Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 74-75 (15.9.1896)
- Date
- 1896-09-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXVÜ Jahrgang. Iweite Keil. M M 74 & 75 des «Israelit-. Seiten»« Artikel. Zum neuen Jahre. Rede, gehalten von Rabbiner Dr. CarlebaL, gelegentlich des im vergangenen Jahre in Lübeck stattgehabten Raturforscher- Congresscs. II. Was die Wissenschaft gewährt, sind irdische Vortheile; wie die Erde mehr und leichter bezwungen, wie das Leben angenehmer und bequemer gestaltet, wie die Genüsse reicher und billiger erworben werden können. Aber der Mensch, der größere Macht über die Erde erlangt, der bequemer zu leben versteht und sich reichere Genüsse verschaffen kann, ist damit noch lange nicht edler, besser, glücklicher. Das Gotteswort aber erfaßt den Menschen bei seinem höheren, göttlichen Theile, seiner Seele, weckt sein Pflichtgefühl, unb selbst da, wo das Gotteswort Naturforschung scheint, will es lehren, bessern, mahnen, a^y rnn am. Heute ist der Geburtstag der Welt, er ladet uns deshalb nicht zu Festgelagen zu Ehren des Weltenjubiläums, kündet nicht fröhliche Veranstaltungen an, unter welchen das Wiegenfest unserer Mutter Erde und unser, des Menschengeschlechtes, eigenes langes Bestehen gefeiert werden soll, sondern er giebt sich in den ernsten Schofartönen zu erkennen, die uns mahnen an den König, den Schöpfer, llnmündige Kinder begehen fröhlich und tändelnd ihr Wiegenfest. Dein gereiften Manne ist jede Wiederkehr seines Geburtstages eine eindringliche Mahnung, sein Werk zu überschauen und seine Leistungen zu vergleichen mit seinen Kräften und Pflichten und die ihm von Gott geschenkten Jahre, mit dem was er erreicht und was er versäumt, wo er hätte erreichen können. Und so vernehmen wir auch heute den Ruf a^iy mn am mit bangem Herzen und ängstlichem Gefühle. Die Erde ist nun ein Jahr älter geworden und wir selbst haben wiederum ein Jahr zurückgelegt. Wir sind um ein Jahr älter geworden! Sind wir auch weiser, besser, edler geworden? Jeder Dag, jedes Jahr weiter in's Leben hinein, ist auch ein Schritt aus dem Leben heraus, ist eine entsprechende Annährung zum Tode. Das Jahr, welches wir zurückgelegt, ist nun abzuziehen an der Zeit der jedem Einzelnen bestimmten festgesetzten Lebensdauer, ein Jahr haben wir jetzt noch weniger zur Ausnutzung auf Erden und zur Vorbereitung für den Tod und den Himmel! Ist ilnser Werk so bestellt, daß wir jeden Moment gewärtig sein können, imb mit Ruhe es können, des Rufes, der uns nach einer anderen Stelle beordert, uns „avancieren" lassen will nach einer höheren, besseren Stelle in einer anderen Welt? Und die Erde ist um ein Jahr älter geworden. Sie hat ihre Pflichten getreulich gegen uns erfüllt. Sie hat uns getragen auf ihrem Rücken; sie hat sich täglich auf's Nene geschmückt zu unserer Freude; sie hat uns geliefert Alles, Alles, dessen wir bedurften. Könnte sie in vernehmbarer Sprache zu uns reden, oder vermöchten wir ihre Rede zu verstehen, wir würden täglich, stündlich ihre mütterliche Mahnung hören: <c'p ax* pari ^a-) „Kinder lohnet mir nicht Gutes mit Bösem! Ich bin ein Geschöpf ans Gottes Hand, bin eine Dienerin in der Reihe der Gottesboten. Ich will nicht tragen auf meinem Rücken Wesen, die Gott, ihrem und meinem Meister, zuwiderhandeln; ich will nicht geben meine köstlichen Spenden solchen, die trotzen ihrem Herrn; ich will nicht schauen Unsittlichkeil, Rohheit und Gewalt; ich will nicht durch euch entweiht, ich will durch euch geheiligt sein; von all' meinen Enden und Seiten soll aufsteigen das Lob Gottes erraa pan vs aSo! Mich hat Gott, mich hat sein Diener Moses bestellt als Zeuge gegen euch; ich will nicht, wie zur Zeit der Sündfluth, gestraft werden unr euretwillen; ich will durch euch gehoben sein (üysir mnet pan r,»e> jede Stelle, die euer Fuß betritt, soll geweiht sein durch eine edle Absicht, durch gottgewidmetes Werk! Denn auch mir, der Erde, ist eine Zeit bestimmt als Grenze, wo ich aufhören, wo ich mein Ziel erreicht haben soll pan roan: aa^n? XL» v: nwu r6an n»a pan: pya aaa* a nnro und durch euch soll das herbeigeführt werden! Unr ein Jahr bin ich wieder älter geworden; habt ihr mich meinen Zielen näher gebracht? So und Aehnliches würde unser eigenes Herz, würde die Erde und der Himmel uns zurufen, wenn sie mit einer uns verständlichen Sprache ausgerüstet wären. Doch was sage ich: sie würden uns zurufen? Sie rufen zu! Denn was ist denn der Ton des anderes, als solche Stimme unseres Herzens, solcher Mahnruf der Erde, solcher Angstschrei des Himmels, solche Ankündigung und Proklamation unseres himmlischen Vaters? Es ruft a^y rnn ann; lasset für Euch, für die Erde und den Himmel, für das Gottesreich in Eurer Mitte, ein neues, ein besseres Jahr eintreten! Es ist die Stimme des Königs, der heute vor Jahrtausenden Himmel und Erde in's Dasein gerufen, ihnen Kräfte und Gesetze für alle Zeiten eingepflanzt, sie allen Naturkundigen zur Erforschung hingestellt und der uns Seinen heiligen Willen kund gethan; Er ruft uns an zu Seiner An-