Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1897)
- Date
- 1897-01-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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27 einen diesbezügl. 'RovjäjlaQ der Beachtung der anwesenden Lehrer empfiehlt, hält er es anderseits für seine Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß auch in den thierschützlerischen Bestrebungen gewisse Grenzen einzuhalten seien. Die Grenzlinie erblicke er in der biblischen Anschauung, daß das Thier zum stutzen des Menschen geschaffen sei. Deshalb halte er es beispielsweise für bedenklich, gegen die Vivisektion vorzugehen, trotzdem sie dem Thiere die entsetzlichsten Qualen bereite, noch bedenklicher aber erscheine ihm die Agitation der thierschützlerischen Kreise gegen das jüdische Schächten. Hier handele es sich um eine Frage der Gewissensfreiheit, um eine religiöse Ueberzeugung, die sich nach jüdischer Anschauung sogar auf ein biblisches Gebot gründe. .Hier haben die thierschützlerischen Bestrebungen Halt zu machen. Er hoffe, daß der anwesende Provinzialrabbiner bei dieser Gelegenheit eingehendere Informationen über die Schächtfrage geben werde. — In seinen Darlegungen zeigte hierauf Dr. Munk zunächst, wie das mosaische Gesetz schon längst in dieser heute so oft ventilirten Frage den Grund zu einer Entwickelung gelegt habe, die erst in unserem Zeitalter höherer sittlicher Bildung uitb Kultur wieder ausgenommen worden sei, wie daran anknüpfend das traditionelle Iudenthum seine Fürsorge für die Thierwelt in zahlreichen minutiösen Bestünmungen doknmentirt, ja der Thierwelt geradezu einen Rechtsanspruch auf Schutz seitens des Menschen zugebilligt habe, und damit sei für ihn, so führt der Redner weiter aus, auch seine Stellung 511t' Schächtfrage genau präzisirt. Eine Religion, die in ihren beiden Grundlagen, der schriftlichen und mündlichen Ueberliefernng, in der Frage der Behandlung der Thiere auf dem denkbar höchsten sittlichen Standpunkte stehe, und welche gleichzeitig daS Schächten nicht nur nicht verbiete, sondern als eine bedeutsame, hochwichtige Vorschrift strengstens gebiete, hätte niemals zu diesem Gebote kommen kömien, wenn dieses Gebot etwas inhumanes involviere. Dieser Anschauung werde sich kein religiös denkender Mensch verschließen können. Mit einem Hinweis auf die von den hervorragendsten medizinischen und veter. mediz. Gelehrten des Jn- und Auslandes — darunter auch der Marburger Physiologe Marchand —■ eingeholten glänzenden Gutachten über den Werth der jüdischen Schlachtmethode schloß Rabbiner Dr. M. seine Ausführungen. — So war hintereinander die Schächtfrage nach ihrer staatsrechtlichenundreligiösenSeiteznrErörterung gekommen, aber auch das physiologische Moment sollte nicht zu kurz kommen. Es erbat sich gegen Ende der Diskussion noch einmal das Wort der in seiner Eigenschaft als ärztliches Mitglied der städtischen Schulstputation anwesende Kgl. Kreisphysikus, Professor Dr. O. von Heusinger. Ihn, so begann Redner, intrressiere die Schächtfrage vor allem nach ihrer physiologischen Seite. Liegt hier eine Thierquälerei vor? Ec theile in dieser Beziehung voll und ganz den Standpunkt des Herrn Rabbiner Dr. Munk. Es bedürfe keiner gründlicheren, naturwiffenschaftlichen Bildung, die populäre Meinung spreche das ja schon aus, um zu wiffen, daß der Tod durch Verblutung ein fast schmerzloser sei. Beim Schächtakt werden nun v:e größten und inhaltreichsten Blutgefäße durchschnitten und dadurch eine sofort eintretende Blutleere des Gehirns bewirkt. Die Bewußtlosigkeit sei eine momentane. Es sei bedauerlich, daß durch eine im Grund genommen religionsfeindliche Bewegung, in dieser Frage so viel Unklarheit und Verwirrung erzeugt worden sei. Er habe im Laufe des vergangenen Sommers Gelegenheit gehabt, im städtischen Schlachthause zu Frankfurt a. M. eine große Anzahl Thiere nach jüdischem Schlachtritus töten zu sehen und stehe nicht an, zu erklären, daß seiner Ueberzeugung nach beim Schächten von Thierquälerei nicht nur keine Rede sein könne, sondern das jüdische Schlachtverfahren vielleicht als die beste Tötungsart zu bezeichnen sei, die wir augenblicklich besitzen. Eine Kritik der Bedeutung dieser Konferenzdebatte dürfte überflüssig erscheinen Aber ein Moment sollte doch von den interessierten jüdischen Kreisen nicht übersehen werden. Man bedenke: Die Königl. Negierung in Kassel empfiehlt den Lehrern ihres Bezirks die pädagogische Behandlung der Thierschutzfrage. Der Regierungsbezirk zählt inrgesammt 24 Kreise. In 24 amtlichen Konferenzen, d. h. vor etwa 2000 Lehrern, wird diese Frage also voraussichtlich zur Besprechung gelangen. Die betreff. Referenten suchen nach Material für die Bearbeitung ihrer Vorträge. Es ist naheliegend, ja geradezu selbstverständlich, daß in 9 von 10 Fällen die Thierschutzvereine die Instanzen sein werden, die dieses Material liefern. Und so ist denn die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß nicht nur der Referent der Marburger Konferenz den jüdischen Schlachtritus mit solch' naiver Qbjektivität behandelt haben wird, in den übrigen 23 Kreisen ist es sicherlich auch nicht besser gewesen. Welche Perspektive sich für eine objektive Beurtheilung der Schächtfrage seitens der besonderes in den ländlichen Kreisen so einflußreichen Lehrerschaft bei dieser Situation ergiebt, bedarf keiner näheren Beleuchtung. Diese latente Agitation, wie sie seitens der Thierschutzvereine betrieben wird, ist als weit gefährlicher anzusehen, als die laute, lärmende, demagogisch auf' tretende und es erscheint als eine dringende Nothwendigkeit, durch geeignete Mittel diese Agitation zu paralisiren und auch in den Kreisen des deutschen Volksschullehrerstandes eine wahrhaft unparteiische, gerechte Würdigung unserer heiligen Institution der nu'w anzubahnen.