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Der Israelit · 1896-10-22 · Heft 85 (22.10.1896) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 85 (22.10.1896)
Date
1896-10-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1622 Verwaltungsausschuffes, respektive in der durch den Schulinspektor an den Herrn Oberrabbiner gerichteten Aufforderung zum Abdrucke gelangt." — Hierzu ist zu bemerken, daß jedes „patriotische und auch vom Gesichtspunkte der ungarischen Cultur wünschenswerthe Bestreben" mit gar keiner wie immer gearteten jüdischen Anstalt im Widerspruche stehen könne. Budapest. (GrafIuliusAndrassy über den Antisemitismus.) Der ehemalige Minister am königlichen Hoflager, Graf Julius Andraffy, benützte die Muße feit dem Rücktritte vom Amte zu einer Arbeit über den staatsrechtlichen Ausgleich vom Jahre 1867, die demnächst in der Gestalt eines nahezu 500 Seiten umfassenden Werkes im Verlage der Franklin-Gesellschaft erscheinen wird. Aus diesem Buch bietet die „Neue Freie Presse" einige intereffante Auszüge, welche das Judenthum näher angehen. Graf Andraffy gedenkt in diesem Zusammenhangs auch der moralischen Erscheinungen in beiden Staaten der Monarchie, um die es in ihren extremen Kundgebungen bester bestellt sein sollte. Das gibt ihm auch Gelegenheit, sich über die augenblicklichen Verhältniffe in Wien in folgender Weise zu äußern: „In der jüngsten Zeit sind in der Stadt Wien tiesbetrübende und hauptsächlich vom österreichischen Gesichtspunkte bedauerliche, weil erniedrigende Erscheinungen zu beobachten. Die friedliebende, sympathische und wackere Bürgerschaft dieser Stadt ist in ihrer Mehrheit ein blindes Werkzeug der widerwärtigen Leidenschaft des Haffes geworden. Das wohlgelaunte, humane, gebildete Wien wurde durch den Neid in Fieber versetzt. „Nieder mit den Juden!", „Nieder mit den Magyaren!", so lauten die Schlagworte seiner Mehrheit. Lueger, der ewig schimpfende Volkstribun, konnte Bürgermeister werden. Diese unbegreiflichen Erscheinungen deuten, wie ich hoffe, nur auf eine nicht lange währende Krankheit, deren Andenken selbst dem österreichischen Volke verdrießlich sein wird, und ich zweifle nicht daran, daß auch der irregesührte Theil alsbald auf die Bahn der Civilisation zurückkehren werde, auf der man diese Empflndungen der Vergeltung nie als berechtigt anerkennen darf, auf der man die Beschimpfung und das Fluchen eines ernsten Politikers nicht würdig hält, wie denn überhaupt derartige Ausbrüche nicht so sehr demjenigen schaden, gegen den sie gerichtet waren, sondern denjenigen seiner selbst vergeffenen Theil treffen, von dem sie ausgegangen sind. Ich will diese bedauerliche Verirrung dem Wiener Volke in seiner Gänze nicht auf's Kerbholz schneiden, wie man denn auch bei uns diese Ausbrüche im Allgemeinen mit Ruhe und Würde beurtheilt und es Niemandem beifällt, dieselben in gleicher Form zu erwidern. Diese Schmach werden wir auf den ungarischen Namen nicht laden. Uebrigens kann man mit wahrer Freude beobachten, daß gerade diese Uebergriffe bereits eine Reaction herbeiführen, und es steht zu hoffen, daß diese Elemente die volle Uebereinstimmung mit uns, deren sie in hohem Maße bedürfen, mit größerer Befliffenheit als bisher pflegen werden. Vermag man bei uns solche Auswüchse auch nicht wahrzunehmen, so kann doch nicht geleugnet werden, daß die öffentliche Stimmung gegen Oesterreich selbst heute noch keine solche ist, wie sie sein könnte und wie sie zu unserem Frommen auch sein müßte. Die alten Wunden sind noch nicht vollständig verharscht. . Rußland. Warschau, 8. October. Trotz der neuen Aera, welche den Juden zu winken schien und welcher dieselben mit freudiger Hoffnung entgegensahen, geschehen hierzulande Dinge, denen gegenüber aller europäische Antisemitismus fast als Kinderspiel zu bezeichnen ist. Solange einzelne Volksschichten gegeneinander aufgereizt werden und sich gegenseitig bekämpfen, mag wohl der Anblick ein betrübender sein, aber immerhin rechnet man in letzter Instanz auf den Schutz des Gesetzes, der schließlich unter einer gerechten Regierung allen Bürgern des Landes in gleichem Maße zu Theil wird. Wie aber nun, wenn der Druck von „Oben" ausgeht und auszugehen nicht aufhört, wenn unseren Kindern, weil sie jüdischer Confession, der Weg zur Bildung versperrt wird, die Möglichkeit benommen, zum Kampfe um's Dasein das gleiche Rüstzeug wie ihre Gegner sich zu verschaffend Als Beweis deffen, daß Solches hier ohne Unterlaß geschieht, mögen folgende Thatsachen dienen: Seit Langem schon machte sich bei uns das Bedürfnis nach einer gediegenen Handelsschule geltend, und ist eine solche gegenwärtig ins Leben gerufen worden. Da die das Studium der Juden beschränkenden Gesetze auch hier zur Geltung hätten kommen mttffen, gab man sich Mühe, den Procentsatz der aufzunehmenden Juden nach der Odeffaer Handelsschule gestalten zu dürfen. Wie bekannt, steht derselbe dort im richtigen Verhältnisse zum Procentsatze der Kaufleute jüdischer Confession. Obgleich man nun berechtigt war, die Gewährung dieses Wunsches zu erwarten, wurde diese Hoffnung getäuscht, indem, auf Grund eines Befehls vom Ministerium der Aufklärung in Petersburg, Juden von der Aufnahme in die neugegründete Schule vollkommen ausgeschlossen werden sollen. Ein anderes Factum auf anderem Gebiete: Die Besitzer einer Tramwaylinie, welche Warschau mit dent Vororte Mokotow verbindet, reichten an's Ministerium die Bstte ein, man möge ihnen gestatten, ihre Compagnie in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Die Entscheidung erfolgte in günstigem Sinne, mit der Bedingung jedocb, daß kein Jude Besitzer

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