Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 67 (20.8.1896)
- Date
- 1896-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1281 empor, deren überhohc Vordertheile mit schwerfälligem Schnitzwerk überladen sind. Eins ist prunkvoller als das andere. Welches Fäbelland hat sie 511 Fest intb Ucppigkeit hierhergeschickt, diese Götter uub Göttinncn mit vergoldeteil Waffen und flatterndem Gewand, diese bekränzteil Posaunenbläferiililen mit gewaltigeil Flügeln, diese nackten Männer mit wallendem Bart und schilfdurchstocheileil Haaren, die das inächtige Holzgerüste des Schiffes aus ihrenl Rücken schleppen oder die, ein wildes Meervolk weit entlegener Himmelsstriche, an deil Wandmlgeil anfzrlklettern rrnd mit weitschallendem Muschelhoril lauerilde Geilosseil herattzurufeil scheinen? Wie ein Zeltlager der Rieseil verschieben sich vor deil Augen unabsehbare roth getheerte Segel, ilnentwirrbareS Takelwerk, Mafterl und Wimpeln, dicht wie Halme und Aehren des Feldes. Jetzt aber bleibt der Knabe länger stehen und blickt mit zager Bewunderung zum Gallion eines stolzeil Schisses empor. Eilt Löwenbild, mit der Pranke auf ein Bündel voll sieben Pfleileu gestützt, richtet sich empor, drohend, zur Abwehr bereit, eilt sprechend deutliches Svmbol. Berauschende Aromas von der köstlicheil Ladung des Seeschiffes beklemmen die Brust des Knaben, der dann wie im Traum das Spiel der Schiffskrahilen verfolgt, die geräuschlos und schnell die Waarenballen herauf befördern und in die breiten Lastkähne abladeil, unerschöpflicheil Reichthnm, uneildlichen Borrath. Die Soilne aber steht scholl tief. Brenilend spiegelil sich die Strahlerl arls dem bewegten Wasser, klebet steigerl auf rmd ilinschweben als zarte Dra pirnrlgen die dunkeln Maffeil der Schiffe. BrauileS Gewölle, der Rauch zahlloser Torsfener der ungeheuren Stadt, breitet sich in immer dichteren Lagen aus. Tiefer blau ivölbt sich der sommerliche Himmel. Uild der Knabe, der in der fremden Umgebung deil Masfftab für Raunl unb Zeit zll verlieren fürchtet, ivendet iliil uild hofft die Straße tvieder zu erkennen, die ihil nach dem Jndenviertel führeil soll, wo ihll freilich ilicht Elteril oder Verwandte erwarten; denn er ist verwaist und mittellos, dort hatte aber die Faiililie, der er sich auf der langeil Wanderung angeschloffeil, eilten erstell Unterschlupf gefunden. Doch eine Hänserzeilc gleicht der andern; überall dieselbeit täuschenden Laubmassen der Bäume an deil mit Schiffeil bedeckten Kanälen, dieselbeil Zugbrücken, dieselben verschnörkelten Kirchthurmspitzen - zuriick unb wieder zurück flieht er aus dem Labyrinth, der fremde Knabe, mrd weist sich nicht inehr zltrechizufinden; er schlägt aufs Geradcwohl fetzt eitle Straße eiil, wo er in dein Gedränge Angehörige feines Volkes zu erkemlen glaubt, und geht ihnen nach. „Ist ilicht das gemeinsame Ziel des Sabbatabeildganges die Synagoge?" „Aber sind das auch wirklich Juden?" Bescheiden richtet der Knabe seine Frage an iilehr als einen der stolzen Männer, die in reichem Gewaild, mit nachlässiger Vornehmheit daherschreitcn. Sie verstehen ihil ilicht und gehen lächelnd vorüber. Rach etilem ausehiilicheil Gebäude, das jetzt sichtbar wird, scheint eiil allgemeines Strömen. „Ist das die Synagoge?" Roch immer wagt es der Arme ilicht cinzutreten. Wohl ist ihm bekannt, daß die Juden deutscher Rationalität ihre eigenen Betsäle besitzen; in der fremben Stadt getraut er sich aber heute nicht mehr danach zu frageil uub saßt sich noch einmal ein Herz, um einen jetzt herantretendeu Herrn anzuredcn, dessen beschcideilere Tracht uild ernste Miene ihn nicht einschüchtern. Freundlich bleibt der Angeredete stehen und spricht: „Dies ist die Stätte des Friedens, tritt ein, mein Sohn!" Wie erstaunte aber der Knabe, als er jetzt jenen freundlichen Mann von vorhin wieder erkannte und zwar in denl Rabbiner selbst. Der Gottesdienst schloß, und der Knabe wollte eiilen Svnagogendiencr bitteil, ihil zu seinen Bekannten zurechtzuweisen, als der Rabbiner, im Weggehcil begriffeil, deil eben die Stufen Herabschreitenden gewahrte, uub rasch entschied, daß der Knabe sein Gast sein solle. si Ria nasse ben^Jsrael, der berühmte Gelehrte — war feiler Rabbiner. Er nahm den Fremdling mit sich und unterhielt sich mit ihnl beim Sabbatmahle uub prüfte gelegentlich seine Kenntnisse, die man übrigens bei den Juden polilischer Nationalität mit Recht voraussetzt. Unendlich dankbar konnte sich aber auch der railh erzogene Schaul der lveihevollen Freude des gegeirwartigen Augenblicks hingeben. Sein Glück an jenem Sabbatabend im Hause MailasseS war vollkommen, strahlte aus seinen Blicken, verschönerten feine ausdrucksvollen Züge; alle Scheu war von ihnl geschwuildcil uild die Kinder des Hauses ließeil sich erzählen unb lachten und jubelten mehr über die ihnen drollig verkommende Art deS Fremdlings, als weil sie die Scherze des Erzählers verstanden hätten. Mauaste liest ihm ein Lager für die Rächt anweisen. So frühe bereits am Sonntage auch der Knabe war, fein freundlicher Wirth kam doch schon von seinen gelehrten Studien, die er unterbrochen hatte, 1) Der Ban bev ersten Synagoge in Amsterdam Bet Jacob nmvbc ir»9S allgefangen, Kilo wurde die zweite DU (Stätte des Friedens) erbaut; in Folge der Spaltung inner halb der portugiesischen Gemeinde wurde eine dritte Synagoge Bet Israel 161<s gegründet. Die berühmte Prachlsynagogc wurde an: >'i. Augnst^1675 eingewciht.