Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-08-17 · Heft 66 (17.8.1896) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 66 (17.8.1896)
Date
1896-08-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448670--42327-2491326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7«L7".-5-?. 2-.^ 1264 feierte Olschwanger das 50jährige Jubiläum seiner geistlichen Thätigkeit, aus welchem Anlaffe dem Jubilar zahlreiche Beweise von Dankbarkeit der in Petersburg lebenden Juden geliefert wurden. Der Verstorbene war ein echter Erleuchter der Gemeinde und sein Andenken wird unter den russischen Juden immerdar leben. Argus. > Vermischtes. Berit«. Der Reichstagsabg. Dr. Böckel ist an einem bösartigen Fieber erkrankt. Seine Wiederherstellung dürfte längere Zeit in Anspruch nehmen. Wien. (Bürge rrecht'sern en nun g en.) Das Bürgerrecht der Stadt Wien wurde letzthin verliehen einem Tischler, Lackierer, Fiaker, Pflasterer, Schneidermeister, Schuhmacher, Bediensteten, Gärtner, Brunnenmacher, Briefträger, Fleischhauer. Victualienhändler, Gemischtwaaren-Verschleißer, Maurermeister, selbstverständlich durchaus Arier. Cs liegt uns fern, zu bestreiten, daß die neuen Bürger Wiens der ihnen verliehenen Auszeichnungen nicht würdig sind. Allein die Juden, welche m t ihrem Ansuchen um Verleihung des Bürgerrechtes aus keinem anderen Grunde abschlägig beschieden wurden, als weil sie Juden sind, hätten zumindest die gleiche Würdigkeit für sich gehabt.. (F.) Prag, 9. August mw &1? oninrn on”ra. Am Freitag hat im nahen Städtchen Kladno das Leichenbegängniß des Ehepaares Ignatz Pereles und Gattin au3 unserer Stadt (die Eltern der Frau Pereles wohnen in Kladno), das bekanntlich in der vergangenen Woche auf der Rückkehr von seiner Hochzeitsreise nach Helgoland in Hamburg in der Elbe zusammen ertrunken ist, stattgefunden, und betheiligten sich an demselben fast alle Bewohner des Städtchens und auch viele Trauergäste von hier. Local- Rabbiner Schwarz wies in seiner ergreifenden Grabrede daraufhin, daß nun die, die sich gelobt hatten, vereint und treu durch's Leben zu gehen, auch vereint den Tod gefunden, und nun vereint zu Grabe getragen werden. Hierauf wurde unter allgemeinem Schluchzen die Leiche des Gatten in's Grab gesenkt und neben dieser wurde dann die Leiche der Gattin zur ewigen Ruhe gebettet. Feuilleton. GW und jktzl oder Arr AnNskmiNsmus im Wilihrhuur.*) Von einem alten Wiener Wirthshausbesucher. In früheren Jahren, so nrancher alte Wiener denkt gewiß noch daran, war das Wiener Wirthshausleben grundverschieden von dem jetzigen. Vor allem fehlte damals die Pracht der Ausstattung, denn selbst in der inneren Stadt war die Einrichtung der renommirtesten Gasthauslokalitäten die denkbar einfachste. In niederen, am Tage halb finsteren, Abends *) Anläßlich der vorige Woche stattgehabten Anwesenheit Lueger's in München entnehmen wir diese charakteristische Skizze dem jüngst eingegangenen „Wiener Freien Blatte" und geben hierdurch nochmals unserem Bedauern darüber Ausdruck, daß es von unseren Glaubensgenossen in der Oesterr.-Ungar. Monarchie nicht ermöglicht wurde, ein so vorzüglich geleitetes Organ, das der Abwehr so große Dienste leistete, lebensfähig zu gestalten. Red. d. Jsr. nur primitiv erleuchteten Räumen fanden sich die Gäste zusammen, tranken ungezählte Halbe oder Seidel und schmauchten dazu ihr Pfeifchen, gefüllt mit duftendem Knaster. Die Leute, die da aus- und eingingen, verkörperten noch das echte Wienerthum, das heute leider nur mehr eine Sage ist. Sie waren Menschen, beseelt von herzinniger Gemüthlichkeit, noch frei von jedem Religions- oder Nationalitätenhaß, und wenn es auch damals das Steckenpferd der Wiener war, sich über Böhmen, Ungarn und auch die Juden luftig zu machen, so wurde doch diese Spottlust niemals persönlich verletzend. Wenn ich nun in einsamen Stunden so eine Parallele ziehe zwischen einst und jetzt, so kommt mir stets ein rasch populär gewordenes Lied in Erinnerung, dessen Refrain lautet: O du alter Stefansthurm, o du blauer Donaustrand, Js denn das int mehr dasWien, dort, wo unsre Wiege stand, Von aner G'mülhllchkeit ka Spur, wo ma binschaut, sieht ma nur And're G'sichtcr, and're Leut', psirt di Gotr, du alte Zeit. Wenn ich das Liedl mit seiner wehmüthigen Melodie höre, da wird mir immer so ganz eigenthümlich zu Muthe, und es dünkt mich, als ob unser Herrgott ganz andere Menschen gemacht hätte als früher, denn die Menschen von jetzt sind in ihrem Wesen und Charakter grundverschieden von den Menschen, wie sie einst waren. Die sprüchwörtliche Gemüthlichkeit der Wiener existirt schon lange nicht mehr; der Sinn für Geselligkeit ist abhanden gekommen; die Friedfertigkeit mußte dem Hasse und der Zwietracht weichen, und die einst so gepriesene Gastfreundschaft der Wiener ist schon längst nicht mehr wahr. Wien ist eine schöne, prächtige Stadt geworden, und selbst in den entferntesten Bezirken findet man Paläste, wie man sie einst nicht im Mittelpunkte der alten Kaiserstadt gefunden hat. Aber mit jedem Prunkbau, der da entstanden ist, ist ein altes Stück Wienerthums verschwunden, und mit ihm wurde auch das goldene Wienerherz zu Grabe getragen. Ich bin noch so ein altes Ueberbleibsel; aus meinem Herzen sind noch nicht jene Gefühle verdrängt, deren sich einst kein Wiener zu schämen brauchte, ja auf die er mir voller Berechtigung stolz sein konnte, und eben diese eines wahren Christen würdigen Gefühle verleiden mir heute, mich unter die Menschen von jetzt zu mengen. Und doch aus irgend einem Grunde — nennen wir es langjährige Gewohnheit — kann ich es nicht unterlassen, Abend für Abend mein Stammbeisel aufzusuchen, aber ich setze mich weit abseits von jenem Tische, an dem sich die Leute zusammenfinden, deren Reden und Handeln mir stets eine tiefe Wunde in mein ächt wienerisches Herz schlägt. Ich höre, respective ich muß hören und empfinde stets eine tiefe Traurigkeit über das Gehörte, und an solchen Abenden würde ich Niemandem sagen, daß ich ein Wiener bin. Einst war ich stolz, ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.