Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1896)
- Date
- 1896-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1056 dern die Dame eben so ungenirt sprach, in der Meinung, er verstehe eben nur hebräisch und arabisch. Nun ja, er sieht wirklich europäisch aus, denn er ist in Berlin zu Hause und auf unseren Hochschulen gebildet, der junge Dr. L., der jetzt im rothen Fez der palästinensischen Ausstellung sich widmet, wie er in stiller Hingebung an eine Sache, die ihm groß und des Opfers Werth scheint, sein Leben der Zions- Sache, der Sache der Juden-Colonisation in Palästina widmet. Ohne reich zu sein, hat er doch mit gleich jugendlich begeisterten Gesinnungsgenossen Palästina bereist, hat er die arabische und hebräische Umgangssprache gelernt, um bester das Land studiren und seinen Bewohnern nützen zu können. Unter Verzicht auf einträgliches Versorgungsftudium hat er sein Wissen, seine Zeit und Kraft bei kargem Einkommen der Sache der Ackerbau-Colonien geweiht. Die Leute, die behaglich am Antisemitentroge sich nähernd, das Verleumden der Juden zu ihrem bürgerlichen Gewerbe machen, behaupten darum nicht minder keck, der Idealismus, die Fähigkeit einer großen Sache unter Selbstaufopferung zu leben, sei den Juden fremd. Sehen wir uns nun diese Colonien an, die hier auf kleinem Raum so lebendig zur Anschauung gebracht sind, in Abbildungen, in Boden und Gewerbtleiß-Erzeugniffen, in den lebenden Bewohnern des Landes. Sechsundzwanzig jüdische Ackerbau-Colonien besitzt Palästina zur Zeit, eine siebenundzwanzigste ist in der Entstehung begriffen. Erkennen wir sie erst an ihren Früchten, ehe wir die Niederlastungen in's Auge fasten. Das Getreide, in reichlichen, mannigfaltigen Proben ausgestellt, fällt durch Schönheit und Fülle auf und nimmt das lebhafteste Interesse unserer Gutsbesitzer in Anspruch. Viele haben sich Muster und eingehende Auskunft erbeten. Die Lupinen, weiß von Färbung, sind ungefähr viermal so groß wie unsere hiesigen. Die Platterbsen lenken die Aufmerksamkeit der Sachverständigen auf sich, ebenso die Durrha, eine Frucht der Sago-Palme, der Sesam, der als Frucht ausgestellt ist und daneben im schönen, reinen Speiseöl, das aus ihm gezogen wird. Ein schöner Erfolg der palästinensischen Colonien ist das Rosenöl, das sich schnell einen besonderen Ruhm erwarb und aus dem Weltmarkt im Preise erheblich mehr gilt als das rumelische. Die Seidenzucht nimmt in den jüdischen Colonien an Umfang zu. Wir sehen hier die Cocons, das prächtige Seidengarn, daneben aber auch schon das in der Hausindustrie erzeugte, schöne und kräftige Rohseiden-Gewebe. Die weitere Entwickelung dieser Hausindustrie gilt für eine der nächsten Aufgaben der Colonien. Das lebhafteste Jntereste wendet sich der Weinproducti on zu, ein sehr praktisches Jntereste übrigens, denn es öffnet sich uns da eine besonders bcmerkenswerthe Bezugsquelle für kräftigen, reinen, überaus wohlschmeckenden und gesunden, dabei aber doch billigen Wein. Der süße ist gehalwoll, in Geschmack und Aroma erinnert er an den so selten gewordenen echten Tokaier, dem er in allen Eigenschaften gleicht, nur nicht im — Preise. Bei Weinen darf man ja den Preis sagen: die Flasche „Esra" süß, kostet 1.50 Mk., pr. Glas 20 Psg., „R.schon le Zion" roth, per Flasche 1.75 Mk., per Glas 25 Psg., „Jaffa" Cognac, per Flasche 4.— Mk., per Glas 15 Pfg., „Sichron Jaakob" weiß, per Flasche 1.20 Mk., per Glas 15 Pfg., wobei den Erzeugern und Händlern noch auskömmlicher Gewinn bleibt. Sämmtliche Weine und Cognacs sind ausschließlich von jüdischen Bauern in Palästina gebaut und gekeltert. Sachkundige sprechen sich über den Wern, der hier in Gläsern ausgeschänkt wird, überaus anerkennend aus — vielleicht nehmen auch die eigentlichen Wein-Fachleute Gelegenheit, ihn gründlich zu prüfen. Auch Fruchtsäfte, Liqueure, Oele und ein ausfallend zartes, dabei erfrischendes und intensives Parfüm in der Art des kölnischen Masters wird in den Colonien erzeugt, und ist hier ausgestellt. Ein Fläschchen Orangenwaster mit der Eliquette eni men haben wir uns zum Andenken mit nach Hause genommen. Daß im Lande, in dem Milch und Honig fließt, der Honig eine wichtige Rolle spielt, liegt klar zu Tage. Er ist denn auch in vielbemerklen schönen Proben zu finden. Eine sehr auffallende Erscheinung sind die kunstgewerblichen Arbeiten, die uns hier begegnen. Holzschnitzereien, die Landschaften, Thiere, Architekturen Palästinas nach freier Naturbeobachtung geschickt und gefällig darstellen, geschmackvoll ausgeführte kleine Gebrauchs-Gegenstände wetteifern mit den besten italienischen Erzeugnisten der Olivenholz-Bearbeitung. Aus einem nur in Palästina vorkommenden schwarzgrauen Stern, einer Basalt-Art, die man dort Mosesstein nennt, sind schöne Basen, Krüge geschickt hergestellt und mit Zeichnungen, Sprüchen decorirt. Die Flora des Landes ist in einem mit hervorragender Kunstfertigkeit ausgestatteten Album, aber auch in reizenden, mit gepreßten Blumen geschmückten Glückwunschkarten dargeftellt. Nun haben wir für das Gebiet, das alle diese Herrlichkeiten erzeugt, Interesse genug gewonnen. Sehen wir uns also die Colonien an. Ausgangspunkt der Cotonisation ist die vor bald dreißig Jahren von der „Alliance Jsraelite" bei Jaffa, an der Mittelmeerküfte, begründete Ackerbauschule Mikweh Jisrael, die Charles Netter in's Leben gerufen und geleitet hat. Diese in Plänen und Photographien