Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 81 (8.10.1896)
- Date
- 1896-10-08
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1554 Obwohl man in konservativen jüdischen Kreisen die Schwere der Zwangslage zu ermeffen vermochte, hat dennoch die aus Opportunitätsrücksichten sich ergebene freisinnige Erledigung der heiklen dritten Frage konsternirend en Eindru ck gemacht und die in solch unjüdischer W ise bekundete Huldigung Mißfallen erregt.^) den Rabb. Abr. Andrade aus Bordeaux (französisch), Präs. David Sinzheim aus Straßburg (deutsch) und I. Cegre aus Vercelli (italienisch.) (Zunz (geb. 10. Aug. 1794, gest. 18. März 1886) G. Vortr. p. 469.] 18) In der vorvorhergehenden Note ist's schon angcdeutet. daß wahre ungeheuchelte Religiosität, unerschütterliches Festhalten an dem Väterglauben und den mit demselben eng verbundenen Satzungen, die Bürgertreuc nicht bceinträch-- ligen, sondern vielmehr potenziren. In begeisterter Hingebung für König und Vaterland und treuer Erfüllung der Bürgerpflichten kann der glaubensstarke Jude von keinem Patrioten übertroffen werden, und selbst ost zugefügte bittere Unbill vermochte niemals diese Flamme der Begeisterung auch nur im geringsten Grade zu dämpfen, denn sie gilt ihm als heiliges unantastbares Rel ig io n s g esetz. s. z. B.Jerem. 29,7 — rYQN 'S in, 2; Prov. 34, 31 — :'?roro; ferner: C jw*7 wrattn ton Q"’p p"a) oson ns mana -hon (a. a. O. :NDbr 'S) MS7Q iw nortwa ’in ("> poj) niana) rnnat? naao jrw ina “idw y"mt* dPd nwin roaina) y"mto mo» t*iw bne» nt* n"apn ynsjn (n"j 's *vna) nj’stco ws ryo v?ns iiü2 vjd ryon ij (:s'y pnrno n"p D’nsr) i'by rna^on no’N Nnn obiyi cts '*d “Dy (.n": roa-D) ywi snuiü pjn Njntn WTO3 (rrs p"a .'i 's onan nso (Naboa sd?di >miw) 'di yo ibo i"D'Wnw:j"*p *) Die den Begriff und die Tragweite dieser Bestiuimnng definirenden Quellen werde ich w. u. registrireni Und eben weil die Bürgertreue mit seinem Relißionsleben so eng verwachsen und verwebt ist und in seiner Innern Gefühlswelt auf dem Granit der R cl i g i ö sit ä t sich erhebt, gilt cs ihm auch patriol ische Pflicht vor dieses Heiligthum Cherubim zu stellen, ua es vor „fremden Feuer" zu schützen. Die Integrität der religiösen Ueberzeugung und unerschütterlichen Glaubenstreue, bietet ihm die sicherste Gewähr dafür, daß auch seine loyale Hingebung für König und Vaterland, sc!ne Unterthanen- und Bürgertreue in ten mannigfachen Phasen und Weckselfallea des Lebens keinerlei Einbuße erleiden werden. „Daß man Napoleon in mehr als unjüdischer Weise vergötterte und den Glauben an dessen mcssianische Sendung und die Feier seines Geburtstages als die h il'gstcn Pflichten kennze chnete, das konnte demnach selbstverständlich bei wahrhaft frommem Juden keinen Eingang finden." (Dr. B. H. Auerbach (geb. 1808, gest. 30. Sept. 1873.) Gesch. d. isr. Gem. Halberftadt p. 150.) vjdr ist eine Sage bekannt. Am Abende jenes denkwürdigen TagcS (18. Aug. 1807) soll ein frommes deutsches Mitglied der Pariser Judengcmcindc, dem Urtheile der öffentlichen Meinung über die das jüd. religiöse Familienleben tief tangirende Erledigung der dritten Frage, so wie seinem Unmuthe über die von Schmarotzern verübte Shnagogenschändung, in sinniger Weise beredten Ausdruck verliehen haben. — Wie alljährlich am Geburtstage des Kaisers war auch für jenen Abend die festliche Jllumimrnng der Wohnhäuser und Geschäftslüden polizeilich angeordnet worden. Die „Politiker'' der Natablen propagirten, daß die Häuser derJud en an diesem Abende in außer- Dem Scharfblicke Napoleons dürfte es nicht entgangen sein, daß einerseits die von den „Politikern" der Notablen-Versammlung bethätigte religiöse Ungebundenheit durchaus nicht geeignet war in jüdisch-religiösen Kreisen Vertrauen zu erwecken, deren Meinungsäußerung demnach nicht als Symptom der jüd. öffentlichen Meinung gelten kann; und daß a nder er s etts das von den skrupulöseren Mitgliedern nur nach harten Kämpfen siftirte Oppontren, nach solchen Antezedentien schon a priori nicht als Ausfluß innerer religiöser Ueberzeugung, sondern als „um des Friedens Willen" nothgedrungene und weitgehendste, in praxi jedoch niemals zur Geltung kommende Konzession betrachtet werden dürfte. — Dies mochte in ihm den Gedanken gereift haben, die Beschlüsse der Notablen- Versammlung mit der Autorität eines Synhedrion zu decken und rel iöse Bür g sch a ft von der vollen Verwirklichung, der in den Antworten ausgesprochenen Prinzipien zu fordern. Am 18. September verkündete Mole, daß der Kaiser unter ehrender Arerkennung der loyalen Bestrebungen der Notablen Vorschläge, ordentlich glänzender Weise illuminirt werden sollen, damit die loyale Huldigung je ostentativer sich manifestirc- — Das in unmittelbarer Nähe der Synagoge benndlichschöne, Palais des erwähnten frommen Juden strahlte zwar auch in voller Pracht, doch ia der Mitte des glanzvollen Liwtmecres war eine große Tafel mit der bedeutungsvoll«n Inschrift ZW A 4* angebracht. — Aller Augen waren auf dies verfängliche und vielsagende Wort gerichtet. Die lobhudelnden, freisinnigen Juden gericthen ganz außer Fassung; alles Bitten, die Tafel zu entfernen, war vergeblich. — Nur noch eine halbe Stunde trennte sie von dem Momente, wo der Kaiser mit den höchsten Würdenträgern die Rundfahrt durch die Stadt machen sollte, und siehe diese Tafel da! Welch beißende Ironie! Entsetzlich!- — Die ob dieses Attentats tiefempörten Juden wandten sich ganz bestürzt an den Poltzeipräfecten und bestürmten diesen, daß ec die ihnen zugesügte Schmach und drohende Gefahr von ihnen abwende. — Der Polizeichef sah die Klage^ührenden verdutzt an. und erwiederte dann, die Sache sei sehr delikater Natur. Erstens, das Delictum an und für sich, und zweitens gehört der Urheber desselben zu den hervorragendsten Bürgern der Residenz, der vermöge seines lautern Charakters, seines gepriesenen Biede sinnes und weithin rühmlichst bekannten Mumsizenz allgemeine Achtung und Werthschätzung genießt. — Andererseits aber konnte auch er der gerechten Aufregung sich nicht verschließen, — auch er erfaßte die peinliche Situation, und es war nicht viel Zeit mehr zu verlieren, der kritische Moment nahte; — er hat den eindringlichen Bitten Folge gegeben und begab sich in Begleitung der Klageführer zu deren demonstrircndem Glaubensgenossen. — Allein trotz aller ernsten Vorstellungen war dieser nichts weniger als geneigt die verhängnißvolle Tafel entfernen zu lassen. Die „Politiker" waren ganz desparat, sie rcmonstrirlen, rebellirtenda erbarmte cc sich ihrer und gab mit unschuldiger Miene die verblüffende Aufklärung, daß das verhorrescirte Wort ganz harmloser Natur sei, eine unschuldige Abbreviatur der Worte: Zur Weihe An Napoleons Geburtstag! —-