Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-07-02 · Heft 53 (2.7.1896) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 53 (2.7.1896)
Date
1896-07-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448657--42057-2491043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3QEKTH. Jahrgang. Kölner Bttäa&sfc Geschichte das deutschen Judentums '10.4'lt+G M 53. Der Israelit. Ein enIrak-Wrgan für das orthodoXe Uudenthum. Begründet von Dr fe^mann in Ifttaiuf. Donnerstag, den 2. Juli 5656 (1866). Leitender Artikel. Alein Religionsbuck. Von Bezirks-Rabbiner Dr. E h r m ann in Baden (Schweiz). II. Heute haben wir die erste Religionsstunde. Aber das weiß nur ich. Meinen Schülern und Schülerinnen hätte ich ihren religiösen Sinn schon sehr erschüttert, wenn sie je erführen, Religion wäre etwas, das man lernen könne, das unterrichtet werden müsse, wie man ihnen Regeldetri und Kettensatz beibringt. So gewiß die Lust, die uns umgibt, zu den unerläßlichsten Lebensbedingungen gehört, so gewiß athmet der gesunde, normal beanlagte Mensch ein und aus ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, ohne Athemstunden vorher zu nehmen, damit er die Virtuosität des Athmens nun recht gründlich verstehe. Wer auf seinen Athem erst achtet, aar die Herzschläge dabei zählt und Mittel und Wege sucht, um diese Kunst leichter und sicher zu üben, bei dem dürfen wir neun und neunzigmal unter hundert Fällen einen abnormen, krankhaften Zustand voraussetzen. Genau so verhält sich's mit dem, was man Religion nennt. Wenn sie die rechte, echte ist, muß sie die ganze Athmosphäre füllen, wie die Luft zum Athmen. Wie unser Aufstehen und Niederlegen, unser Esien und Trinken und selbst unser Schlafen, ohne daß wir uns Rechenschaft darüber gebenvom Athmen begleitetist ganz so muß unser Gesammtleben von Religion durchwoben und getragen sein. Und wie mit dem Athem, so ist es mit der Religion schlecht bestellt, wenn sie erst gelehrt und zum Gegenstand des Unterrichts gemacht werden muß. Von Religion darf daher gar nicht die Rede sein, je selbstverstätldlicher und unentbehrlicher sie ist. Weil in der Schule des Lebens einst alles von Religion getragen sein soll, unser Geschäft und unser Vergnügen, unsere Thätigkeit und unsere Ruhe, deßhalb darf im Leben der Schule durch Religionsftunden nicht der Wahn erzeugt werden, Religion sei etwas, dem in zwei oder dreimal 60 Minuten per Woche Genüge geschehen könne. Deßhalb eignen sich diese himmelblauen Duodez- Büchlein so gut zum Religionsunterricht, weil kleine und große Kinder es geradezu für paradox halten, sie hätten mit Aneignung ihres Inhalts Religion gelernt. Es handelt sich nun zuallernächst darum den Kleinen Jntereffe, ja geradezu Lust zu dem Kalenderstudium beizubringen, damit sie sich durch die langen Zahlen- und Buchftabensäulen nicht abgeschreckt fühlen. Es muß also ein Moment gefunden werden, das den Kindern sympatisch ist und das bietet sich dem, der mit der Kindernatur einigermaßen vertraut ist, ganz ungesucht. Man braucht Kinder, auch wenn sie schon einige Jahre dem Aleph-Beth-Schützenthum entwachsen sind, und schon einmal sonst in einem Kalender geblättert haben nur zu fragen, zu was man eigentlich die Kalender habe und was ihr wichtigster Zweck sei, dann erfährt mans mit zweifelloser Sicherheit, welche Seite sie am Kalender besonders zu schätzen wissen. Am meisten erbält man dann die Antwort, daß man durch den Kalender ganz genau schon lange voraus wissen kann, an welchem Tag der Geburtstag ist! Da sich den meisten Kindern um diesen Tag die ganze, kleine Welt dreht, deren Hauptheld ihr Persönchen bildet, so braucht man diese Antwort nur am Schopf zu fassen, um es für unser rrb mit einem Interesse zu erfüllen, das kein einziges anderes Schulbuch hat. Wie man dieses Jntereffe anfachen, erhalten und ausdehnen muß, kann nicht gelehrt werden. Der Lehrer, der das nicht weiß, versteht die Kindernatur nicht, und diesem Unverstand ist durch Anempfehlung pädagogischer Hausmittel nicht beizukommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.