Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-07-16 · Heft 57 (16.7.1896) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 57 (16.7.1896)
Date
1896-07-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448661--42146-2491136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1092 sah. Die Synagoge ist in edlem, klassischen Style angelegt. Sie ist hoch und geräumig, hat circa 700 Sitzplätze. Was mich aber sehr befremdete, war der Umstand, daß eine Synagoge für eine solche Gemeinde überhaupt genügt. Als ich meinem Befremden Ausdruck verlieh, antwortete man mir, es gäbe eigentlich noch eine zweite, wo jeden Abend und Sabbat-Nachmittag gebetet werde, das sei aber die „Schul" der Chewra-Kadischa, und nur an Festtagen und den sog. hohen Feiertagen sei sie als zweite Synagoge in Gebrauch; sonst während des Jahres sei die Hauptsynagoge genügend. Für eine gut jüdische Gemeinde von ca. 6000 Seelen kam mir das etwas sonderbar vor. Gut jüdisch ist die Haager Kehilla, das sieht man an Allem. Das alte Gemeinde-Sitzungslokal (Kahals-Stube) an der einen Seite der Synagoge, die Mikma an der andern Seite. Und der tägliche Synagogendienst, mit dem Sch'urlernen vorher und und nachher, und die regelmäßigen täglichen Besucher, selbst, was ich gern vermißt hätte, das altjttdische, etwas familiäre „Geschnlufe" in Schul. Interessant ist das Judenviertel, aber beschreiben kann ich es eigentlich nicht. Hochinteressant ist es für Jemand, der Derartiges noch nicht kennt. Vier ziemlich große Straßen mit allen den zwischengelegenen Gäßchen und Gängchen und Stegen und Höfen, meist von dem niederen jüdischen Stande bewohnt, mit dem eigenthümlichen Straßenleben, mit der Lebhaftigkeit, aber auch mit dem Schmutz, dem Gemüse- Abfall, Kindergetümmel und Volksgeplauder — Alles echt charakteristisch. Ich glaube nicht, daß ich dieses Ganze, wie es leibt und lebt, so nach Deutschland mitnehmen möchte; es erinnert an die polnisch-jüdischen Städte, ist aber unstreitig etwas ganz Apartes. Abends wird in dieser Gegend an drei Stellen, wie man mir sagte, Chewra gehalten. In der Schaß- Chewra, wo Herr Oberrabbiner Tal und Herr Rabbiner Sohlberg vortragen, in der Chewra- Kadischa, wo Derusch-Vorträge gehalten werden, dann noch im Verein, wo Mischna und Schulchan-Aruch gelernt wird. Außerdem gibt es auch Vereine von jungen Leuten, wo gerlernt wird. Also eine schöne jüdische Kehilla. Glaube aber nun nicht, lieber Leser, daß der jüdische Himmel hier voller Baßgeigen hängt; Geigen vielleicht, aber mit gebrochenen Seiten, aus denen Mißtöne erklingen. Die Gemeinde ist streng orthodox, wird streng orthodox geführt. Oberrabbiner und Cultusbeamte und Alles, was drum und dran hängt, ist streng fromm und echt jüdisch. Auch eine ansehnliche Gruppe frommer Familien gibt es hier. Und doch ist die Zahl der Halben und der Neuen, wie man mir sagte. wesentlich größer, als ich dachte. Und es siel mir auch auf, daß die Chewra's in den unscheinbaren Lok«len untergebracht waren und in der unansehnlichen Gegend. Auch der Gemeinde-Sitzungsaal kam mir etwas komisch vor. Die Kinderschule habe ich noch nicht sehen können, aber man zuckte die Achseln. Ich weiß nicht, wie es kam, aber der Gedanke blitzte in mir auf, an frühere schöne, fromme Gemeinden, die nicht zeitig genug daran dachten, ihre altjüdischen Einrichtungen in neue Gewänder zu kleiden. Später fielen sie zusammen, und auf ihren Trümmern baute die Reform ihre Lustzeltchen, die sie neues Judenthum nannte.- Hier ist Derartiges freilich undenkbar. Das jüd. Waisenhaus, die Allersversorgungsanstalt, das Spital, Alles steht auf gutem, orthodoxem Boden. Vielleicht berichte ich über diese Anstalt Näheres, wenn ich Gelegenheit finde, sie eingehender zu betrachten. Es ist hier in der jüdischen Gemeinde Vieles schön, erhebend, selbst großartig, und doch konnte ich den Gedanken nicht loswerden an einen schönen, aber gewissermaßen alten, welken Körper. Apropos, noch eine Neuigkeit, dann schließe ich für heute. Haag ist die einzige Stadt in Holland, wo jeden Sabbat „geduchent" wird. Dies soll von vor 60 Jahren herrühren, wo bei einer Epidemie der damalige Oberrabbiner diesen Minhag einführte. Und da schließe ich mit dem Wunsche aite. B. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Mainz, 15. Juli. Keine andere Zeit des Jahres, wie die gegenwärtige, in der wir durch die „drei Wochen und die neun Tage" mit ihren Fasttagen fortwährend an das uns betroffene große nationale Unglück auf das Wehmüthigste erinnert werden, dürfte so geeignet sein, unsere Freunde, denen die Worte Erez Jisroel und Jeruscholajim noch nicht zum leeren Schall geworden sind, daran zu erinnern, daß nunmehr ein Werk in Angriff genommen worden ist, das mehr wie jedes andere im Stande ist, unsere unerschütterliche Anhänglichkeit an das heilige Land in schönster Weise zu bethätigen. Wir meinen die Begründung des neuen, großen, jüdischen Hospitals zu Jerusalem. Suche deßhalb Jeder in seinen Kreisen und in diesen Tagen für dieses unsterbliche Werk nach Kräften zu wirken, zu thun, zu spenden und zu sammeln und für die Idee der Verwirklichung und Weiterentwickelung dieser großen Thal neue Anhänger zu gewinnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.