Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1897)
- Date
- 1897-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Versuche, Abraham znrückzuhalten, waren vergeblich. Ohne ein Wort zu verlieren, schritt Abraham, in einen langen Mantel gehüllt durch die Judengasse, die heute ihr Festkleid angelegt zu haben schien. Der frische Schnee glitzerte wie Millionen kleiner Diamanten, während vom gestirnten schivarzbtauen Himmel die Mondsichel ihr sanftes Licht herabsandte. Sinnend blickte der jüdische Arzt empor, unb sprach leise einige Worte aus dem herrlichen Mondsegenspruch ° „So wie ich, wenn ich mich auch erhebe, dich nicht erreichen kann, so mögen meine Feinde mich nicht erreichen, um mir Böses zuzufügen." Indessen war er auf dem Römerberge, dem Marktunb Nathausplatze angckommen. Er schritt auf ein stattliches Giebelhaus zu, in dem er gar wohl bekannt zu sein schien, denn unbeanstandet gelangte er in das Gemach des edlen Schultheißen, der gerade der wichtigen Beschäftigung oblag, mit den Fingern gegen die runden, bleigefaßten Fensterscheiben zu trommeln, indem er auf die Straße hinabsah, wo etliche Reisige vom Heer Kaiser Günthers mit jungen Dirnen scherzten. Herr von Marpurg hatte Abraham nicht bemerkt, der sich seit einiger Zeit schon in seinem Gemache befand; dieser hielt es daher gerathen, den Schultheißen anzusprechen. „Verzeiht, Ihr habt mich rufen lassen, wohledler Herr!" „Ah! Ihr seid'S, Abraham", rief Herr von Marpurg sich rasch umdrehend. „Wie kann ich helfen und wo V* „Keine Krankheit, so Ihr heilen könntet, ist in meinem Hause, denn die böse Zwietracht herrscht hier, allwie im deutschen Reiche. Ja, es ist ein schliinmes Ding, daß die Frankfurter den Grafen Günther erwählt haben. Denn es ist unklug, daß sie, aus Liebe zuni verstorbenen Kaiser Ludwig, den Gott selig haben möge, einen Haß gegen Karl von Böhmen haben." „Frankfurt hat aber," erwiderte der Arzt, „dem seligen Kaiser gar viele Freiheiten zu verdanken, und wie verlautet, soll Karl sehr erbittert auf unsere Stadt sein, weil sie ihm den Einzug verweigert hat." „Eben darum! weil er erbittert ist, deßhalb sollte man ihn zu geivinuen suchen. Einstweilen ist der Schwarzburger noch gut mit Truppen versehen, aber wehe, wenn es Karlen gelingt, sich zu verstärken, denn diesem dürfte es nicht schwer fallen, da er an Mainz und dessen Freundschaft einen starken Bundesgenossen hat. Wollte ich doch, ich könnte die Stadt vor ihm sichern. Doch das geht nicht, denn Rath und Bürgerschaft sind wie Kinder dem von Schwarzburg zugethan. Ach! Und nrein einziger Sohn ist ja sein bester Freund!" „Kaiser Günther ist ein hochedler Mann. Er ist der edelste Ritter unserer Zeit, was eigentlich nicht gar zu viel sagen will, denn es geht heutzutage, leider Gottes, Gewalt vor Recht. Ec aber ist das Muster eines rechlen deutschen Mannes. Das beweist schon, daß er die Wahl nur annahm unter der Bedingung, daß keine einzige Bestechung um seinetwillen während der ganzen Wahl stattfände." „Auch uns Juden scheint er freundlich gesinnt." „Das ist er! Und das muß euch heutzutage doppelt und dreifach mehr werth sein, als zu jeder anderen Zeit. Denn ich höre, daß man in vielen Städten euch Juden beschuldigt, ihr hättet die Brunnen vergiftet, und wäret solchergestalt an der fürchterlichen Seuche schuld, die jetzt überall so viele Menschen dahinrafft." Der Jude erbleichte, obwohl ihm diese Nachricht nichts Neues war. „Erschreckt nicht," fuhr der Schultheiß fort, „ich weiß wohl, daß kein wahres Wort an dieser Verleumdung ist, doch ich wollte Euch warnen und auch meinen Schutz anbieten, deshalb ließ ich Euch rufen." Abraham versuchte, des Ritters Hand ergreifend, seinen Dank auszusprechen, doch dieser wehrte ihm freundlich ab. „Ich werde es Euch vergelten, Herr Schultheiß und Gott der Allmächtige wird Euch segnen." Mit diesen Worten verließ er den edlen Marpurg. — Kaum hatte er den Römerberg verlaßen, um seiner Wohnung zuzuschreiten, als er hinter sich Schritte vernahul. Eben wollte er sich umsehen, da klopfte eine Hand leicht auf seine Schulter und neben ihm stand ein junger Ritter, dessen schöne Gesichtszüge das Gepräge eines großherzigen Charakters trugen. Er war nach der Art des Adels damaliger Zeit gekleidet, die seiner schönen, ebenmäßig gebauten, schlanken Gestalt vortrefflich stand. Der schön geformte Kopf war von einem rothen Barett bedeckt. Ein kurzes Obergewand mit geschlitzten Aermeln umschloß knapp Brust und Schultern, während enge, lederne Beinkleider die kräftigen Schenkel umschloffen. Die Füße waren mit laugen, spitz zulaufenden Zeugschuhen bekleidet, die am Knöchel durch Schnüre befestigt waren. „Ach Ihr scid's, edler Herr," sprach der Greis, durch des Ritters leichten Schlag auf die Schulter aus seinem Sinnen gestört, umblickend. „Erlaubt mir, daß ich Euch begleite, würdiger Mann. Ich sah Euch aus dem Hause meines Vaters kommen, da verineinte ich, ich könnte Euch wohl begleiten und denke, Ihr nehmt cs nicht übel, wenn ein Ritter Euch am Freitag Abend in's Haus fällt.