Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1896)
- Date
- 1896-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXTIT Jahrgang. 84. Der Israelit. Ein Uenlrat-Mrgan für das orthodoXe ÄudentHum. Begründet von Dr. fe^munn in Btninr m*nta$, den 10. August 5056 (1890). Leitender Artikel, Elul-Betrcrchtung. Von Rabb. Dr. Ludwig Rosenlhal, Mannheim. Daß große Ereignisse ihre Schatten vorauszuwerfen pflegen, diesen allgemeinen Satz fühlt inan sich im ersten Augenblicke verflicht, auch auf den „Tag des Gerichts" und seine Gefolgschaft anzuwenden, der sein Nahen nunmehr den ganzen Elul hindurch in altgewohnter Weise vorausverkündigt. Und doch ist dieses Wort nicht an seiner richtigen Stelle. Dem: von einem „Schatten" kann füglich nur die Rede sein im ahuungsreichen Werden folgenschwerer Geschehnisse, bei denr Keiner weiß, ob Segen oder Fluch geboren wird, uild das infolge dessen die Gemüther mit dunklen und dumpfen Sorgen, mit bangen und ungewissen Zweifeln belastet; hier dagegen ist Alles hell und licht, klar und bestimmt; ein lauter, deutlicher Heroldsruf kündigt an, was bevorsteht — und was dieser Vorbote von der Zukunft verräth, das ist nicht die Nähe des Sturmes, sondern Freude und Frieden. Wohl „bebt das Volk, lvenn das Schofar in der Stadt ertönt" — aber nicht um zu verzagen, sondern um sich zu ermannen uub zu ermuntern; nicht um in thatenloser Furcht zu verharren, sondern um frisch entschlossen den ebenen, gewöhnlichen Weg des alltäglichen Lebens mit einem steileren Bergpfad auf eine Weile zu tauschen, in der frohen Gewißheit, daß er zur wahren Ruhe hinanführt. In diesen ernsteren Tagen, in betten die Sonne die Mittagshöhe ihrer sommerlicheil Kraft bereits hinter sich hat, und auf so manchem Blatt schorl des Herbstes vergängliche Farben erglühn, in diesen Elultagen geht für beit Juden eine andere Sonne in doppelter Jugendschöne auf: jene hohe Lebensfreudigkeit und jener gewaltige Daseinsmuth, die ein tiefinnerliches Merkmal unseres Glaubens bilden und mit ihren goldenen Strahlen den wuchtigen Ernst der jüdischen Lebensführung wundersam erklären. Darauf deutet insbesondere auch das merkwürdige, dem hohen Liede entlehnte Motto, das unsere Weisen dem Elul zugetheilt habeil, und dessen Worte mit ihren Anfangsbuchstaben den Namen Ww ergeben: nm nnb ’jx „Ich für meinen Freund und mein Freund für mich." Eine innige Vertraulichkeit, ein sanftes Glück und eine stille Hoffnung bergen sich in diesen! frommen Spruch, als hätte ihn ein frohes Kindergemüth erdacht, das sich wohl und heimisch fühlt in dieser Welt, ilichts Böses keilnt und vom Unglück nichts weiß, und des Guten uneildlich viel von seinem himmlischen Vater erwartet. Ich für meinen Gott und mein Gott für mich! so jubelt Israel, dieweil es den — v'v' ewi:, den „furchtbaren Tagen" entgegengeht; und ihre Schrecken sind für beit verschwunden, der seinen Gott — seinen Freund zu nennen begnadet ist. Soll nun der Elulmonat eine Zeit der Sammlung und Einkehr, der geistigen Erhebung und Kräftigung sein: so kann es für ihn gar keinen treffenderen Wahrspruch geben, als eben das genannte ■b nro nr6. — Die größten Werke und bedeutendsten Errungenschaften, alles, was in der Zeit entstanden und aus Menschenlhun hervorgegangen ist, bricht mit der Zeit zusammen, erliegt dem inneren Verfall und dem äußeren Feind. Auch am Marke des Judenthums zehren diese beiden Mächte der Zerstörung: Bis aus den heutigen Tag ist seine äußere Geschichte ein leidensvoller, mühseliger Kampf, bald mit der rohen Gemalt, bald gegen Haß, Neid und Jntrigue; und im Innern hausen böse Geister — Selbstüberhebung, Neuerungssucht und Unglaube, und lockern bedenklich den festgefügten Bau des Heiligthums.