Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 66 (17.8.1896)
- Date
- 1896-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1265 solcher zu sein, jetzt schäme ich mich zu sagen, daß ich ein Bürger jener Stadt bin, in der die Moral, die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit für immer verschwunden zu sein scheinen. Wohne nun mit mir, mein lieber Leser, einem einzigen Abend der Unterhaltung in dem Wirthshause bei, das ich täglich zu besuchen pflege, und wenn Du gleich denkst und fühlst wie ich, dann wird das Treiben und Reden Dich ebenso anwidern, wie mich alten, echten und rechten Wiener. Kaum hatte ich den ersten Trunk aus meinem Glase gethan, hörte ich schon den Faßbindermeifter P. seinem Tischgenoffen zurusen: „Wann heut' der Lueger Bürgermasta wird, so wird für uns christliche G'schäftsleut' a and'res Leb'n anfangen. Jetzt eff'n sich halt die Juden guat an, und wir armen Christen können hin wer'n, wann wir woll'n!" „So ist es!" schrie der in meinem Hause wohnende Schloffermeifter, „die Juden wer'n dick und fett, während uns Mastern, die wir erli und rechtschaffen arbeiten, nix anderes übrig bleib'n wird, als in's Bäckenhäus'l z'geh'n." „Reden Sie doch nicht so einen Unsinn zusammen," mischte sich plötzlich der Agent eines jüdischen Weingroßhändlers ein. „Was Unsinn," entgegnete der Faßbindermeister, „is vielleicht nicht wahr, daß der Jud uns alle z'grund' richt't?" „Sie gewiß nicht werthester Herr Meister, denn mir ist ja doch ganz gut bekannt, daß Ihre Hauptkundschaften Juden sind. Wenn diese erfahren würden, daß Sie in so roher, brutaler Weise Ihre antisemitischen Gesinnungen documentiren, dann könnten Sie statt, mit zehn nur mit zwei Gehilfen arbeiten." Der Faßbindermeister räusperte sich verlegen und brummte etwas in den Bart, was wie jüdisches Denuneiantenthum klang. „Haben Sie keine Angst," fuhr der schlagfertige Agent fort, „denn wenn ich Sie denunciren wollte, so hätte ich das schon längst gethan. Es hat mich nur Ihre Gefühlsrohheit empört, von Undank will ich gar nicht reden, denn nicht mir allein, sondern noch vielen Anderen ist ja bekannt, daß Sie Ihren dermaligen Wohlstand nur den Juden verdanken. Daß Sie sich aus Unvernunft, ich drücke mich hier sehr gelinde aus, den professionellen Volksverhetzern in die Arme geworfen haben, ist bedauerlich, denn früher oder später werden Sie doch nur allein die Folgen zu tragen haben. Oder ist Ihnen denn nicht bekannt, daß der Antisemitismus gerade dort die schwersten Wunden schlägt, wo er vornehmlich zu Hause ist, nämlich in den Kreisen der Handwerker und Gewerbetreibenden? Diese Verblendeten, eigentlich raffinirt Verführten, schieben den Juden alles wirthschaftliche Elend, das seit dem unglückseligen Krachjahre über uns gekommen ist, in die Schuhe. Diese Leute, darunter gehören natürlich auch Sie, glauben, oder vielmehr man hat ihnen spitzfindig den Glauben beigebracht, daß der Jude sich auf Kosten der Christen bereichert hat, daß er ihnen das Plus seiner geschäftlichen Thätigkeit durch schmutzige oder betrügerische Concurrenz wegstichlt, und daß, wenn nicht einmal mit der Austreibung rc. der Juden Ernst gemacht wird, für den christlichen Geschäftsmann nichts weiter übrig bleibt als der Bettelstab. Ja, ihr mit der geistigen Knute gedrillten Antisemiten seid so dalkert zu glauben, daß an jedem Ungemach, das euch trifft, der Jude Schuld sein muß — und wenn heute ein Erdbeben käme und uns're schöne Stadt schrecklich verwüsten würde, so möchtet ihr euch nicht entblöden, zu behaupten, dieses gräßliche Elementarereigniß können nur die Juden angezetielt haben." Ich konnte mich nicht enthalten, herzlich zu lachen, wofür ich mit einem bitterbösen Blicke von Seite des Schloffermeisters belohnt wurde. Den langen Ausführungen des Weinagenten hatte der Wirth aufmerksam zugehört, und er konnte sich nicht enthalten, sich folgendermaßen zu äußern: „Das wern's aber do zugeben, daß der Judenwein uns Wirth schwer schädigt?" „Was verstehen Sie denn unter Judenwein?" frug der Agent lächelnd. „Na, den Wein, denn halt der Jud um a Spottgeld verkauft." „Wem verkauft denn der Jude diesen Wein?" Der Wirth kratzte sich verlegen am Kopfe und antwortete endlich zögernd: „Wirthen, wem denn sunst — aber der Wein is lauter Kunstwein, Spiritus, a G'säuf, das an in Magen verbrennt." „Schämen Sie sich, so etwas zu sagen, Herr Wirth," entgegnete entrüstet der Agent. „Ich, mein Herr, bin selbst ein Christ und vertrete ein jüdisches Weinhaus, von dem gerade Sie auch schon unzählige Hektoliter bezogen haben; und Sie waren auch stets zufrieden mit dem Gelieferten, trotzdem es ein sogenannter Judenwein war und bei Ihnen, wie doch weit und breit bekannt, stets ein gutes und echtes Glas Wein zu bekommen ist. Wenn nun, was ich nicht bestreiten will, es wirklich jüdische Weinhändler gibt, die schlechten, verfälschten Wein verkaufen, so ist der kaufende Wirth entweder für sein Geschäft unfähig oder selbst ein Mitschuldiger an dem Betrüge, denn wenn er trotz seines Verftändniffes diesen schlechten Wein für guten an seine Gäste verkauft, so betrügt er diese. Versteht er aber die Qualität eines Weines nicht zu beurtheilen, und läßt sich von dem Weinlieferanten betrügen, dann ist er überhaupt unfähig, ein solches Gewerbe zu betreiben, und wenn er schließlich zugrunde geht, so wird ihm kein Ver»