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Der Israelit · 1896-07-09 · Heft 55 (9.7.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 55 (9.7.1896)
Date
1896-07-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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W-wwTwmq&KijBqimjiMWi.. ■■ v -,^ -.. 1053 Feuilleton. Auf des Lebens Köh'. Erzählung von S. B. Rosner. 15) (Alle Rechte Vorbehalten.) Gottfried wurde cs sonderbar schwül zu Muth, aus einen solchen Empfang hatte er nicht gerechnet und er sing an zu bereuen, nicht lieber zu Hause geblieben zu sein. Aber er raffte sich energisch zusammen. „Pardon, Frau Gräfin —." „Sie irren sich, mein Herr, ich bin durch und durch bürgerlich - mehr noch" sie schaute ihn vielsagend all — „ich bin eine — Jüdin und heiße Helene Fichtenthal." Gottfrieds Augen erweiterten sich eigenartig. Er starrte sein Gegenüber mit einem verstörten, verwirrten Blick an. „Wenn dem so ist," sprach er endlich nach einer Weile unsicher, „dann habe ich den Weg verfehlt und kann wieder gehen. Ich suchte die hochwohlgeborene Frau Gräfin von Käkay, ich wollte ihr sagen, daß es gewisse unverschämte Proletarier giebt, die eilt gräfliches Handschreiben, ein gräflicher Besuch ganz und gar nicht in einen Wonnentaunrel versetzen, daß es gewisse unbescheidene Juden giebt, bei denen ein rechtschaffener Bauer mindestens eben so viel wiegt, als ein flotter Graf — zu diesem Zwecke bin ich hergekommen. Mit Helene Fichtenthal habe ich nichts zu schassen." Als er mit tonloser Stimme so gesprochen hatte, wandte er sich um und wollte das Zimmer verlassen. Da wurzelte ein Ruf seinen Fuß an den Boden. „Gottfried," rief es schmerzlich hinter seinem Stücken, „ist denn Ihr .Haß gegen mich so groß, daß Sie mich um keinen Preis mehr kennen wollend" Gottfried wendete sich um; sein Gesicht war zum Erschrecken bleich. Wo war das hochmüthige, frivole Weib, das sich aus seinen Glanz, sein gräfliches Wappen blähte, welches das Erhabenste nur als Sport betrieb, das — — Nein, da gab es wirklich keine Parvenu-Gräfin, keine chrarakterlose Renegatin -Die großen herrlichen Augen Helenens schimmerten feucht und um ihren Mund schwebte ein Zug wehmüthigen Leids. „Sie ahnen gewiß nicht," fuf>r Helene langsam fort, „wie weh Sie mit Ihrer Geringschätzung einem armen Menschenherzen thun, welches durch eine herbe, vieljührige Sklaverei um all' seinen Lebensmut!) gebracht wurde. .Oder, halten Sie etwa diese Zeit unnennbaren geistigen Elends nicht für Strafe genug §ur Sühne eines und wenn auch noch so grüßen Vergehens? O, wenn Sie in mein Herz schauen und darin die unverwischbaren Runen all' des unsäglichen Weh's lesen könnten, das in ihm gehaust, Sie würden mich von jedem Vergehen für gesühnt erklären und einsehen, wie fern es mir liegt, durch einen Besuch oder ein Handschreiben Jemanden beglücken zu wollen; und die Ueberschätzung der Aristokratie, die Sie mir zumuthen? Ja, meine Erfahrungen find gerade danach angethan, um eine solche in mir zu nähren —." Gottfried hatte seine Fassung verloren. Mit niedergeschlagenen Augen stand er da und wagte es nicht, zu denn sinnverwirrend schönen Weibe aufzublicken, welches sich ihm wie durch einen unbegreiflichen Zauber in eine Andere verwandelt zu haben schien. In einem Momente war Alles von ihr abgestreift, was sie zum Gegenstand seines Hasses und seiner Verachtung gemacht, ihr Hochmuth, ihre eitle Frivolität und nun stand sie wieder vor ihm, so zanbermächtig auf sein Herz wirkend, wie vor Jahren, als er seine ganze Seligkeit von ihr hoffte — vergebens hoffte.-Denn er war arm und wurde einem gräflichen Buben zu Liebe, den er mit jeder Faser seines Herzens verachtete, zur Seite gestellt — doch nein, znr Seite geworfen, verächtlich, als ob er ein Lunlp gewesen wäre! Gewaltig erschütternd brausten mit einem Male die Gemüthsftürme in ihm auf und entsetzt fühlte er Alles in's Wanken kommen, was er nlühsam in der letzten Zeit geschaffen, das Gebäude seiner Grundsätze, der feste Port seiner Gemüthsriche.Deutlich konnte man den schweren, inneren Kampf in seinem gerötheten Angesichte lesen. „Verzeihung — gnädige — — Frau," sprach er verwirrt, „es war durchaus nicht meine Absicht — ich war unbescheiden — ich werde gewiß nicht wieder lästig fallen." Damit verneigte er sich tief und verließ rasch das Zimmer. Er ging in einem großen Umwege nach Hause, wo er erst nach zweistündigeu Streifereien über weite Felderflächen anlangte. Aber selbst da fühlte er sich noch von den Rachschwingungen der Gemüthserschütteruug durchzittert. In seinem Zimmer angelangt, überdachte Gottfried nochmals die erlebte Scene. Was mochte sie veranlaßt haben, aus dem höhnischen Ton von gestern Abend so plötzlich in den der rückhaltlosesten Vertraulichkeit überzugehen? Welches war wohl die ächte Empfindung: der Groll, oder das Wohlwollen? Eine geheime Stimme in ihm entschied für das Letztere. Und ftimmt denn das nicht mit den Erinnerungen überein, die wonneerweckend wie zarte Frühlingsdüfte um ihn ausslatherten? Sie war ihm auch damals aufrichtig zugethan göwesen, aber, halb noch ein Kind, besaß sie nicht die Energie des Charakters, um den mittellosen Studenten gegen den offenen Unwillen der Eltern und Ge-

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