Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 92 (16.11.1896)
- Date
- 1896-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1759 alsbald den Dienst: der Entschluß, den sie sich abgernngen, ging offenbar über ihre Kräfte; ohnmächtig sartk sie an der nächsteil Straßenecke zilsalnmen. Man rief einen Fiaker, hob sie hinein, labte sie und brachte sie, nachdenl sie zu sich gekommen unb ihre Wohnung angegeben, zu Tante Sofie. Schon anl Abend stellte sich ein 'Nervenfieber ein; die Tante umgab sie mit aller möglichen Sorgfalt, doch schien die Krankheit rapide Fortschritte 31t machen. Julius wich nicht vom Lager der Schwester. Als die Krisis nach langen, bangen Tagen unb schlaflos durchwachten Nächten eintrat und man die Schtvcster gerettet glaubte, war Julius selbst wie gebrochen. Auch an ihm waren die Seelenkämpfe, die er durchzumachen gehabt, nicht spurlos vorüber gegangen. Er hatte Kathi ja mit ganzer Seele geliebt, und sich so von ihr verlassen, verschmäht 311 sehen, sie selbst im Lager der Feinde, das lnarterte sein Herz, brachte ihil um alle Lebensfreude. Als die Schwester auf dem Wege der Genesung lvar, überfiel den Brnder eine schwere Krankheit; er konnte seine Melancholie nicht banneu, starrte stundenlang vor sich hin, nahm weder Speise noch Trank 311 sich. Wie ein Wählt verfolgte es ihll, er habe das Eramen nicht bestanden, er sei unfähig — Kathi habe sich nur deßhalb von ihm abgewendet, weil er bigott sei; all sein Lebensglück schien von ihm gewichen. Dr. Ler hielt cs für geboten, die Eltern voll derit Zustande des Neffen in Kenntnis; zu setzen. Vater und Mutter kamen gleich nach Erhalt der Nachricht lmch Wien. — Wie fanden sie den noch vor Kurzem ill voller Gesundheit und Lebensfrische strahlenden Sohn wieder? Gebeugt, matt, lebensüberdrüssig. — Malt kam dahin übereilt, ihn einer 'Nervenheilanstalt zu übergeben. Wohl erholte er sich dort, doch sein Lebcnsmnth war gebrochen; er fand, als er die Anstalt nach Jahresfrist verließ, weder Freude am Studium, noch am Familienleben. — Die Eltern waren trostlos. Sie forschten, was denn wohl die Ursache dieser seelischen Verstimmung sein könne und erfuhren nun den wahren Sachverhalt. Kathi war längst die Gattin Otto Pteß, und eine der cifrigfteu Antisemitinen, die in Versammlungen Reden hielten, und den Haß gegen die Juden schürten. — Die Eltern reisten mit ihrem gemüthskranken Sohne nach Italien und hofften ihn hier in dieser blühenden ^iatur gesunden zu sehen. Bertha begleitete sie. Mit dem jungen Mädchen war eitle ernste Wandlnng vorgegangen. Sie hatte Dr. Korani's Briefe, die er nach der Begegnung im Volksgarten an sie richtete, unbeantwortet gelassen, da er in allen darauf hinwies, sein liebertritt zum Ehristenthum sei beschlossene Sache. Den Dissidenten liebte sie nicht, ihm mochte sie nicht angehören, aber jener Dr. Korani, den sie einst im Hause der Tatite kennell lernte, ihm war sie noch in treuer, aber entsagungsvoller Liebe zugethan; von ihm' konnte und mochte sie sich nicht trennen. So wies sie alle Bewerber, die das hübsche, geistvolle Mädchen gerne als Gatlitt heimgeführt hätten, ab; sie wollte Keitiettt angehöretl, da sie mit dem Einett, den sie liebte, nicht vereint sein konnte. Jtl Wollt war es, als sie mit dem ttvch imnter gemüthskranken Bruder den Monte-Pincio hinauffuhr und von oben die herrliche Aussicht auf die Sieben- Hügelstadt getloß, als sie die Bekarmtschast eines Prager Malers machte, der nach Rom gekommen, unt hier seine Studien 31t vollenden. Der junge Maml, Wenzel Brand, erzählte, als nlan intimer wurde, daß er das Geld 311 seiner Studienreise einem ganz eigeitthüntlichett Zufall verdattke; er habe Auftrag gehabt, das Porträt einer bildschönen Pragerin, die Braut des Mittisterialraths Korarti zu malen; es sei ailch gut ausgefallen, doch ein ititglücklicher Zufall wollte, das; der Bräutigam, für den die Schöne das Bild malen ließ, wenige Tage vor der Hochzeit erklärte, er köntle die Verbindung tlicht eingehcn; er sandte das Bild mit allen Geschenken, die er erhalten, zurück; das junge Mädchen war verzweifelt; sie wollte das Bild, das sie att eine ihre Eitelkeit kränkende Zurückweisung erinnerte, nicht in ihrem Hause sehen und überlies; es Brand gegen Zurückgabe des Honorars, das er erhalten. - Wenige Tage hernach wurde das Porträt in Wien ausgestellt und von einem Kunstfreunde um 1000 fl. erworben. „Warum nur," forschte Bertha, die klopfenden Herzens zugehört, „trat Korani von der Verbindung mit jener Schönen zurück „Man sagt," erwLederte der Maler, „eine alte Liebe habe es ihm angethan; er könne sie nicht vergessen und sei sogar willens feine Staatsstellung aufzugeben, um — doch was ist Ihnen," unterbrach sich der Maler, der mit steigender Verwunderung sah, wie Bertha abwechselnd roth und blaß wurde. Sie war nicht fähig ihm zu antworten; doch Julius erzählte in kurzen Worten, daß Korani dein Herzen der Schwester einst nahe gestanden und heute wohl ihr Gatte wäre, wenn er den Glauben der Väter nicht abgeschworen hätte. Bertha, die sich inzwischen gefaßt, erkundigte sich jetzt ruhig, wie es Korani gehe, ob Brand ihn persönlich kenne, von wem er gehört, daß Korani seine Staatsstellung anfgeben wolle. Wie schlug ihr das Herz, als sie vernahm, daß der junge Maler intim mit^Korani befreundetLsei und nur^des Winkes bedürfe, umZ.ihn zu ihr zurückzuführen; er habe oft mit ihm darüber gesprochen, daß er seinen Uebertritt bereue, keines ruhige Stunde habe, seitdem er seinen Glauben abgeschworen. Bruder und Schwester