Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 51 (25.6.1896)
- Date
- 1896-06-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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... - - ',. r -■;- - -; --. --•>: . . T.>r->V- 981 Einweihung wurde eine von dem Direktor der hiesigen Talmud-Thoraschule verfaßte hebräische Hymne vorgetragen. Da ich gerade von der Talniud-Thoraschule spreche, so will ich gleich ermähnen, daß unsere Gemeinde zu den vergangenen Osterfeiertagen unter die Schüler der Anstalt 856 Sommerröcke und an zwanzig Waisenkinder daselbst zugleich auch ebenso viele Paar Schuhe hat vertheilen lassen. Besonders feierlich wurde die Kleidervertheilung in der kleinen Talmud- Thoraschule (jtspn nrn “no8n) vorgenommen, und wurde zugleich eine Seelenandacht (rortpn) für die verstorbenen Gönner und Wohlthäter abgehalten. Bulgarien. Sofia. (Bulgarisch oder R u s s i s ch?) In Sofia vollzieht sich jetzt ein Ereigniß, dessen Oualification uns schwer fällt. Die am Kopfe angefetzte Frage schwebt hier auf den Lippen jedes Juden. Auf den sonst ruhigen Gesichtern der wenig denkenden, ihren Privatgeschäften nachgehenden hiesigen Juden uralt sich eine Beunruhigung, ja eine gewisse Aengstlichkeit. Die Gemeindevorsteher, die gegenwärtigen sowohl als die zurück etretenen, schließen sich enger zusammen, um gemeinschaftlich zu berathen und Schritte zu machen, die geeignet sind, einen unerhörten Act der Willkühr und des Raubes abzuwehren. Was ist nun vorgefallen? Die jüdische Gemeinde besaß auf seit uralter Zeit ihr gehörigem Boden eine Synagoge, welche vor etwa 40 Jahren von den Aschkeaastm erbaut wurde. Die Bulgaren bauten — mit oder ohne Absicht — mehrere größere und kleinere Kirchen geradezu in jüdische'.', Machala (Judenviertel), welche sich durch ihre Einfachheit den Bretterbuden, will sagen errichteten kleinen Wohnhäusern, sehr passend anschlossen. In der Mitte eines solchen Häusercompleres nun befindet sich eine kleine bulgarische Kirche, neben der die erwähnte jüdische aschkenasische Synagoge steht. Rach der Niederreißung Altsosias wurde die Hauptstraße, Witoschgasse genannt, an der westlichen Seite des Gotteshauses, der Boulevard Dondukoff an dessen südlicher Seite geführt. Die Plätze stiegen hoch im Preise, um so mehr als die kleinen jüdischen Häuser, welche der Cultasvorstand abzukaufen gewillt war, von den Gewalthabern Stambulow und Petkow gegen einen.sehr niedrigen Preis und gewaltsam abgelöst und zu ihrem Vortheil ausgebaut wurden. Fünf Synagogen und zahlreiche Bote-Midraschim wurden niedergerissen und deren Baugrund m.hr annectirt als abgelöst. Die einzige jüd. aschkenasische Synagoge blieb noch bestehen, ein ziemlich kunstloser Bretterbau, dem Petkow die Frauenabtheilung wegregulirte, dann alle um dieselbe befindlicheil Läden der Gemeinde in Trümmer legte. Schon wollten Petkow und Stambulow diese Synagoge verschwinden lassen mit der Motivirung, sie passe nicht in die Hauptstraße und die Gemeinde möge an deren Stelle einen neuen Tempel bauen — allein deren jäher Sturz machte den Plan zu Nichte. Wer aber Hand an die Synagoge legte, waren Juden. Ob die Nörgelei zwischen den Sephardim und Aschkenasim die Schuld trug, von denen die Ersteren einen sephardischen Tempel errichten wollten, was Letztere nicht zugeben mochten, ist nicht ganz ersichtlich. Genug, die Aschkenasim ließen dieses Gotteshaus niederreißen, um auf dessen Baugrund ein sehr einträgliches Zinshaus, mit einem Betsaal im Ersten Stock zu erbauen. Säon bei der Regulirung wurde der Baugrund der jüdischen Gemeinde um vieles verkürzt, um diesen Platz der Kirche zukommen zu lassen. Kaum begann man die Fundamente zu errichten, die bereits in Sockeln fertiggeftellt waren, als die Kirchenältesten erklärten, sie können es nicht dulden, daß ein jüdisches Gotteshaus in der Nachbarschaft der Kirche sich befinde — immer heftiger wurde das Drängen. Die Spaniolische Gemeinde lüß vom Gemeinderathe eine Vermessungscommission heranziehen, welche das begonnene Bauwerk als mit dem Plane übereinstimmend erkannte. Damit unzufrieden begaben sich die Rädelsführer zum Metropoliten, welcher in einer Eingabe an das Ministerium das Verlangen nach dem Raube jüdischen Gemeindeeigenthums seitens seiner frommen Heerde unterstützte. Allein das Ministerium konnte diesen geplanten frommen Raub nicht gutheißen und versprach den Juden Schutz. Unterdessen ließen die Kirchenältesten ein Meeting abhalten — was ohne Will n der Behörde nicht möglich ist — um ihre „gerechte" Sache v m Volke bekräftigen zu lassen, und hiebei wurde in den Vordergrund der Debatte die Erwägung gestellt, daß eine Kirche Rechtgläubiger nur in einer großen Entfernung von einem jüdischen Gotteshause stehen darf. Was sagt aber das hochofficiöse Regierungsblatt „Myr" („Der Friede") dazu? Es nimmt an, die Inden werden wohl nachgeben, um weiteren Aufregungen vorzubeugen! — Ein anderes bulgarisches Organ ertheilt den Juden einen Wink mit dem Zaunpsahl: Die Juden werden aufgefordert die Bauparcelle der Kirche zu überlassen, sie würden die gefährlichen Folgen sonst sich zuschreiben müssen. Dieses edle Organ meint, für das Weiterverbleiben der Juden in Bulgarien könne ihr Verhalten in dieser Frage eine sehr gewichtige Rolle übernehmen. Mit anderen und aufrichtigen Worten besagt diese Redewendung: Das Eigenthum des Juden ist vogelfrei und kann vom gebildeten und noch mehr vom ungebildeten Pöbel in Beschlag genommen werden.