Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1896)
- Date
- 1896-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1078 viel Herzensgute Lief gerührt. „Voila — eine kleine Kräftigung, geistlicher Herr." Die Zofe hatte auf silberner Tablette eine Flasche und zwei Pokale geholt und das Fräulein füllte einen derselben. Der Geistliche führte das Glas an die gespitzten Lippen und über dasselbe hinweg verehrungsvoll zum Fräulein hinüberschauend, sprach er leise: „Auf das Wohl Ew. Gnaden!" — und ließ behutsam das edle Naß durch die Kehle gleiten. „Prenez place,“ sagte das Fräulein, sich ebenfalls niederlassend. Der Pfarrer murmelte etwas französisches Kauderwelsch unter der Nase wie: deancoupment, merci um der bekannten Schwäche des Fräuleins zu schmeicheln) und setzte sich in möglichst naher Nachbarschaft zur Weinflasche nieder. „Helas, mon eher ami," begann das Fräulein und neigte sich geheimnißvoll zum Pfarrer hinüber, „ich habe in unserer Sache höchst betrübende Wahrnehmungen gemacht. Apropos, Sie haben doch des Bundes nicht vergessen, den wir bei unserer letzten Unterredung feierlich mit einander geschlossen?" „Vergessen? — 0, Ew. Gnaden!" rief der Pfarrer pathetisch aus, legte die Hand aus die Brust und verdrehte die Augen nach oben. So verharrte er einige Sekunden; dann erfaßte er plötzlich wie von einer höheren Eingebung ergriffen die Flasche und schenkte ein. Lebhaft erhob er das Glas. „Der Wein ist das Sinnbild der sich gleisnerisch einschmeichelnden Sünde. Als der Mensch das Verständnis; für die Sprache der Thiere verloren hatte, da wählte der Satan den Wein anstatt der Schlange zu seinein Kuppler. „Und so wie ich dieses Glas Wein hier verschlinge —" er stürzte mit heroischer Geste das Glas Wein in einem Zuge himulter — so werde ich — apropos, pardon werden wir eine jede Regung des Antichrist zu nichte machen" — und mit gedämpftem Ton schloß er bedeutungsvoll — „wenn wir selbe in noch so hohen Kreisen bemerken sollten!" Das Fräulein nickte zufrieden. „VvU8—avez ma raviss6 saint pere! Ich habe Sie verstanden. Leider, leider machte sich diese Regung nur allzusehr bemerkbar. War sie nicht wieder zur heiligen Beichte?" „Nein," sprach der Pfarrer dumpf und blickte gramvoll zur Erde, „seit mehr als einem Jahre hat sie meine Kraft zu binden und zu lösen nicht angerüfen und ihre Seele ist verfangen im dichten Netz der ungelösten Sünden!" „Horrible!" hauchte Hortense. Aber, mein geistlicher Vater, ich kann mich nicht täuschen — ich ahne leider, daß es noch ärger kommen werde." Der Pfarrer fuhr entsetzt zurück und umklammerte krampfhaft den Hals der Flasche. „Ew. Gnaden erschrecken mich! Was kann es denn noch Aergeres geben, als die Verachtung der heiligen Beichte?" „Die Ketzerei — der Abfall! Die Juden trachten sie wieder in ihre Schlingen zu bekommen und ihr, der unseligen Sünderin, scheint das nicht unerwünscht zu sein, hat sie sich ja das Judenmädchen aus Pest eigens verschrieben und, denken Sie nur, geistlicher Herr, in den letzten Tagen ist sie auch mit den Juden im Dorfe in Fühlung getreten. Sind das nicht Beweise genug, daß sie im Begriff steht, das klare Sonnenlicht mit der alten, wahnvollen Finsternis; zu vertauschen?" „Apropos,“ sprach der Pfarrer mit traurigem Kopfnicken, welcher meinte, daß mit diesem Worte auf französisch ein Affeet imrerer Betrübung ausgedrückt wird, es bedarf keiner schlagenderen Beweise!" „Und die heilige Kirche, geistlicher Herr? Sie pflegte doch sonst mit nimmermüdem Aug' darüber zu wachen, daß keine der einmal ihrem lichten Reich angehörenden Seelen wieder der Finsterniß anheimfalle. Oder sollte sie schon all' ihre weltbeherrschende Macht eingebüßt haben und zur Ullthätigkeit verdammt sein?" „Was? Wer wagt das — Pardon, Ew. Gnaden! Nein, dem Herrn sei Dank, noch sind die Dinge bei uns nicht so weit gediehen! Haben denn Ew. Gnaden schon jene Geschichte mit dem galizischen Judenmädchen vergessen, welches von einem Ktosterprior in den beseligenden Schoß der Kirche ausgenommen und von ihren Eltern sodann zurückgefordert wurde? Die ganze Judenschast aller Länder kam in Aufruhr, alle Instanzen der Gerichte wurden allarinirt, ja sogar vor die Stufen des Thrones wurde die Sache gebracht — und was war das Resultat all' des Höllenspektakels? Die heilige Kirche triumphirt über ihre Widersacher und die Juden konnten nicht einmal erfahren, wo das von ihnen wuthschnaubend gesuchte Opfer sich befinde. Und meinen Ew. Gnaden, daß wir keine solche Kerls sind, wie unsere Brüder dort drüben?" Ho, ho — da belieben sich Ew. Gnaden gründlich zu irren." In selbstvergessener Verzückung starrte das Fräulein dem Pfarrer in das Antlitz. Ihr Oberkörper war leicht nach vorne geneigt, ihr Al hem flog hastig vor freudiger Erregung. „Sie reißen mich zur Bewunderung hin, Hoch- Würden," flüsterte sie mit gerötheten Wangen — „Sie eröffnen mir eine großartige Perspective!" „He, he — gelt?" schmunzelte der Pfarrer. „Soll noch großartiger werden. Morgen fahre ich nach der bischöflicher! Residenz, um den streitbaren Domherrn N . . . in der Sache zu Rathe zu ziehen, und ich hoffe, daß in ganz kurzer Zeit die Palme des Sieges unser sein wird."