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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1457 Loos ausgesucht? Und wir nennen uns das auserwählte Volk." „Schaut! Auch diese, sind auch sie von dem auserwählten Volk?" rief die Dame spöttisch und deutete nach dem Ufer. Da spielte sich nämlich gerade vor ihren Augen eine kleine Scene ab, die an sich unbedeutend, nur durch den Gegensatz uitb auf den Hintergrund der den behaglichsten Lebensgenuß athmenden holländischen Landschaft peinlich auffallend war. Aus der Straße hielt nämlich wie ein abgehetztes Zngthier ein zerlumpter Bursche mit einem großen mit Obstkörben beladenen Drückkarren, dessen Tragriemen ihm um die Schultern hingen und steckte sich einige Kirschen in den Mund, während sein Begleiter mit gellender, markdurchdringeuder Stimme seine Waare ansschrie. Das waren arme Juden. Mit dem Obsthandel auf deit Straßen befaßt sich der Holländer nicht. Einen Blick warf Schanl auf die Burschen, in denen er zwei der Sohne des Schlome erkannte und — wendete sich dann ab von den Kindern der Straße, die dem Stammesgenossen noch eben einen Blick der Uebcrraschung und des erfreuten Wiedererkennens zusandten. Augenblicklich aber erröthete Schanl im Zorn über sich selber und seiner Rolle, die er hier spielte, und mit tiefer Verstimmung folgte er der stolzen Holländerin ilnd den Andern, als man jetzt vor der mit prächtigen Erlen umsänmten Tulp'schen Besitzung landete. VIII Elsbroe« In der Nähe des Tulp'schen Landsitzes unweit des Dorfes Hillegom bei Amsterdam war auch das Gut der patricischen Familie Sir, deren Name in Rembrandts Lebensgeschichte mehr als einmal vorkommt und zwar durch berühmte Schöpfungen des großen Mannes verewigt. Die stolze gelehrte Schwester des Doktor Tulp durfte es schon wagen in das wohl sonst mit vornehmer Zurückhaltung behütete Tuskulum cinzudringen, wo Jan Sir, ein blonder Melancholiker mit seiner Mutter wohnte, seinen Sammlungen und der Poesie beinah ausschließlich sich widmend. Viele Jahre später erst sollten diese Beschäftigungen znrücktretcnen vor den Aemtern und Ehrenstellen, die der gereifte Mann ans sich nahni, um dem städtischen Wohl zu dienen, bis er 1691 sogar Bürgermeister der Stadt Amsterdam wurde. Schanl begleitete die junge Dame, die sich das grausame Spiel einer kleinen Koketterie mit dem jungen Mann gestattete, dessen weltunersahrene Offenheit sie unterhielt, der ihr aber sonst so wenig ebenbürtig erscheinen mochte, daß er kaum ihrer Ruhe gefährlich werden durfte. Der Jüngling aber hatte sich ernsthaft in dem Garn ihrer schönen Augen verstrickt; kühnen Wünschen und Plänen, die sich doch niemals ihm erfüllen durften, gab er sich hin, seine Leidenschaft war unverkennbar. Anna Tulp, die ihre Erwartung auf Jan Six setzte, hatte den jugendlich verblendeten Verehrer nur deßhalb mitgenommen, weil seine Begleitung ihr noch mehr Gelegenheit gestattete, Sir gegenüber sich selbst in günstigeres Licht zu setzen, als wenn, wozu sie ihre nachbarlichen Beziehungen berechtigten, sie allein gekommen wäre und sich als die Jugendfreundin hätte geben müssen, eine manchmal undankbare Rolle. Am Thore des Sir'schen Gartens zu Elsbroek empfing die Besucher mit verdrossener Langsamkeit der alte Diener. Unschuldig zwar ist der Gute an der läppischen Anekdote, die ihn so viel Zeit brauchen läßt, den fehlenden Senf zur Mahlzeit herbeizuschaffen, daß Rembrandt die Landschaft vor ihm unterdessen radiren konnte. Ein hübsches Blatt übrigens, le pont de Six! Durch Taxnshecken, an antiken Fragmenten und kleinen Statuen vorüber, die der junge Gelehrte nach seinen klassischen Liebhabereien und mit dem feinsten Kunstvcrständniß erworben hatte, brachte sie der Weg, aus dein Anna Tulp rasch voranschritt, zu der Veranda, wohin wenige Stufen hinaufführten. Schanl ging mit ahnungsvoller Beklommenheit. Roch unbehaglicher wurde es ihm in dem mit düsterer Pracht ansgestatteten Saale, den das Raffinement dcS jungen Dichters der Medra in wirkungsvollstem Gegensatz zu dem Landschaftsbilde draußen gestellt hatte, der namentlich, wenn ein Sonnenblick über Alles hinstreifte, auf's Lieblichste und Heiterste zur Geltung kam. Hier die Wände mit dunklem Marmor bekleidet, in den Nischen gespensterhaft weiße Alabasterstatnen, draußen schöne Viehweiden, Windmühlen und ferne Kirchthürme. Ein Seitenfenster aber — und dort hatte der träumerische Patrizier feinen Lieblingsfitz — bot nur einen Ausblick auf klassische Wildniß mit gestürzten Tempelsäulen. „Mynheer Sir," rief Anna Tulp, von weitem den jungen Herrn begrüßend, der soeben unter der Flügelthnre des Saales erschien, „Mynheer, hätten nicht alte nachbarliche Rechte mich ermnthigt, so würde ich es nicht gewagt haben, in die heilige Einsamkeit Eures Dichtertempels einzudringen!" „Schanl," so stellte sie mit eleganter Handbewegnng den jungen Mann vor. „Schanl, der Schüler des Doktors, ein vielversprechender junger Gelehrter wird Luch vielleicht von Rembrandts Atelier her nicht unbekannt sein. Wahrheit und Dichtung, für die Philosophen nicht ganz leicht zu vereinigende Gegensätze, dürften sich in praxi diesmal ganz gut vertragen."

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