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Der Israelit · 1896-09-03 · Heft 71-72 (3.9.1896) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 71-72 (3.9.1896)
Date
1896-09-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1373 gethan hätte, wenn ihm auch nicht die von ihm kaum gekannte Forschung zur gelegenen Zeit zu Hilfe gekonunen wäre. Nun, meine Freunde, die heutige Wissenschaft mag immerhin sagen: die Erde besteht so und so viel Millionen Jahre; sie ist durch diese und jene Umwälzung und Entwickelung allnrählich zu der Gestalt gelangt, in welcher wir sie erblicken; das Menschengeschlecht auf ihr hat sich vom Affen durch Zuchtwahl und den Kampf ums Dasein bis zur Höhe des heutigen Culturmenschcn emporgearbeitet und wie alle andere ähnliche Thesen noch lauten: Wir stellen allen diesen Behauptungen das Ergebniß unserer Naturforschung, das einfache Wort unserer Gebetordnung gegenüber und sprechen abiy mn vvn heute ist der Geburtstag der Welt, heute vor 5656 Jahren hat des Allmächtigen Schöpferwort die Erde ins Dasein gerufen, vor 5656 ^a^teu ist der Stammvater der Menschheit, nicht als Affe, sondern im Ebenbilde Gottes, als Mensch, wie wir, seine spätesten Enkel, durch Gottes Hand aus Staub gebildet worden. — Wie himmelhoch erhaben, wie beseligend, wie göttlich ist doch dieser Satz, verglichen mit den sogenannten Ergebnissen der Forschung. Diese rauben alle Ideale, Gott und Unsterblichkeit, Recht und Gesetz, Selbstveredlung und Nächstenliebe, jener Satz aber giebt uns Alles und macht uns zu pflichtbewußten Gottesgeschöpfen, zu glücklichen Menschen. (Fortsetzung folgt). Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 1. Sept. (Israelitischer Taubstummenverein.) Wir erhalten von dem Vorstande dieses Vereins folgende Inschrift: Den 15. März dieses Jahres sind wir etwa 40 israelitische Taubstummen in Berlin zusammengetreten, um den „Verein zur Förderung der Jntereffen der israelitischen Taubstummen in Deutschland" ins Leben zu rufen. Wir folgen hierin dem Beispiele und den Erfahrungen anderer Vereinigungen, um uns zur Selbsthülse durch ein enges Zusammenschließen aufzuraffen. Wohl hat der Staat, die Gesellschaft und verschiedene Vereinigungen dafür gesorgt, daß wir gut vorbereitet in das Gewerksleben eintreten können, was ein jeder unserer Schicksalsgenossen mit dankbarem Herzen anerkennt. Stehen wir aber im Erwerbsleben auf eigenen Füßen, dann empfinden wir, trotz der Vorbildung, die wir genossen haben, daß wir im Hasten und Jagen der heutigen Zeit vielen und großen Gefahren ausgesetzt sind, weil unser eigenlhümlicher Zustand nicht ganz aehoben werden konnte. Die für unsere Erziehung und Ausbildung aufgewendete Mühe war wohl nicht umsonst, denn hierdurch sind wir zu der Erkenntnis gelangt, daß die Grundpfeiler, aus welchen das Wohlergehen des Menschen ruht: Arbeitsamkeit. Sittlichkeit und Religion sind. Wir suchen auf diese Grundpfeiler unser Leben aufzubauen, aber wie schwer wird uns dies gemacht! Haben wir, wenn unverschuldet, einen Arbeitsgeber verloren, dann müssen wir Wochen, ja Monate lang umhersuchen, bevor wir einen vorurtheilsfreien Mann finden, der uns aufnimmt, um uns Arbeiten anzuvertrauen. Und das ist ein glücklicher Zufall! Wie viele unserer Schicksalsgenossen, die etwas Tüchtigezu leisten in der Lage wären, müssen arbeitslos jahraus jahrein von Stadt zu Stadt wandern, um endlich der Bettelei und der Entsittlichung anheimzufallen. Wie oft haben wir auch noch gegen die ungerechte Zumuthung vieler Handwerksmeister anzukämpfen, daß wir unseres Gebrechens wegen billiger arbeiten müßten, trotzdem anerkannt wird, daß unsere Arbeit nicht minderwertig sei. Viel schlimmer ergeht es in dieser Beziehung unseren bedauernswerthen Leidensgefährtinnen. Werden sie nach vollendetem Unterrichtskursus in die oft sehr traurigen heimathlichen Verhältnisse zurückgeschickt, um daselbst bei fremden oft rohen Leuten zu arbeiten, sind sie den schlimmsten Neckereien, ja nicht selten der Verführung preisgegeben. Aber auch um unser religiös sittliches Leben müssen wir besorgt sein. Bei dem freundschaftlichem vertrauten Umgänge, den wir mit unseren christlichen Leidensgenoffen von jeher pstegen, werden wir oft zu unserer tiefsten Kränkung gewahr, wie sehr wir diesen nachstehen müssen. Allerseits wird für ihr religiös sittliches Leben ausreichend gesorgt. Um uns israelitische Taubstummen kümmert sich kein Mensch. Wenn wir die Gebräuche unseres Volkes auch nicht kennen und verstehen, wenn wir in der Synagoge und im Tempel fremd bis zu unserem Lebensende bleiben, Niemand nimmt daran Anstoß, man behandelt uns hier als Unmündige und als geistig Unzurechnungsfähige. Man ist damit schon zufrieden, wenn wir nur äußerlich den Namen Juden tragen. Unser Gemüth und unser religiöses Leben bleibt so ungepflegt und unsere Sittlichkeit muß mit der Zeit darunter leiden. Endlich müssen wir daran denken, daß wir auch altersschwach und arbeitsunfähig werden und auch für diese, für uns doppelt schwere Zeit, wollen wir Fürsorge treffen. Wir hoffen zuversichtlich, auf die Unterstützung unserer in allen Gauen Deutschlands zerstreut wohnnenden Leidensgenossen und auf das wohlwollende

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