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Der Israelit · 1896-07-27 · Heft 60 (27.7.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 60 (27.7.1896)
Date
1896-07-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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w *"*<S.W'?*^",'»~ 1153 Lebensregel bekennen würden, um so mehr als in diesem Falle die Schwörenden zwei, dem hochwürdigen geistlichen Stande angehörende Priester des Herrn waren. Es war demnach zuversichtlich anzunehmen, daß nachdem sich erst die massiven Klosterpforten hinter Helenen geschlossen haben würden, es faimi einer Macht gelingen würde, dieselbe zu öffnen. — Pfeilschnell und geräuschlos flog das Gefährte über die schneebedeckte Haide. Helene lag noch immer wie leblos an der Seite ihrer unheimlichen Reisegefährten und hatte keine Ahnung von dem entsetzlichen Schicksale, welchem sie entgegeneilte. Gleichgültig, als ob nichts vorginge, wandelte der Mond auf seiner lichten Himmelsbahn imb beleuchtete fast taghell die klare Winternacht! Mein Gott! — Der arme Geselle hatte Zeit seines Lebens schon so viel schreckliche Geschichten auf der Erde unter sich abspielen sehen, daß ihn ein kleiner Menschenraub nicht mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte! — Wohl eine halbe Stunde mochte die nächtliche Fahrt bereits gedauert haben. Sei es in Folge der kalten Nachtluft, oder aber weil sie den Thee, der das einschläfernde Mittel enthielt, nur zur Hälfte geleert hatte — Helene schlug plötzlich die Augen auf. Im ersten Momente vermochte sie keinen klaren Gedanken zu fasten. Wo war sie, wohin fuhr sie? — Plötzlich stieß sie einen weithin gellenden Hülfruf aus und schnellte in die Höhe. Die rauhen .Hände ihrer fluchenden Begleiter drückten sie wieder in ihren Sitz zurück. „Verhalten Sie sich ruhig," sprach der eine, „sonst lege ich Ihnen einen Knebel an." Helene zitterte wie Espenlaub und eine tödtliche Furcht preßte ihr das Herz zusammen. „Was wollen Sie mit mir — wohin bringen Sie mich?" stammelte sie in abgebrochenen, keuchenden Worten hervor. „Das sollen Sie bald erfahren," lautete die rauhe Antwort. „Mein Gott, mein Gott!" stöhnte sie leise und preßte die Hände vor das Gesicht, „womit habe ich das verschuldet?" Der Eine der Banditen schien Mitleid mit der Seelerrangst der Errtführten zu haben. „Es soll Ihnen kein Haar gekrümrnt werden," sprach er zu ihr, „ jedoch nur unter der Bedingung, daß Sie sich ganz ruhig uitb still verhalten." Es verging eine Weile, während welcher Helene von einem Fieberschauer geschüttelt, in rastloser Verzweiflung die Hände rang. Hülfefuchend irrte ihr Blick zum schimmernden Sternenhimmel empor. Es däuchte sie, als ob jeden Augenblick sich der Himmel theilen und ein rächender Cherub zu ihrer Rettung sich herabschwingen müßte. Sie suchte vergebens! Stumm und starr blieb's zwischen den Sternen oben und ungehindert im Angesichte des ganzen himmlischen Heeres durften die Räuber ihre Beute in Sicherheit bringen. Wo bleibt der rettende Arm Gottes? Ist sein Haß gegen das Unrecht nicht mehr so stark wie ehedem, da er mächtig und sichtbar, zum Schrecken aller Bösewichter, in die Ereignisse des Weltenlaufs eingriff? — — Da neigte sich der eine der Männer zum Ohre des andern und flüsterte ihm einige leise Worte in's Ohr. Es bedünkte ihn, als ob er in weiter nebliger Ferne einen dunklen Punkt wahrgenommen hätte. Helene hätte laut ihrer Berechnung, während des ganzen Weges bewußtlos senk sollen; da brauchten sie von einer eventuellen Begegnung mit einem anderen Gefährte nichts ,;u befürchten. 9hm aber konnte ihnen eine solche recht imangenehm werden, da es kaum anzunehmen war, daß Helene nicht die Gelegenheit benützen würde, Inn die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nachdem sie eine Weile angestrengt in die Ferne gespäht hatten, überzeugten sie sich nur zu bald, daß ihre Befürchtung eine begründete sei. Der dunkle Punkt löste sich immer deutlicher aus dem Nebel der Ferne heraus und mm vermochten sie schon bestimmt die Conturen eines entgegenkommenden Gefährtes zu crkenuen. Sie crtheilten dem Kutscher die Weisung, von der Landstrnße abzubiegen und den Weg über die Felder zu nehmen. — Auch Helene hatte den entgegenkommenden Schlitten wahrgenommen und in aufkeimender Hoffnung begann ihr Herz höher zu schlagen, jedoch marternder Zweifel trübte ihr alsbald die Hoffnungsfreude. Wer mochte der Insasse oder die Insassen jenes Geführtes sein? Vielleicht alte Leute oder Frauen. Und wenn es auch kräftige Männer sein sollten, werden sie wohl den Muth besitzen, fern von allen menschlichen Wesen, bei Nacht und Nebel es mit zwei wohl bewaffneten Räubern aufnehmen? Und wenn ja — werden sie etwas ausrichten können? — Unterdessen entfernten sie sich in weitem Bogen von der Fahrstraße, während der andere Schlitten sich mit vehementer Schnelligkeit näherte. Schon war er so nahe, daß man seine Insassen unterscheidet! konnte. In dem Fond saß ein einzelner Mann, und Helene, deren Sehkraft die tödtliche Angst, die sie erfüllte, bis znm Wunderbaren steigerte, glaubte in demselben Herrmann Gottfried zu erkennen. Würde er seinen Weg fortsetzen, oder auf sie aufmerksam werden? Sie glaubte die Schläge ihres wildpochenden Herzens zu vernehmen, während sie unablässig eine jede Bewegung des anderen Gefährtes mit den Augen verfolgte. Himmel! — er lenkte ebenfalls ein, kam gerade auf sie zu. Es konnte nicht anders sein. In dieser, von jedem größeren Verkehr abgeschlossenen Gegend, gehörten Reisende auch auf den Landstraßen zu den Seltenheiten, um wie viel mehr also mußte

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