Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 90 (9.11.1896)
- Date
- 1896-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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-*7»' ■^r^- i*a,w^fy 1712 ein kurzes Resumö des Judenstaats erforderlich, wie ihn sich Herr Dr. Herzl denkt. Zunächst wird das Bestehen einer Judenfrage, das Unzulängliche aller bisher angestrebten Lösungen nachgewiesen und dann behauptet, daß es nur einen einzigen Weg zur gründlichen Lösung der Jndenfrage gebe: Der Judenstaat. „Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stücks der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen. „Das Enlstehcn einer neuen Souveränetät ist nichts Lächerliches oder Unmögliches, wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt, bei Völkern, die nicht wie wir Mittelftandsvölker, sondern ärmere, ungebildete und darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränetät zu verschaffen, sind die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesuchten Länder lebhaft interessirt." Es werden für die im Prinzip einfache, in der Durchführung complicirte Aufgabe zwei große Organe geschaffen: die Soeiety of Jews und die Jews Company. Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat, führt die Jewisli Company praktisch aus. Die Jewisli Company besorgt die Liquidirung aller Vermögensintereffen der abziehenden Juden und organisirt im neuen Lande den wirthschaftlichen Verkehr. Den Abzug der Juden darf man sich, wie schon gesagt wurde, nicht als einen plötzlichen vorstellen. Es wird ein allmähligec sein und Jahrzehnte dauern. Zuerst werden die Aermsten gehen und das Land urbar machen. Sie werden nach einem von vornhinein feststehenden Plane Straßen, Brücken, Bahnen bauen, Telegraphen errichten, Flüsse reguliren, und sich selbst ihre Heimstätten schaffen. Ihre Arbeit bringt den Verkehr, der Verkehr die Märkte, die Märkte locken neue Ansiedler heran. Denn jeder kommt freiwillig auf eigene Kosten und Gefahr. Die Arbeit, die wir in die Erde sänken, steigert den Werth des Landes. Die Juden werden schnell einsehen, daß sich für ihre bisher gehaßte und verachtete Unternehmungslust ein neues, dauerndes Gebiet erschlossen hat." In Palästina oder Argentinien soll der künftige Judenstaat consolidirt werden. Die Erwägung, welche für und gegen diese Wahl sprechen, werden kurz erörtert. Es folgt nun eine gedrängte Nebersicht der Grundzüge des ganzen Planes: Jmmobiliengeschäft, Landkauf, Bauten, Arbeiterwohnungen, der Siebenstundentag, Arbeitshilfe, Marktverkehr, andere Kategorien von Heimstätten, einige Farmen der Liquidation, Bürgschaften der Company, einige Thätigkeiten der Company, industrielle Anregungen, Ansiedelung von Facharbeitern und endlich — last no least — die Geldbeschaffung. Für letztere werden drei Wege vorgeschlagen 1) die Hochbank, d. h. der Versuch die jüdischen Geldmagnaten für das Unternehmen zu interessiren, 2) die Mittelbank, d. h. Beschaffung des Gelees, durch Gewinnung der mittelreichen Juden für das Projekt und 3) die volksthümliche Subscription d. h. Aufbringung des Geldes durch unmittelbare Ausschreibung einer Subscription. Der erforderliche Betrag wäre durch Finanzmänner noch sestzusetzen, der Verf. spricht zunächst von einer Millarde Mark. Die Leute sollen, ohne daß jedoch irgend welcher Zwang geübt wird, in Gruppen von Familien und Freunden auswandern. Eine gute Verfaffung ist von Staatsjuristen auszuarbeiten. Als Regierungsform wird die demokratische Monarchie oder die aristokratische Republik in Vorschlag gebracht. Daß auch die Verschiedenheit der Sprache keine Schwierigkeit bereitet, wird durch einen Hinweis auf den Sprachcnföderalismus in der Sckweiz erledigt. Gesetze, Reciprocität und Auslieferungsverträge, das Heer und selbst die Fahne hat der Verfaffer in den Kreis seiner Betrachtungen grzogen. „Ich denke mir eine weiße Fahne, mit sieben goldenen Sternen. Das weiße Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben goldenen Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der Arbeit gehen die Juden in das neue Land." Solche kleine Züge sind für das Ganze charakteristisch. Fügen wir noch hinzu, daß der Verfaffer zu den nationalen Juden zählt, dieser neuesten Erfindung unserer ersindungsreichen Zeit, daß er die ganze Judcnirage demgemäß lediglich als eine nationale Frage anffaßt, deren Lösung daher verlangt sie zu einer politischen Weltfrage zu machen, so haben wir einen genügenden Einblick in das, was deiu Verfasser als zu verwirklichendes Ideal vorfchwebt. Wir gestatten uns diesem kühnen Plane einige nüchterne Bemerkungen entgegen zu halten. Ob die finanzielle, politische, volkswirthschaftliche und ähnliche Seiten dieses großen Projekts, denkbar, ausführbar oder utopische Schwärmereien sind, darüber wird man verschiedener Meinung sein können. Darüber hätten Fachmänner ihr Votum abzugeben und bescheiden unsunseres Theils gern, keine maßgebende Ansicht nach dieser Seite hin abgeben zu können. Angenommen alle Einwände, die der Autor selbst erhebt und die in noch größerer Zahl sich aufmerksamen Beob, achtern aufdrängen werden, angenommen alle diele Bedenken ließen sich leichter Hand widerlegen, so bleibt doch noch eins übrig, das unsere bisherigen Betrachtungen nicht gestreift haben und das ist das religiöse Moment. Als nationaler Jude macht dem Autor