Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1896)
- Date
- 1896-07-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1057 dargestellte Ackerbauschule hat des Segens viel gestiftet. Mittelpunkt der eigentlichen Ackerbau-Colonien ist Rischvn l'Zion, um die sich sieben andere Niederlassungen in Judäa gruppiren. Im berühmten, von der Bibel verherrlichten Thale Saaron blüht das blumenreiche El Ehudeira und in Unter-Galiläa, dem einstmals so reich gesegneten, blühenden, von einem glücklichen, arbeitsfrohen Volksthum dichtbewohnten Lande, das später lange Mißwirthschaft verwüstete, sind bisher fünf größere Colonien, obenan die von Rothschild in Paris begründete Niederlassung Sichron Jakobh, Gedächtniß Jakobs, fleißig bestrebt, den alten gesegneten Culturzustand des Landes wieder herzustellen. In Ober-Galiläa gedeihen sieben Kolonien, deren bemerkenswertheste Ain-Saitun, Rosch- Pinah und die nur von arabischen Juden bewohnte Niederlassung Pektin die bemerkenswerthesten sind. Die eine nennt sich charakteristisch Mischmer Hajarden, Wacht am Jordan. Am Ostjordan blühen vier Colonien und an der Jordanquelle hat eine Platz gefunden: Metule. Ist die Geschichte der Colonisation von je eine Geschichte der äußersten Anstrengung menschlicher Kraft und Zähigkeit, eine Geschichte der auf's Höchste gesteigerten menschlichen Leidensfähigkeit gewesen, so werden insbesondere die ersten Juden-Colonien in Palästina in ihr eine geachtete Stelle einnehmen. Was Zähigkeit und Ausdauer vermag, diese Colonisten haben es bewiesen, die nur mit ihrer Kraft und Arbeitslust ausgerüstet nach Palästina kamen, die jahrelang für Fremde arbeitend die kargen Lohnpfennige zu Boden-Ankauf und zur Ausrüstung sparten, die ihre ersten Hütten dem Vieh einräumten, indeß sie selbst noch im Freien bivouakirten. Dafür blühen heute ihre Niederlassungen und nehmen sich auf den Bildern zuweilen wie Villen-Ortschaften aus. Die photographischen Darstellungen zeigen uns inmitten der Tropenpracht der Gärten zugleich die Colonisten, die sie gestanzt haben, intelligente, fröhliche Menschen, fesselnde Zionstöchter zum Theil in morgenländischer, zumeist aber in europäischer Tracht, die sich sehr wohl fühlen hier auf dem Boden, den sie urbar gemacht, auf dem sie jegliche Arbeit so geschickt wie freudig leisten. Auch das Recht, kleine Münzen zu schlagen, ist ihnen für ihren Bereich gewährt, ihre Münzen und Geldwerthzeichen werden im ganzen Gebiet sehr gern und voll berechtigten Vertrauens genommen. Der Text dieser Münzen ist — hebräisch. Die hebräische Sprache ist wieder zur lebendigen geworden in den Colonien, die kleinen Kinder auf der Straße sprechen hebräisch in der schönen, klangvollen Aussprache der Sephardim, der Abkömmlinge der vornehmen spanischen Juden. So ist es denn einfach die Landessprache und nicht blos die conser virte, den Juden heilige Ursprache in der Bibel, in der uns hier die charakteristischen, mit Geschmack und feinem Sinn gewählten Sprüche von den Wänden grüßen — natürlich mit begleitender deutscher Übersetzung. Diese Sprüche gemahnen wieder daran, daß die Bibel für eine ackerbauende Nation geschrieben ist und im Wesentlichen die Gesetzgebung für ein Baucruvolk, für das — Agrariervolk der Juden bildet. Achtung gebietet, was an Ergebnissen einer jungen Kultur sich uns da vorstellt, Achtung ringt es auch denen ab, die von der famosen antisemitischen „Strömung" fortgerissen werden. Sah da jüngst ein stattlicher Herr die Ausstellung mit lebhaftem Interesse an, erbat sich vielfach Auskünfte, Proben und verabschiedete sich dann mit dem Ausdruck lebhafter Anerkennung. Eines nur scheine ihm bedauerlich, daß keine orientirende Schrift über die Colonien aufliege. Sie sei im Druck, erwiederte der Herr, an den er sich gewandt hatte und würde ihm zugeschickt werden, wenn er die Freundlichkeit haben wollte, seine Adresse zu hinterlaffen. Er überreichte seine Karte und stellte sich damit als — einer der bekanntesten Männer der antisemitischen Bewegung vor. Lebhafter Eindrücke und Anregungen voll verabschieden nun auch wir uns von dem kleinen Stückchen Palästina, das da — Verzeihung, arme Geographie! — nach Kairo in Treptow versprengt ist. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Ein Petersburger Telegramm brachte kürzlich die Meldung, daß der russische Minister des Innern den auswärtigen Israeliten ohne Unterschied des Berufes den Eintritt in das russische Reich gestattet habe. Diese Meldung ist dahin zu ergänzen, daß der Eintritt fremdländischer Israeliten in Rußland nur während der Dauer der Ausstellung in Nischnei-Nowgorod gestattet wurde. Die bezügliche Verlautbarung in den PeterSburgskija Wjedomosti besagt : „Um den Ausländern den Zutritt zu der Ausstellung in Nischnei-Nowgorod zu erleichtern, hat das Ministerium des Innern im Einvernehmen mit dem Finanzministerium den auswärtigen Juden den Eintritt in das russische Reich gestattet, wobei jeder Reisende mosaischer Confession zuerst die Erlaubniß des Ministeriums des Innern erlangen muß." Gerichtszeitung. Graz, 6. Juli. (Die Grazer Antisemiten- Führer vor Gericht.) Eine geradezu deroutirende Wirkung rief im Lager der hiesigen Antisemiten die Reihe von unglücklichen Ereignissen hervor, welche sie in den letzten Monaten trafen, und cs dürfte wohl eine geraume Weile währen, bis sie den Kampfplatz der Parteien neuerdings werden betreten können. Die erste der Hiobsposten war die Nachricht, daß Joseph Feichtinger, der Tribun mit der Stentorstimme und den rüden Manieren, verhaftet worden