Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 54 (6.7.1896)
- Date
- 1896-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1037 Bücherregale pflanzten sich auf an den Wänden, die Simse mit mancherlei wissenschaftlichen Instrumenten: wie Planetarium, Winkelmaß, Fernrohr und ähnliches mehr geschmückt. Vor dem Tische, auf welchem ein Folioband des Talmud lag, ließen sich die zwei sich so merkwürdig von einander unterscheidenden Freunde nieder und die Mitternachtstunde traf sie noch beisammen, wie sie mit leise summenden Stimmen die Geheimnisse des Buches zu enträthseln versuchten. — Am anderen Tage gab's einen klaren kalten Wintermorgen. Ueppige Ranken und phantastisch geformte Blumen in der blassen Farbe des Rohsilbers überzogen die Fensterscheiben, durch welche das Sonnenlicht als rothe Blitze in's Zimmer drang. Gottfried saß vor dem Frühstückstisch, der für zwei Personen gedeckt war, und las die Zeitung. Einigemal zog er die Uhr aus der Tasche und warf einen Blick auf das Zifferblatt. Er schien mit dem Beginn des Frühstücks auf Jemanden zu warten. Endlich that sich die Thür auf und jener Greis, welchen Gottfried Onkel Jsak genannt hatte, trat in das Zimmer ein. Gottfried erhob sich zum Zeichen der Ehrfurcht ein wenig vom Sitze, als er dem eintretenden Greis den freundlich gebotenen Morgengruß zurückgab. Dieser ließ sich ebenfalls am Tische nieder und beide schlürften stillschweigend ihren Kaffee. Sie schwiegen beide deshalb so beharrlich, weil sie fürchteten, ein angefangenes Gespräch würde sie nur zu bald auf ein Thema führen, vor dessen Berührung ein jeder von ihnen eine tiefe Scheu empfand. Nun waren sie auch mit dem Kaffee fertig und ein jeder blickte verlegen vor sich auf die Tischdecke nieder. Nach einer Weile wurde jedoch die Situation unerträglich und Gottfried entschloß sich das kleinere Uebel, die Anknüpfung eines Gespräches, zu wählen. Er faßte auch, statt jedes ängstlichen Ausweichens, sogleich den gescheuten Gegenstand ins Auge. Das Geschick nimmt oft wahrhaft verblüffende Wendungen," sprach er mit einiger Unruhe. „Wer hätte es gedacht, daß ich jene Person, die mir den größten Schmerz meines Lebens zugefügt, unter solchen Umständen hier wiederfinden sollte!" „Das ist wahr," sagte der Greis, „es ist aber eben das Geheimniß weiser Lebensführung, sich durch feste Grundsätze von jenen unberechenbaren Wendungen bis zu einem gewissen Grade unabhängig zu machen. Durch jene allein werden wir vor dem unseligen Los geschützt, ein gefügiger Spielball beständig wechselnder Gewalten zu sein." Allerdings Onkel," versetzte Gottfried mit Wärme, „und Dank Deiner treuen Mühe, mit welcher Du an meinem geistigen Ich bildest und meißelst, dürfte kaum Jemand bester als ich die hohe Bedeutung dieser Lebensregel begreifen, mehr als ich, sich ihres Segens erfreuen. Aus dem stürmenden Meer der Leidenschaften hast Du den Schiffbrüchigen gerettet, hast ihn hinausgehoben auf den felsenfesten Strand, an welchem machtlos der Anprall des Sturmes sich bricht. Eine Welt^war mir in der Brandung untergegangen, doch eine andere errichtetest Du mir mit einem andern Himmel und anderen Gestirnen. Doch sprich mein väterlicher Berather" — Gottfried nahm die Hand Onkel Jsaks in die seine — „ist es nicht auch schon Festigkeit, für seine Festigkeit zu zittern und allem aus dem Wege zu gehen, was diese gefährden könnte?" „Nichts mehr als das, mein Freund." „Nun, dann hast Du Ursache mit mir zufrieden zu sein. Warum sollt' ich es verschweigen — seit Jahren siehst Du in meine Seele wie in einen krystallenen Bach, an destenAlarem Grunde Du einen jeden Kiesel zählen kannst. Ich will mich nicht stärker darstellen als ich bin — das gestrige Zusammentreffen hat meiner Festigkeit einen Stoß versetzt und ich muß Vorkehrungen'zum einer Sicherheit treffen. Ich bin mir auch? schon darüber klar was ich thun muß und es fehlt zur Thatwerdung des Entschlusses nichts, als Deine Gutheißung." Der Greis schaute fragend auf Gottfried. „Ich halte es für nothwendig," sprach dieser weiter, „daß wir unfern Aufenthalt verändern. — Bist Du einverstanden?" „Wenn Du es für nöthig hälft, werde ich sogar mit allem Nachdruck darauf bestehen." „Ja, ich will nicht riskiren, mit jener Person öfter zusammenzutreffen, und dieser Ort ist zu klein, um sich für die Dauer einander ausweichen zu können." Er erhob sich. „Ich muß jetzt hingehen, um dort eine kleine Rechnung mit der Schloßdame auszugleichen und dann —" „Du willst auf's Schloß?" „Ja, um den Hochmuth zu quittiren, mit welchem sie mir gestern entgegentrat. Du wirst lächeln über meine kindische Empfindlichkeit; ich gestehe auch, daß es meinen Prinzipien mehr entsprechend wäre, die Sache keiner Beachtung zu würdigen. Offen gesagt, Onkel, rührt meine Empfindlichkeit daher, weil ich mich nicht ganz frei von Schuld fühle. Jetzt muß ich es eingestehen, daß die beleidigende Zurückweisung des Briefes nicht in den Umständen begründet war." „Mir wollte dieser übereifrige Schritt gleich nicht recht gefallen, zu welchem eine jede wahrnehmbare Veranlaffung fehlte." Gottfried erröthete leicht. „Und das Schlimmste ist, daß ein jeder Fehler ein zweiten im Gefolge hat. Das jugendliche Blut, und wenn es durch Schicksal noch so sehr abgekühlt worden, macht seine Rechte geltend und ich könnte es jetzt kaum zur Ruhe bringen, würde ich ihm nicht