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Der Israelit · 1896-08-03 · Heft 62 (3.8.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 62 (3.8.1896)
Date
1896-08-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1189 mmm Judenthums und deren Verlobung mit dem Träger des obscuren Namens: Hermann Gottfried. Niemand kannte den Glücklichen, der die gefeirete Beautö und die Tochter eines der reichsten Männer der Stadt als Gattin heimführen sollte — und diese Obscurität steigerte unendlich den romantischen Nimbus des Doppelereignisses. — Auch den alten Fichtenthal kostete eS einige Mühe, sich jenes Studenten zu erinnern, der einst. Dank der collegialen Freundschaft seines Sohnes Arthur, Zugang seinem Hause gefunden hatte. Die Zeit und die Erfahrungen, die er gemacht, hatten den eitlen Menschen mürbe gemacht und nach kurzem Widerstreben willigte er im Angesichte der unbeugsamen Entschlossenheit seiner Tochter in dasjenige ein, was man ihm früher wohl nie und nimmer abzuringen vermocht hätte. Viel zur Besiegung seines Widerstandes trug wohl auch die glänzende materielle Position bei, in welcher sich Gottfried nunmehr befand, denn die ultimo rutio dieses nur durch das Geld zur Bedeutung gelangten, sonst aber so ziemlich unintelligeuten GeschäftsnlanneS bildete in allen Dingen der liebe Mammon.- Nachdem die Allsregung der ersten Zeit sich einigermaßen gelegt hatte, wendete Hermalln Gottfried seine Aufmerksamkeit der Aufhellung jener Umstände zil, unter welchen die mysteriöse Entführung Helenens stattgesunden. Das plötzliche Verschwinden des Fräuleins von Muhlwald, welcher nach einigen Tagen auch die Zofe Helenens folgte, ohne eine Spur zu hinterlassen, zeigten deutlich, in welcher Richtung der Verdacht sich zu bewegen habe. Gottfried informirte auch in diesem Sinne jenes Organ der Behörde, bei welchen er seine Anzeige erstattete. Die Sache ging nun zilr Erhebilllg der Voruntersuchung an das löbliche Stuhlrichteramt jenes Bezirkes, in dessen Territoriums sich das gräfliche Schloss befand. Zum Glücke war nun aber der einzige Kronzeuge in dieser Affaire, der verwundete und von Gottfried auf's Schloß gebrachte Räuber seinen Verletzungen erlegen, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Das Fräulein war verschwunden, die Zofe desgleichen, die übrige Dienerschaft wusste aber absolut nichts von der Geschichte mitzutheilen. Mein Gott — was läßt sich da machend Ungarn ist gross, der Verstand jenes ehrenwerthen Herrn jedoch, welcher die Agenden des Stuhlrichters zu versehen hatte, und dessen einzige Qualifieation für sein Richteramt in einem martialischen grau melirten Schnurrbart bestand, war nicht gar sonderlich groß. Er konnte daher nicht anders als der Ansicht des hochwürdigeu Herrn, der als Freund der gräflichen Familie sich natürlicherweise sehr lebhaft für den Fall interessirte, beipflichten, daß nämlich hier eine jede Aussicht auf Erfolg mangele und es schade wäre, die kostbare Zeit eines so wichtigen Beamten der öffentlichen Sicherheit mit sterilen Nachforschungen zu vergeuden. Ein jeder Tag bedeutet den Verlust von mindestens vierundzwanzig Stockstreichen für die der Obhut des Stuhlrichters anvertraute Menschheit. Zum Ueberflusse erhielt der Herr Stuhlrichter zur selben Zeit auch noch den Besuch des Domherrn I ... der sein leiblicher Vetter war, und auch dieser Oberhirte des Herrn war nach Anhörung der Sachlage der festen Ueberzeitgung, dass hier Malz und Hopfen verloren sei. Weitn also noch irgend welche Serupel die Seele des Herrn Stuhlrichters beunruhigt hätten, so wäre diese direkte Offenbarung mehr als hinreichend gewesen, um selbe zu beschwichtigen. Er konnte sich also ganz ruhig hinsetzen und mit dem Bewußtsein eines Mannes, der vollauf seine Pflicht gethan, seiner Oberbehörde den Bericht erstatten, daß es ihm trotz der größten Anstrengung nicht gelungen sei, den das Ereigniss verhüllenden dichten Schleier auch nur um einiges zu lüften. Und wo die Voruntersuchung kein Resultat aufweisen konnte, da fehlte natürlich für die höhere Instanz jede Handhabe eines weiteren Einschreitens. Gottfried machte wiederholt Versuche an verschiedenen Stellen, um die Sache in Fluss zu bringen, aber überall stellte sich seinen Bestrebungen eilte unsichtbare chinesische Mauer entgegen. „Was wollen Sie," sagte ihur bei einer solchen Gelegenheit ein höherer Staatsbeamter, „es ist doch eigentlich nichts geschehen." Gottfried sah den Mann groß an. Er hätte so gerne eine Helle Lache ausgeschlagen! Schließlich aber sagte er sich, dass der Mann gar nicht so Unrecht hatte! Er dankte Gott im Herzen, dass wirklich „nichts geschehen" sei. Nach seiner Vermählung, die in aller Stille in Wien gefeiert wurde, nahm das überglückliche, nach so wundersamen Geschicken endlich vereinigte Paar seineil Weg nach dem Süden Deutschlands und schlug sein dauerndes Heim in Frankfurt am Main auf. Hier wurde die Umkehr Helenens erst zu einer vollständigen, reifte das, was sie aus einem unbestimmten Gefühl der Reue begonnen, zu edler Begeisterung für klar erfaßte Ideale. Neben den altgewohnten Erscheinungen von religiösem und nationalem Jndifferentismus, sah sie sich plötzlich auch einer neuen Welt gegenübergestellt, deren Existenz sie sich nicht im Traume hätte beifallen lassen! Sie sah hier eine mächtige Gesellschaftsschicht, in welcher die Gestalt ihres Gatten mit seinem das jüdisch-nationale und europäisch-culturelle verbindende Wesen eine nicht wie zu Hause abstechende Ausnahme bildete. Sie fand hier eilte Sozietät vor, die von unten angefangen, bis zur höchsten Spitze intellektueller und materieller Größe auf jüdischen Prinzipien sich aufbaute, und durch welche sie am wirksamsten die heimathlichen

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