Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 100 (14.12.1896)
- Date
- 1896-12-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1926 r Äergerniß zu erreget!, weshalb Posch wegen groben Unfugs zu bestrafen und bei der Frivolität seines Einspruches die Strafe entsprechend zu erhöhen war. Außerdem wurde auch die Einziehung und Unbrauchbarmachung der beschlagnahmten Druckschriften ausgesprochen. Rußland. Charkow. Der würdige Erzbischof in Charkow, Ambrosii, hielt im geistlichen Seminar der Stadt Charkow eine lange Alloeution, in welcher er bestrebt ist, die Bibel gegen die Anklagen und Beschuldigungen zu vertheidigen, die letzthin von Seite der Antisemiten gegen sie geschleudert worden. Die „Moskowskije Wjedomosti" bringen den ausführlichen Text dieser höchst bemerkenswerthen Rede, in welcher der berühmte russische Kirchenfürst (einer der würdigsten Vertreter der griechisch-orthodoxen Gottesgelehrheit) durch Citate aus der heiligen Schrift den Beweis zu liefern bestrebt ist, daß, entgegen den Behauptungen fanatischer Antisemiten, die heilige Schrift das Wort der Liebe in des Wortes weitester und edelster Bedeutung ist. Der Erzbischof bringt eine lange Reihe von Citaten aus der Bibel, die Menschen- und Nächstenliebe athmen und thut durch treffend angebrachte Vergleiche dar, daß die fünf Bücher Mosis nicht nur Alles das, was das Reue Testament vorschreibt, enthalten, sondern daß auch daselbst eingehend bestimmt ist, wie diese humanen Gebote im Leben anzuwenden sind. Ich halte es für überflüssig, alle diese zahlreichen, vom Erzbischof zur Bekräftigung seiner These angeführten biblischen Citate zu wiederholen, ich begnüge mich, nur die Schlußworte zu bringen, mit denen der würdige Kirchenfürft sich an seine zahlreichen Zuhörer — künftige Seelenhirten — wandte: „Im Angesichte dieser von mir angeführten Gesetze und Vorschriften des Alten Testaments, die Nächsten- und Menschenliebe athmen und die bestrebt sind, die Grundsätze gegenseitiger Liebe der Menschheit festzustellen, kann man nicht umhin, die jetzt leider häufig rotirenden Kritiken und Verleumdungen dieser Gesetze und deren Gesetzgeber, des Gottes Israel, Gotteslästerung zu nennen. Ja, es ist Gotteslästerung, diese Gesetze uns Verordnungen zu tadeln. Man erwidert: Im Alten Testament ist befohlen, „Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß" zu fordern. Das ist wirklich das mosaische Gesetz über Verletzungen. Jedoch noch vor Moses war Noah das Gesetz Tödtungen gegeben: „Wer menschliches Blut vergießt, dessen Blut soll von Menschenhand vergossen werden, denn der Mensch ist nach dem Ebenbilds Gottes geschaffen worden." Was bedeuten diese Gesetze? Eben dasselbe wie in jeder Gesetzgebung, das heißt Forderung der Wahrl heit und Vergeltung für Verbrechen, dann eine gegen die Demoralisation gerichtete Drohung und mögliche Verhütung von Verbrechen; sie haben den Zweck, den Uebelthäter zur Einsicht zu bringen, und enthalten keineswegs den Befehl, daß der leitende Theil durchaus für den ihm ausgeschlagenen Zahn dem nächsten einen Zahn ausreiße, für die verletzte Hand oder den beschädigten Fuß dieselben Glieder verkrüppele. Woher ist jedoch zu entnehmen, daß diese Vorschriften die Verzeihung ausschlietzen, oder jede Aeußerung des Mitleides und Erbarmens mit denen, die Verbrechen begangen, verbieten. Die Barmherzigkeit ist nirgends verboten. Man erwidert ferner: Im Alten Testament befahl Gott alle Völker des Landes Kanaan und andere Nachbarstämme grausam zu vernichten. Was ist jedoch der Grund dieser Verordnung? Die Unmöglichkeit, das Dasein von Völkern zu toleciren, welche nur Missethalen und Verbrechen erzeugten, in denen auch keine Spur geistigen Lebens geblieben war und die blos von thierischen Jnstincten beseelt waren. So wurden die antidiluvianischen Menschen, die Bewohner von Sodom und Gomorrha ausgerottet. Es handelte sich um die Erhaltung des Volkes Israel, des Trägers der wahrhaften Erkenntniß Gottes und der göttlichen Versprechungen der Rettung des Menschengeschlechtes vor dem demoralisirenden Beispiel der heidnischen Völker. Die gottesfürchtigen Juden erkannten dies an, da sie einsahen, daß ihre Stammesgenossen sich mit den Heiden vermengten und von ihnen lernten, ihre Götzen anbeteten und ihre Söhne und Töchter den Dämonen zum Opfer brachten. (Psalm 105, 85—37). Man sagt jedoch ferner, daß Gott auch sein Vollk nicht geschont und es mit schweren Strafen heimgesucht. Und diese Strenge verstanden die auserwählten Israeliten als wohlverdiente Sühne dafür, daß sie seinen Gesetzen untreu geworden. Das war ungefähr der Inhalt der Allocution des Erzbischofs von Charkow an die Zöglinge des Seminariums und brachte dieselbe auf die zahlreichen zukünftigen Seelenhirten einen ungewöhnlich tiefen Eindruck hervor. Besonders bemerkt wurde die Stelle, in welcher der Prälat betonte, daß Alles, was der Stifter der christlichen Religion an göttlicher Liebe und himmlischem Erbarmen gelehrt, in der Bibel enthalten ist und daß das Neue Testament bloß humane Grundsätze entwickelt, die in dem Alten Testament weit eingehender erörtert sind. Ist doch selbst das christliche Vaterunser aus Bruchstücken von Sätzen zusammengesetzt, die in der so viel geschmähten Bibel enthalten sind. Hiebei muß noch bemerkt werden, daß obige Auslassungen des Erzbischofs von Charkow um so bemerkenswerther sind, da gehässige Ausfälle gegen das Alte Testament bei uns nur vereinzelt Vorkommen und auch dann außerordentlich vorsichtig auftreten, und