Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 90 (9.11.1896)
- Date
- 1896-11-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1717 vergoldeten Schloß zu halten, ich stieße ihn von mir; in der Noth lernt nran seine Freunde kennen, er aber hat sich als schlechter Freund bewiesen!" „Weiberlaune," sagte geringschätzend Otto Pteß; „ich bin sicher, wenn der Jud' morgen kommt und ein Kniefall thut und Dir ein paar schöne Worte sagt, hast Du Alles, was Du jetzt gesprochen, vergessen." „Da kennst Du nlich schlecht, Otto," betheuerte Kathi. „Er ist ans meinem Herzen gestrichen und hat kein Anrecht mehr auf dasselbe; wie ich ihn einst liebte, so hasse ich Um jetzt; er ist nicht wcrth, daß ich sein noch gedenke!" „Ja, wie Du Dich überhaupt nur je an den Juden hängen konntest," sagte Pteß in seiner derb eynischen Weise; „meinst Du denn, daß er je reelle Absichten gehabt? Dlt warst ihm gilt als Zeitvertreib und ich bin fest iiberzeugt, daß die Heimreise nur ein Vorwand war mit Dir zil brechen." Bei der Leichenfeier war es Otto Pleß, der Kathi, die dem Sarge des Vaters folgte, führte; er ordnete Alles, was hernach nöthig war, an, verhandelte mit dem Advocaten wegen der ErbschastSregulirnng, bestritt die Kosten der Beerdigung, kam täglich zweimal zu Kathi sich nach ihrenl Befinden zu erkundigen; so «lachte es sich, daß Kathi sich voll Tag zu Tag «lehr an beu ihr früher sehr unsympathischen Cousin gewöhnte; sie vernlißte Julius weniger, da der Vetter sie mit einer wahrhaft rührendell Aufmerksamkeit umgab, die Abende mit ihr verbrachte, für Leetüre sorgte, damit sie, welin sie allein, von ihrem Schmerze abgelenkt werde. Diese Bücher aber, die Otto Pleß ihr brachte, schienell gerade nicht danach angethan ihre aufgeregten Nerven zu beruhigen. Es waren zumeist antisemitische Schriften, die wahre Brandreden gegen die Inden enthielten, lind ihr Verlobter war ein Jude! In freireligiösen Anschauungen aufgezogen, hatte sie nie etwas darin gefunden, eine Ehe mit einem Israeliten einzugehen, jetzt, nachdem sie sich in die antisemitischen Schriften vertieft, das in ihnen enthaltene Gift eingesogen, erschien es ihr, als habe sie sich selbst geschändet, daß sie des Juden Umarmungen geduldet, ihre Liebe all einen Unwürdigen verschwendet. Wo nur hatte sie ihren Verstand, daß sie Wernau, dein Juden, vertrauen konnte! Ja, es war Alles so, wie es in den Broschüren stand, die ihr der Vetter gebracht. Der Jude hatte sich, wie sehr er auch ehedem betheuert hatte, sie zu liebelt, als eilt Elender entpuppt, ein Egoist schlimmster Sorte, dem nicht einmal der Tod ein Mitgefühl abrang! Sie hatte ehedem gehört: „Von der Liebe zum Haß ist nur ein schritt," aber nie glattben wollen, daß dem so sei; jetzt fühlte sie, wie ihre Liebe zu Haß erstarrte und gab zu, daß jenem geflügelten | Worte Wahrheit inne wohne. Eine Wandlung eigener Art war mit dem Mädchen vorgegangen; sie, die vorurtheilslos von einem aufgeklärten Vater erzogene Tochter, war, ehe sie es sich selbst eingestand, eine ellragirte Alltisemitin geworden. Ulid das war Otto Pleß's Werk. Er triumphirte. Kathi tvar fortan nun ein williges Werkzeug in seinen Händen. Sie begleitete ihn zu allen antiselllitischen Versammtungell, schimpfte tapfer mit, wo cs galt, gegen die Juden los zu ziehen und ließ sich gar bald als Vorstandsmitglied ill einer Frauen- Ortsgruppe wählen, deren Hauptzweck es war für antisemitische Ideen in Arbeiterkreisen Propaganda zu machen. Julius Wernau staunte, als er von alledem hörte. Daß ihn Kathi abgewiesen, hatte ihn tief geschmerzt, doch war in ihm die Hoffnung lebendig, er würde sie sich zurückeroberll, wenn eine kurze Spanne Zeit vergangen und ihre Erregullg niedergekämpft sei; jetzt, da er sie im Lager der Antisemiten sah, wußte er, daß sie ihm verloren. Um seinem Schulerz keine Gewalt über sich zu geben, vertiefte er sich mit Ernst und Eifer in seine Studien. Er stand jetzt vor der letzteli Prüfung: sobald er den Doetorhut erlangt, wollte er reisen, um neue Eindrücke zu gewinnen und feine verzweifelte Stimmung los zu werden. Kathi hatte ihrem Vetter, der von Tag zu Tag größeren Einfluß auf ihr Thun und Denken gewann, mitgetheilt, daß Wernau kurz vor seinem Doktor- Examen stehe. „So," hatte der blonde Vetter gesagt, der sich rühmte, überall Verbindungen zu haben, „wollen ihm mal den Doctor ein Bischen in die Ferne rücken! Hat es um Dich verdient, daß wir ihm eins da versetzen, wo er am empfindlichsten zu treffen ist!" „Wie meinst Du das?" forschte Kathi. „Laß das meine Sache sein," erwiederte Pleß. „Ich gebe Dir «rein Wort darauf, daß er, wie inimer er geochst haben mag, das Doctorat nicht erhalten wird!" „Wär ihm schon recht," meinte Kathi. „Solche Menschen sollten überhaupt nicht zu Anlt und Würden kommen!" „Elendes Judenpack!" schimpfte Pleß. „Sind es nicht werth, daß man sie in einem christlichen Staate bntbet! Am allerwenigsten sollte man sie in höhere Stellungen aufrücken lassen!" „Wernau ist aber ein fähiger Mensch," meinte Kathi, „er wird sich seinen Weg bahnen." „Mein 'Wort darauf," erwiederte Pleß, „daß wir ihm seine Karriere vereiteln werden!" Kathi wollte wissen, was der Vetter vor habe, doch dieser schwieg beharrlich.