Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1896)
- Date
- 1896-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448664--42212-2491205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mm Jahrgang. Seilage M M 60 des „Israelit". Feuilleton. Berliner Gewerbenusstellung. m. Berlin, den 25. Juli. In der Mehrzahl sind die Besucher der jüdischen Dörfer natürlich Christen, wohl n/10 des Gesammtkontingents und sicher auch mancher Antisemit darunter. Da man dies voraussah, hatte manch ängstlicher Freund der Sache großes Bedenken getragen, ob nicht durch die Ausstellung, ganz besonders aber durch die in derselben überall als Schmuck verwendeten Bibelsprüche in hebräischer Sprache Rischus gemacht werde, die Antisemiten Veranlassung nehmen könnten zu Angriffen oder zu Erzessen. Die Erfahrung hat diese ängstlichen Zweifel erfreulich enttäuscht. Nicht nur ist bisher alles ruhig verlaufen, zahlreiche Judenfeinde, sogar von ihren Führern, ein ehemaliger Abgeordneter z. B., haben die Ausstellung besucht und eine wesentlich bessere Meinung von den Juden mitge nommen, als sic hingebracht hatten. Täglich kann man dies in der Ausstellung beobachten, besonders in der Weinstube hat man oft Gelegenheit, ergötzliche Szenen zu hören. Am Sonntag, 28. Juni, waren die Wiener Antisemiteil in Berlin und sie besuchten unter Führung der Berliner Gesinnungsgenoffen natürlich auch die Gewerbe - Ausstellung. So kamen viele Gruppen von ihnen, kenntlich an den weißen Nelken, die sie trugen, auch nach Kairo und in die Palästinaausstellung. „Ein braver, deutscher Mann mag keine Juden leiden, doch seine Weine trinkt er gern" erklärte einer der Herren beim Eintritt und kostete dann alle Sorten, die vorhanden ivaren, durch. Nachdem die erste Probe beendigt, schritt er zur zweiten und dann zur dritten und dann schwankenden Schrittes zur nächsten Kneipe, gehoben durch das stolze Gefühl, allein hier 0 Glas Wein, sowie drei Cognacs vertilgt zu haben. Wieder eine andere Gruppe von 6 Personen tritt mit der spöttischen Erklärung ein: „Den Judenweiil müssen wir auch trinken, ist er auch koscher';" „Was kann von Juden Gutes kommen?" Die Herren bestellten alle sechs ein Glas Wein, jeder thut einen Schluck, der Spott nracht auf ihren Gesichtern einer schweren Ueberlegung Platz, offenbar kämpft in ihnen die Sehnsucht nach dem guten Trunk mit der Verpflichtung, als brave Antisemiten den Juden nichts verdienen zu lassen. Aber der Durst siegt, es werden sechs Glas bestellt, die Herren trinken noch im Stehen, doch nun kommt ihnen der Geschmack, sie nehmen Platz und eine Stunde später zeugen leere Flaschen und Gläser gleichmäßig von der Güte des Palästinaweines, wie von der Stärke des germanischen Durstes. Viele von den Antisemiten sind indessen, dies muß man anerkennen, nicht nur in die Weinstube gekommen, sie haben auch die eigentliche Ausstellung besichtigt ttnd hier einen durchaus günstigen Eindruck mitgenommen. Aber vor allen Dingen hat diese Ausstellung schon so manchem Abgeordneten, höheren Beamten, Offizieren, Pastoren rc. Gelegenheit geboten, ihr Urtheil über die Juden zu modifiziren, und wenn sie nichts weiter erreichte, so wäre auch dies sehr viel. Rischus machen nicht die Christen, wohl aber die einzelnen Juden, die es fertig bekommen, sich über das Vorkommen des Wortes koscher, über Hebräisch ic. aufzuhalten, die sich auch gar nicht belehren lassen wollen, sondern glauben, ihre Fortgeschrittenheil, ihre Uebereinftimmung mit dem Zeitgeist dadurch beweisen zu müssen, daß sie sich erhaben über alles Jüdische dünken. Exemplare dieser Art sind nicht allzu häufig, aber kommen doch leider noch fast täglich hin und man kann dann beobachten, wie gerade diese Reschoim den Christen, gebildeten sowohl wie einfachen Leuten, widerwärtig sind, während letztere vor dem aufrichtigen frommen Juden, der sich offen zum gesetzestreuen Judenthum bekennt, stets ihre Achtung bezeugen. Jetzt wollen wir aber auch eintreten und die Weinstube näher betrachten. Dieselbe ist einfach eingerichtet, die Wände sind mit weißer Leinwand bespannt, mit leichten ägyptischen Arabesken bemalt und finden ihren Hauptschmuck in den hebräischen Sprüchen, die, je nachdem der Raum es zuläßt, mit oder ohne Uebersetzung in blauer resp. rothbrauner Farbe die Wände zieren. Gegenüber dem Eingänge lesen wir: srn-r je«* m px ptm naxni jbt mwen man px (Deut. VIII. 8), zur Linken: B'ästi sv:d rraan ruxrn m *.:ni -nee (Scliir Hasch. II. 13), zur Rechten: dt nen dvSd dj? cTnyi pr c'Ski otd Pn oy ien nntrn say (Deut XXXII, 14). Etwas Grün, Epheuranken und Palmblätter erhöhen die Gemächlichkeit des Zimmers, dessen Möblirung nur aus einigen leichten Bambustischen und Stühlen besteht. Außerdem ist ein Schenktifch vorhanden und an der Rückwand des Zimmers sind 6 mächtige Weinfäffer aufgebaut, aus denen die verschiedenen Weinsorten abgezapft werden. Da finden wir zunächst einen Weißwein, Sichron Jaacob, einer Rheinweinqualität im gleichen Preise völlig ebenbürtig, von dem das Glas 15 Pf., die 3/4 Literflasche 1.20 Mk. kostet. Auch ein Rothwein, Rischon l'Zion, sehr rein an