Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 61 (30.7.1896)
- Date
- 1896-07-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1174 Wereinsnachrichlen. Stuttgart. Dem Jahres-Bericht des für 1895/96 israelitischen Jünglingsvereins Stuttgart entnehmen wir: Während im ersten Jahre hauptsächlich die Sorge um den äußeren Aufbau des Vereins war, die den Leitern oft schwere Aufgaben zugetheilt hat, erforderte im abgelaufenen Vereinsjahre in erster Linie der innere Ausbau die vollste Aufmerksamkeit und es zeigte sich, daß im ersten Vereinsjahre manche Erfahrung gesammelt wurde, die man im neuen Jahre verwerthen wollte. Während im ersten Jahre nur Vortrags- und Erörterungsabende statlfanden, wurde im Berichtsjahre der Versuch gemacht, durch Einführung von Frageabenden die Mitglieder zu regerem Gedankenaustausch zu veranlassen und wir können sagen, daß diese Neuerung sich sehr gut bewährt hat. Es handelte sich an diesen Abenden darum, daß aus der Mitte der Mitglieder Fragen von allgemeinem Interesse dem Vorsitzenden schriftlich eingereicht wurden, die dann entweder sofort oder am nächsten Frageabend von Mitgliedern beantwortet wurden. Mit den Vorträgen wurde erst im September begonnen und es wurden solche 11 gehalten. Außerdem fanden 4 Erörterungsabende statt. Ferner hatten wir 2 Frage-, 1 Herren-, 1 Recitationsabeud und an 2 Abenden kamen die Mitglieder zu geselliger Unterhaltung zusammen. An größeren Veranstaltungen im verflossenen Vereinsjahre sind hervorzuheben: die Simchas- Thoro-Feier am 12. Oktober, die Chanukka-Feier am 14. Dezember, die Purim-Feier an: 22. März. Der Stand unserer Mitglieder ist: 74 ordentliche und 142 außerordentliche. An Unterstützungen konnte der Verein dank der wesentlich gesteigerten Mitgliederzahl in diesem Jahre die Summe von Mk. 232.44 aufwenden. Das Vereinsvermögen beläuft sich auf Mk. 482.30. Vermischtes. Arakan Bei den letzten Gemeinde! athswahlcn ist der famose Pater Chotkowsky, dessen Märchen im Reichsrathe ihn „berühmt' gemacht haben, glänzend durchgefallen. Von den 1900 Stimmen der ersten Curie erhielt Chotkowsky 340, während auf seinen Gegner Kasparek über 1000 Stimmen sich vereinigten. Diese Niederlage ist umso empfindlicher, vls in dieser Curie die Juden blos über 180 Stimmen verfügen. Herr Kasparek hat e bekanntlich im Gemeinderath den Antrag gestellt, den Aba ordneten Pater Chotkowsky amtlich zu zwingen, seine Mittheilung im Reichsrathe zu widerrufen. Mit diesem Anträge blieb er in der Minorität, nun aber haben die Wähler das Urtheil gesprochen. Trieft. Unsere Gemeinde beweint das Ableben ihres langjährigen Cultusvorstehers Adolf Valmarin, der im italienischen Städtchen Conezliarno gestorben ist. Seine Leiche wurde hierhergebracht und hier ehrenvoll bestattet. — Die von unserem Cultusvorstande beim Kultusministerium in Wien eingereichten neureoidirten Statuten unserer Gemeinde wurden zum zweiten Male von demselben als unannehmbar zurückgewiesen. Unser Cultusvorstand het daher beschlossen, die Statuten nochmals zu revidiren. Eperies. (Toleranz eines evang. Bischofs undPräperandie-Prosessoren-Körpers.) Während sich in manchem sog. hoHcivilisirten Staate in vielen Kreisen der Gesellschaft, namentlich aber bei den Männern des Lehr- und Unterrichtswesens eine große Unduldsamkeit gegen Juden und deren Religion bemerkbar macht, bekunden die Schulbehörden Ungarns die weitgehendste Toleranz und wohlwollendste Gesinnung auch ihren jüdischen Schülern gegenüber, wie dies folgender Fall auf's eklatanteste beweist. Bei den dieser Tage stattgehabten Prüfungen in der hiesigen evang Lehrer-Präparandie waren die schriftlichen Prüfungen auf einen Samstag anberaumt. Unter den neunzehn Lehrer-Candidaten, die sich zur Prüfung meldeten, befand sich nur ein Jude, und indem er die positive Erklärung abgab, daß er — kommenden Falls — eher^auf die Prüfung verzichte, als den heiligen Sabbat durch schreiben zu entweihen, richtete der Director der Anstalt ein Gesuch an den Protektor derselben, Herrn Paul Selenka, evang. Bischof in Miskolcz, der auch ohne weiteres gestattete, daß der jüd. Präparandist die Prüfungen aus den schriftlichen Arbeiten an einem anderen Tage ablege. Wahrlich, wir wissen nicht, was wir an diesem Fall mehr bewundern sollen, ob die Glaubenstrcue und Opferfähigkeit des jüdischen Lehrer-Candidaten, oder aber das schöne Beispiel von religiöser Toleranz und wahrhafter Menschenliebe des Herrn Bischofs und auf der Höhe seiner Aufgabe stehenden Professoren-Körpers! 8. Warschan. Ein grauenvoller Mord wird aus Witebsk gemeldet: In der Ortschaft Stonika wurden zwei reiche jüdische Familien — im Ganzen 9 Personen — ermordet. Die Häuser wurden vollständig ausgeplünde>t und sodann in Brand gesteckt. Die Mörder, anscheinend Bauern, sind geflohen._ Letzte Nachrichten. Leipzig, 26. Juli- Der Antisemit Paulus Meyer, der am 19. November 1894 vom Landgericht Leipzig wegen verleumderischer Beleidigung des Pastors von Bodelschwiugh und seiner Diakonissinnen, des Pros. Dr. Strack in Berlin und mehrerer Anftalisärzte, begangen in-der von ihm verfaßten Sensationsbroschüre „Wölfe im Schafsfell — Schafe im Wolfspelz", zu 1 Jahr 10 Monaten Gefängniß verurtheilt wurde, ist der „Leipz. Ztg." zufolge aus der Strafanstalt Zwickau entlassen llnd, nachdem seine Bitten um Gestattung des Aufenthalts in Leipzig auch von der Regierung abschlägig beschieden waren, als gefährlicher Pasquillant dauernd des Königsreichs Sachsen verwiesen worden. Aus Preußen war Meyer bereits vor dem Strafprozesse in Leipzig als russischer Unterthan ausgewiesen. Vermuthlich wird er jetzt wieder Oesterreich zum Schauplatz seiner Thätigkeit machen, von dem er 1894 nach Leipzig zur Bestrafung ausgeliefert worden war. Briefkasten der Expedition. E. A, Danztg. Aus Wunsch des Comite's werden die eingegangenen Hospital-Spenden erst später veröffentlicht.