Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 104 (28.12.1896)
- Date
- 1896-12-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXYII. Jahrgang. Beilage M M 104 des «Israelit-. Literarischer Bericht- Jüdische Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften gemeinfaßlich dargestellt von Dr. Ferdinand Weber. Nach dem Tode des Verfassers herausgegeben von Franz Delitzsch und Georg Schnedermann. Zweite verbesserte Auflage. Leipzig. Dörfling u. Franse 1897. XL und 427 S. 8°. Unter all den trüben Erfahrungen, die die letzten Jahrzehnte uns gebracht, ist es gewiß die weitaus betrübendste, wenn toir sehen, daß der antisemitische Geist auch m die wissenschaftliche Literatur einzudringen beginnt. Das roheste antisemitische Pamphlet empört mich nicht so sehr, weil ich mir sage, daß deren Verfasser erfahrungsgemäß bescholtene, mit einem sittlichen Makel behaftete Menschen sind, die ihre eigenen moralischen Defekte durch das Schimpfen über die Juden verdecken suchen. Für solche Menschen ist die weitgehendste Verachtung gerade noch gut genug. Wem sollte es jedoch nicht in der Seele wehe thun, wenn er sieht, daß auch wissenschaftliche Werke sich nicht frei halten können von dieser veraerblichen Tagesströmung und über Juden und Judenthuln schiefe, lieblose und einseitige Urtheile enthalten? Welch' ein Schauspiel! Der Ruhm und der Stolz Deutschlands, seine freie Wissenschaft, leistet der schmachvollsten Bewegung der Jahrhunderts HandlangerdiensteDie jüdische Geschichte, die jüdischen Alterthümer, die alten Schriftdenkmäler der Juden werden in einem Geiste behandelt, der nur allzudeutlich den Stempel der Gehässigkeit trägt. Läßt es sich etwa anders beurtheilen, wenn z. B. ein namhafter christlicher Theologe die Worte Hillels zu dem Heiden tswi ynr6 (Sabbat 31a) „das sollst Du Deinem Chaber nicht thun" übersetzt, damit der Satz der allgemeinen Nächstensiebe nur ja nicht für das Judenthum in Anspruch genommen werden soll? Schon die gewöhnlichste Delikatesse sollte die Herren verhindern einen solchen Kampf zu führen, in welchem Licht und Schatten ungleichmäßig vertheilt sind. Denn wir können den Kamps wohl denfensiv führen, wir wollen und können aber nicht aggressiv Vorgehen und die christlichen Bekenntnißschristen zum Gegenstand ähnlicher Kritik machen, weil die Ehrfurcht vor Religion und das Staatsgesetz es., uns ^verbietet. Ein Werk, wie das. vorliegende, welches den Namen Franz Delitzsch aus dem Titelblatt trägt, ist über den Verdacht, erhaben, solchen antisemitischen Tendenzen zu dienen. Delitzsch selbst schreibt in der Vorrede zur ersten Auflage, daß der Verfasser bestrebt ist, „die religiösen Vorstellungen der ersten Jahrhunderte in rein historischer Weise ohne die Einseitigkeit und Unbilligkeit, welche die Selb st folge gehässiger polemischer Tendenz i st, zu objektiver innerlich zusammenhängender Darstellung zu. bringen. Der Verfasser ist nirgends abhängig von jenen älteren antijüdischen Werken, aus deren Rüstkammern die moderne Literatur der Antisemitenliga ihre Geschosse entlehnt." Dieses Urtheil des aufrichtigen Verfassers und Vorkämpfers des Christenthums, der aber niemals mit den Waffen der Lüge das Judenthum angriff, können auch wir unterschreiben. Wir wollen damit nicht sagen, daß wir mit dem Inhalt des ganzen Buches einverstanden sein können. Tie Auffassung des Verfassers ist nicht die unserige und gar Vieles erscheint uns in ganz anderem Lichte. Aber die Differenzen ergaben sich mit Naturnothmendigkeit aus der Verschiedenheit der Standpunkte. Der christliche Theologe gehl mit ganz anderen Voraussetzungen an die Erforschung unserer religiösen Wahrheiten, und gelangt zu anderen Resultaten und es steht uns nicht zu, ihn darob zu tadeln oder mit ihm zu rechten, wenn nur jede gehässige und verletzende Tendenz von seiner Darstellung ausgeschlossen ist. Bei dem Standpunkt des Vers, muß uns das genügen und wir stehen nicht an, mit der gedachten Einschränkung, der Arbeit volles, wohlverdientes Lob zu spenden. Dieses Lob stützt sich in erster Linie auf die Fülle des beigebrachten Materials, das aus tausenden zerstreuten Notizen zusammengetragen ist, und sodann auf die übersichtliche und systematische Darstellung des weitläufigen Stoffes. Bei solcher Darstellung macht sich aber nothwendig ein Fehler bemerkbar, den wir nicht uugerügt lassen können. Der Vers, unterscheidet nicht genug zwischen anerkannten dogmatischen Lehrsätzen und zwischen haggadischen Aussprüchen, die nur gelegentlich geäußert wurden und in ein volksthümliches Gewand gehüllt find. Alles wird gleicherweise als „Jüdische Theologie" vorgetragen. Diesem Vorwurf hat, wie ich sehe, der Herausgeber die Spitze abgebrochen, denn er schreibt S. 408: „Bei 8- 32 wird sich der Leser, wie bei ähnlichen Ausführungen Weber's in besonderem Maße sagen, daß rhetörischgemeindeinäßige Ausmalung, die als solche einigermaßen zu erkennen ist, nicht die gleiche Bedeutung, wie ein dogmatischer Lehrsatz hat. Man muß eben solche Ausführungen mit demselben granum salis lesen, mit dem sie geschrieben sind." Auch so darf das Werk nicht ohne Kritik und