlich bei Hofe erscheinen dürfen, einen Einfluß auf unsere Politik auszuüben vermögen. Gewiß erscheint diese Thatsache unglaublich, aber sie ist doch wahr rc. rc." Es wird dann erzählt, daß Stöcker sich vergeblich bemüht habe, das Geld für die von ihm als nothwendig erachteten 50 Kirchen zusammenzubekommen, und daß dann die Juden gekommen seien und gesagt haben: Den Mann machen wir dadurch am leichtesten unschädlich, daß mir das Geld geben, mit dem endlich ein Paar Kirchen gebaut werden können. So wurde denn als Gegenstück zu der früheren Waldersee-Versammlung im Reichsbankgebäude unter dem Vorsitz Dechend's eine Bleichröder-Versammlung abgehalten, in welcher der Geldgrundstock für die Kirchenbautcn von den Bankjudcn gezeichnet worden sei. Der Kaiserin habe man diesen Opsermuth der Börsen-Millionäre so rührend geschildert. daß die hohe Frau ihren Oberhofmeister, den Frhrn. o. Mirbach, beauftragt habe, in ihrem Namen das Werk des Kirchenbauens nun endlich in die Hand zu nehmen. Seit dieser Zeit solle Freiherr v. Mirbach der Vermittler zwischen der Berliner Börse und dem kaiserlichen Hofe sein. Die Gattinen der Geldjuden hätten unter der Oberleitung des Herrn Oberhofmeisters ein sogenanntes Missionskräiizchcn gebildet, Freiherr v. Mirbach sei bemüht gewesen, für dieses die Kaiserin persönltch heranzuzieheu. Mehrere Hofdamen sowie einige Ministerfrauen und die Gattin des „jüdischen Ehefs der Kolonialabtheilung" seien dem Kränzchen beigetreten und so sei binnen Kurzem eine Art weiblicher Nebenregierung entstanden, für welche das Stichwort in den Bankpalästen der Behrenstraße ausgegeben worden sei. In Januar 5657 (1897). diesem Kränzchen wisse man gang genau, wie der Fall Kotze mit seinen nainenlosen Verleumdungsbriefen entstanden sei. In diesen Kreisen seien vielleicht auch die 200000 Mark gesammelt worden, mit denen man dein Dr. Friedmann die Handschrift der Erpresserschrist „Die Revolution von Oben" abgekauft haben solle. Der Artikel schließt mit folgenden Angriffen gegen Frhrn. v. Mirbach; „Ob wohl Frhr. v. Mirbach heute sich bewußt ist, welche Rolle er bei diesem Treiben spulen mußte? Leider müssen wir glauben, daß nicht einmal die kläglichen Vorgänge bei der Geldschasfung für die Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkiiche einen tieferen Eineruck bei ihm hinterlasscn haben So ist es denn heute dahin ge« kommen, daß die Juden des „Kle mm Journal--." und der demokratischen „Volktzzeiiung" dieVertheidigung des kaiserlichen Oberhofmeistery führen müssen, denn schon halten sich viele seiner adligen Slammcsgenossen von ihm fern." So weit der unter Anklage gestellte Artikel, dessen Verfasser der Angeklagte Schwennhagen, dessen Verleger der Angeklagte Sedlatzek ist. Zu den Personalien stellt der Vorsitzende fest, daß Schwennhagen außer wegen Beleidigung mit einem Jahr Gefängniß auch wegen Betruges mit einer Geldstrafe und wegen Diebstahls mit einem Tag Gefängniß vorbestraft worden ist. Der Angeklagte betont, daß die Betrugsstrafe in seiner Abwesenheit erfolgt sei und politischen Hintergrund habe und daß es sich bei dem angeblichen Dieb- Uahl um eine Verstümmelung des „Börscn-Courier" handelte. Der Staatsanwalt behauptet, daß der Angeklagte „Schweinhagen" heiße, dieser erwiedert jedoch, daß schon sein Vater sich während der Zeit seines Lebens „Schwennhagen" genannt habe. Sedlatzek ist mehrfach wegen Beleidigung vorbestraft. Er behauptet, daß der von Schwennhagen verfaßte Artikel seiner Zeitung zugegangen sei, als er sich rüstete, eine dreimonatige Festungshaft in Weichselmünde anzutreten und deshalb schon einen besonderen verantwortlichen Redakteur bestellt hatte. Er könne sich nicht mehr errinnern, ob er den Artikel vor seinem Erscheinen durchgelesen habe. Angekl. Schwennhagen erklärt, daß er, da die Anklage aus Grund des 8 186 erhoben sei. er aber geglaubt habe, daß es sich nur um eine Wortbeleidigung handelte, und da eine Voruntersuchung abgelehnt worden sei, Beweisanträgc stellen müsse. Nach seiner Ansicht enthalte der Artikel keine Beleidigungen gegen den Frhrn v. Mirbach. Eventuell beantrage er u. A. folgende Personen als Zeugen zu vernehmen: den Stadtv. Borgmaun, der bekunden werde, daß er von Frhrn. v. Mirbach durchs Telephon aufgefordert worden sei, zu ihm zu kommen, um über die Unterstützung der Kirchenbaupläne mit ihm Rücksprache zu nehmen; den Stadtv.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.