Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 59 (23.7.1896)
- Date
- 1896-07-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448663--42181-2491173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1125 einem glühenden Haft gegen jene Creatur erfüllt, die frech genug war, sich nicht glücklich zu schätzen, daft eine Mühlwald von und zu Tojüssalusie sich herablieft, von ihr ein Iahrec-gehalt cm;ime()meit. Sie wünschte sich, diese Person in ihre Gewalt zu bekommen, um sie erdrosseln zu können. — — — — Noch am selben Tage sah man das Fräulein um die Nachmittagsstunde das Schloft verlassen und ihren Weg in die Pfarre nehmen. Es bunfefte bereits stark, als sie sich ins Schloß zurückbegab.- Endlich war es vollbracht! Der Weg war geebnet uitb nichts hinderte Helene mehr, ihr Vorhaben anAznsühren. Es galt nur noch ihre Habseligkeiten zu packen und dann - ja dann wollte sie, wie ein flügge gewordener Vogel eilen, um vor Allem die schwere Last abzuschnttetn, die ihre Seele bedrückte: die Last der Lüge. Der eirrzigen Lüge, die sie sich bewußt war, je begangen zu haben! Ihr erster Weg sollte der österreichischen Hauptstadt gelten, wo es ihr eine zivilisirte Gesetzgebung ermöglichte, den Fluch des Renegateuthums, der wie ein Schandmal aus ihrer Seele brannte, wieder los zn werden. In ihrer Heimath war ihr das nicht möglich, beim hier spielt das Gesetz den finstern Seelenschächern in die Hände, die nimmer loslassen mögen, was der Infall oder der Lockköder einmal ihnen zugeführt. Dann erst, wenn die Schmach getilgt wäre, wollte sie wieder in den Kreis der ihrigen eintreteu — ein lebendes Wahrzeichen, der einstigen schweren Verirrung. - Diese Aussicht erheiterte ihr ganzes Gemüt h derart, daft sie selbst das Fräulein minder antipatbisch fand. Sie unterhielt sich beim Mittagstisch eine längere Jett freundlich mit ihr. Sic erkundigte sich theit nehmend nach ihren Pläneit für die Zukunft und bemerkte, wie entschuldigend, daft es ihr leid thue, dem a-läutern nicht den gewohnten Aufenthalt aus dem Schlosse auch ferner gewähren zu köMlett, da Beweggründe, welche sich der Mittheilung entziehen, sie veranlaftten, den Haushalt aus dem Schlosse gänzlich aufzugeben. Und merkwürdigerweise fand diese Loyalität beim Fräulein ein lebhaftes Echo. Auch sie zeigte sich so liebenswürdig, als man ihr gar nicht zugemuthet hätte, ttnd als ihr bei ihren angeborenen nild anerzogenen Prinzipien imr immer möglich war. Ja sie ging in ihrer Eharmanterie so weit, daft als sie sich von der Tafel erhob, sie lispelnd fragte, ob denn Madame nicht vor dem Souper wieder eine Partie Tarrock spielen wolle, wie dies einst in der glücklichen Vergangenheit Gewohnheit war, und ob üe, das Fräulein, ein Spiel Tarrockkarten mitbringen dürfe'? Lachend ertheitte Helene ihre Zustimmung hierzu. Es war ja zu guter letzt, dachte sie bei sich und da lieft sie selbst die Liebenswürdigkeiten einer Hortense geduldig über sich ergehen. — —- — Das Souper, welches heute aus kalter Küche bestanden hatte, war verzehrt und zum Schlüsse desselben brachte die Zofe den Thee. Behaglich führte Helene die dampfende Taffe an die Lippen und that einige lange Züge aus derselben. Jedoch befremdet hielt sie inne. Es wollte sie bedünken, als ob der Thee diesmal einen eigenartigen Beigeschmack hätte. Sie theilte ibre Wahrnehmung dem Fräulein mit, aber diese betheuerte heilig, sie könne an ihrem Thee, der doch aus einer und derselben Kanne herrührte, nichts Außergewöhnliches wahrnehmen. Schließlich beredete sich auch Helene, es sei eine Täuschung des Geschmacksorgans und setzte die Taffe wieder an die Lippen und siehe da, richtig war der fremde Beigeschmack verschwunden. Sie trailk wohl ein wenig vom Thee, aber es wollte ihr dennoch nicht recht munden und stellte die Taffe, die noch zur Hälfte mit dem Getränk gefüllt war, auf den Tisch zurück. Sofort nach aufgehobener Tafel entfernte sich auch das Fräulein mit einer eeremvniellen Verbeugung; ein scharfer Beobachter hätte es aber wahrnehmen können, wie ein böser, trinmphirender Blick der Schadenfreude hinter ihren gesenkten Augenwimpern hervorzuckte.- Helene war die zeitliche Entfernung des Fräuleins heute doppelt willkommen, da sie heute noch einen Brief zn schreiben hatte. Einen Brief an ihre Eltern. Sie tvollte diesen Brief vorbereiten, aber erst von Wien aus nach ihrem erfolgten Wiedereintritt in den Bund des Iudenthums an ihre Eltern absenden. Heimlich lachend, sagte sie sich, daß eine gewisse Analogie bestehe, zwischen ihrem jetzigen Vorhaben und jenen unglücklichen Geschöpfen, die einen Selbstmord begehen wollen und vor ihrer schrecklichen That, ihre letzten Gedanken an ihre Angehörigen niederschreiben; nur daft cs hier in umgekehrtem Sinne der Fall war. Wie jene vor der Vernichtung, so stand sie selbst vor der Regenerirung, vor ihrer moralichen Wiedergeburt .... Ja doch - es gab ja dennoch auch eine Selbstmordkandidatin! Die Gräsin, die Renegatin stand im Begriffe sich aus der Welt zu schaffen. Sie setzte sich also nieder und begann zu schreiben: „Geliebte Eltern! Ich komme soeben von einem lustigen Begrübniß nnb ich bitte Euch gleich, mir, der armen Person, welcher es galt, einige Thränen der Freude nachzuweineu. Wenn Ihr diesen Brief in die Hand nehmt, hat die Gräfin Ilona Kükai bereits ihr jammervolles Dasein beschlossen und aus ihrem Grabe ist Helene Fichtenthal zu neuem Leben wieder aufcrstandcn. — O, meine theuern Ellern, wenn Ihr wüßtet, wie leicht eS mir um die Seele ist, seit ich mich wieder befreit weiß von dem Bewußtsein der Felonie, begangen an den heiligsten Ideen des Menschen: dem Glauben und der Nationalität. Seit