Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 71-72 (3.9.1896)
- Date
- 1896-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1369 büsten, Naturalien, Abformungen, Rüstungen und Waffen, chinesische und japanische Porzellane, nicht einmal die Schätze seiner Kupferstiche, die er mit eigenen Zeichnungen, Studien und Radirungen in mehr als sechzig Lederportefeuilles untergebracht hatte, die Blätter der hauptsächlichsten italienischen, deutschen und holländischen Meister. Schwach und ängstlich verlangte der starke Mann, wie ein Kind, wenn es dunkelt, nach der Mutter- Hand, jetzt nach der beruhigenden Nähe der Gattin. Aber SaSkja befand sich auch nicht in dem Hinterzimmer ebner Erde, dem eigentlichen Mittelpunkte des Haushalts. Sie wollte vielleicht ebenso wenig wie Rembrandt dem peinlichen Momente beiwohnen, wo die Frucht unendlichen Fleißes, glühender Schaffensfreude, wenn auch noch so verlässigen Händen zum Hinwegtragen auvertraut, elementaren Mächten und der Tücke des Zufalls preisgegeben wurde. So fehlte sie jetzt dem Gatten, der sich, bis auf's Aeußerste erschöpft auf einen der blau überzogenen Stühle niederfallen ließ, und wie fremd in dem weiten stillen Raum umsah. Traut und heimlich war das Zimmer mit dem großen Spiegel, der gestickten Tischdecke, dem ebenfalls blau bespannten Bettgerüste, der Wäschepresse und dem kleinen Linnenschrank von Cedernholz. Köstliche Gemälde — darunter ein Rafael sogar — an allen Wänden. Eine ohnmachtähnlichc Umwandlung beraubte den erschöpften Mann der Herrschaft über seine Sinne. Plötzlich fuhr er auf von einem leisen Geräusch, vorsichtigen vielen Schritten, wie von Trägern einer mit heiliger Scheu getragenen Bürde. Was war das? „Was tragen sie fort mit ungeschickt leisen' Tritten? Einen Sarg? Wessen Sarg?" „Den Sarg Saskjas —" Und mit dem schrecklichsten, nach Athem ringenden Angstgefühl war jetzt auch der Alp vorüber und von Rembrandt's Brust kani es wie Hülferuf: „Saskja — Saskja!" Da war auch schon das geliebte Wesen zur Stelle und umfing in ihren Armen das gewaltige Haupt, das schwer an ihre Brust sich anlegte. Mittlerweile schwankte aber der große Nahmen, von den Enakssöhnen getragen über die Straße nach dem Schützenhause, wo er in dem Prunksaale, dessen verfügbare Dimensionen an einer Wand er gerade einnahm, etwas nach vorne geneigt, aufgehängt wurde. Die Saalthüren waren geschlossen worden, bis die Arbeiter fertig waren; denn schon drängte es sich auf den Stiegen und Boten waren an die Herren Schützen abgesandt wordetl, sie von der Ablieferung und Aufstellung des Gemäldes zu benachrichtigen. Nicht unter den Ersten, nein absichtlich zögernd erschien Frans Banning Cock, der Kapitän selbst, mit seinen Freunden. Die schon vor dem Bilde wogende Menge wich vor den Herren zurück, und auf das Gemurmel der Bewunderung und der Diskussion folgte eine athemlose Pause, während welcher die Blicke abwechselnd von dem Bilde zu den doch auch nicht wenig interessirten Bestellern desselben hinübergingen. Jeder derselben hatte rasch sein Porträt gefunden. War es Bescheidenheit, die das Original des Trommlers auf dem Bilde, der sich ganz im Vordergrund breit macht, den biedern Kampoort mit der rothen Nase veranlaßte, sich ganz still bei Seite zu drückend Der Kapitän jedoch konnte mit dem nervösen Spiel seiner Hände kaunl die gewaltige innere Aufregung bemeistern, die sich auch in abwechselndem Erröthen und Erblassen verrätherisch nur allzudeutlich allen Umstehenden bemerkbar machte. „Kapitän! Das Meisterstück Rembrandt's!" rief der mit seiner Wiedergabe äußerst zufriedene Lieutenant van Rugtenburg dem Herrn von Purmerland uub Jtgendam zu, der jetzt mit dem Augenzwinkern des Kenners sich vernehmen ließ: „Bon dieser Stunde an ist die Doele Rembrandt's Museum. Mir gegen den Strich. Wenn den anderen Herren recht ist, so gratulir' ich. Mein Porträt aber erkenn' ich nicht an. Ich bewundere den großen Maler, kann ihm aber nicht das Recht zugestehen, so umzuspringen mit meiner Person. Ich will für meine Freunde und Kameraden, der Schützenkapitün, Frans Banning Kock, Herr van Purmerland und Jlgeudam bleiben, für jetzt und meine Nachkommen später und für meine gute Stadt Amsterdam — dafür Hab' ich mein Bild bestellt — aber ich danke, als Modell Rembrandt's in Fackelbeleuchtung verewigt zu sein. Das paßt mir nicht." „Kapitän! Bei diesem Schützenauszug dabei zu sein, soll mich freuen alle Tage meines Lebens. Ist das nicht lustiges Schützenfest? Wer ist nur die Kleine, die blonde Hexe mit dem Helm und dem Hahn?" „Wohl die Fee Ehiaroscuro, Lieutenant, die Muse Rembrandt's; denn irdisches Licht ist das nicht hier auf dem Bild — ist's Fackelschein oder Sonnenglnth und Rauch unserer Torffeuer?" „Aber Kapitän! Das ist Sonne, die Sonne Rembrandt's! Von links fällt der Tag ein, daher der Schatten Eurer linken Hand über meinem Waffenrock!" „Was Tag, was Sonnenlicht! Wettet Ihr Lieutenant, die Welt wird's für nichts anderes ansehen als einen Alarm in der Nacht und — Frans Banning Kock, der Freund der Ordnung, der sich auch mit den Spaniern schlug, als ein Kriegsmann und nicht wie ein Freibeuter und Flibustier, kommandirt in alle Ewigkeit bei einem Straßcnunfug des Amster-