Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 51 (25.6.1896)
- Date
- 1896-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVE Jahrgang. Erste Beilage ju Jl£ 51 des „Israelit". Feuilleton. Holländische Reisebriefe, in. Wir Deutsche sind doch manchmal recht sonderbare Leute. Wir erlauben uns oft die Nase zu rümpfen über anderer Herren Länder, besonders über kleinere Ländchen wie Holland und meinen, Kraft unseres politischen Selbstbewußtseins, nur so von oben herab über Städte und Zustände urtheilen und aburtheilcn zu dürfen. Wir thun darnit oft Unrecht, und die Holländer lachen uns darüber aus. Diesen Gedanken hing ich nach, als ich, nach einer Unterhaltung tut Coupe von Deutschen über Holland, mich in der Residenzstadt Haag etwas näher umgesehen hatte. Wahrlich, eine feine Stadt, I8O000 Einwohner. Sie verbindet die Eleganz einer feineren, kleinen Residenz mit dem eosmopolitisch-bewegten Leben einer Großstadt. Eingerahmt von Waldungen, ruht sie am Meere wie eine Fürstin. Die jüdische Gemeinde zählt ungefähr 5500 Seelen und ist eine altehrwiirdige, natürlich auf echtjüdischem <Btanbpunttc ruhende Kehilla, wenn auch viele, vielleicht die meisten reichen Familien mehr oder weniger zll denen gehören, die halb oder ganz dem jüdischen Leben Valet gesagt haben. Der frühere Oberrabbiner Berenstein V"st hatte in den letzten Jahren nicht mehr die Kraft und Energie dem hereinströmenden Jndifferentismus zu steuern, die Vorstandsmitglieder sind achtungswürdige, aber alte Herren, der Gang der Gemeinde ist dadurch etwas veraltet. Man merkt das bei einem nur etwas tieferen Blicke in die Gemeindeverhältnisse. Man machte mich darauf aufmerksam, daß unter dem jetzigen Oberrabbiner, Herrn Tal, bereits vieles verbessert worden, wenn er auch in dem eine n Jahre seines Wirkens im Haag natürlich noch nicht an Alles seine bessernde Hand legen konnte. "Namentlich auf deur Gebiete der rinn und des nvwj sollen bereits bedeutende Veränderungen zum Guten stattgefunden haben. Selbstredend mich ich jetzt eine question brillante erwähnen, die hier zu Lande viel Staub aufwirbelt. Ich meine die holländische ' a rw im Allgemeinen und die Haager im Besonderen. Da das Seebad S ch e v e n i n g e n zum Haager Rabbinatsbezirk gehört, berührt. diese Sache gewissermaßen das persönliche Interesse aller jüdischen Scheveniuger Badegäste, und somit auch das Ihres ergebenen Briefschreibers. Ich habe mich deßhalb auch bemüht, die Angelegenheit in nähere Betrachtung zu ziehen und mich darüber zu informiren. M - Der allgemeine Eindruck und das Resultat meiner Information ist, daß wir es hier mit einer ganz gewöhnlichen Klatschgeschichte zu thun haben — einen schärferen Ausdruck dränge ich zurück —, wie das ja in der menschlichen Gesellschaft aller Kreise oft vorkommt. Es ist bei dem Boden, auf dem diese Klatschgeschichte sich aufbaut, ist allerdings ein beachtungswerther Unterschied zwischen der holländischen Schechita und den Metzger-Verhältnissen gegenüber denen in manchen Gegenden Deutschlands, hauptsächlich aber "Nußlands und Oesterreichs zu machen. Es mögen erst ungefähr sechzig bis siebzig Jahre her sein, daß man die von dem nxun 'd rvcnya erwähnte (doch nicht als Norm gestellte) i-ocn bei der "DTir in Rußland mehr allgemein einzuführen begann, nämlich pin rp’-n d. h. immer, bei jedem geschlachteten Thiere, die Lunge ganz herauszunehmen und nachzusehen, bevor ~t£n erklärt wird. Hauptsächlich durch Schochetim russischer Herkunft hat dann diese n~d n sich immer weiter verbreitet. In den letzten fünfzig Jahren haben manche orthodoxe und auch uichtorthodoxe Rabbiner diese Erschwerung angenommen, theilwcise aus Ueberzeugung, daß es ja keinenfalls schaden könne, oder daß für Schochetim, die in der praktischen Bedika nicht allzu erfahren sind, y n rp'ia besser sei, oder auch in der Geneigtheit Anderen, denen man in theoretischer Gelehrsamkeit nicht gewachsen, nachzufolgen. In Holland, bezw. Amsterdam, bildete die Sache schon vor dreißig Jahren (u. A. auch im Hause des berühmten R. Akiba Lehren den Gegenstand reiflichster Erwägungen und Besprechungen; man nahm aber die Erschwerung nicht an. Die religiösen Zustände hatten hier seit ungefähr zwei Jahrhunderten ziemlich feste Norm. Große Männer in Israel lebten und wirkten hier, man hatte ausgezeichnete Schochetim. Man sah strenger auf praktische Uebung in der Bedika, als aus allgemeine Gelehrsamkeit. Man hielt sich an alle Gelehrten Israels aus allen früheren Jahrhunderten, die yn np'-Q nicht nöthig erklärten. Es war auch nicht nöthig; die holländischen Schochetim fühlen, wie man mir sagte, ebenso gut eine rsno, wie jede andere Abnormität mit feiner Unterscheidungskunst, gerade durch die Uebung in o\jb rp'-is. Man führte deshalb die unnöthige Erschwerung nicht ein, ebenso wenig wie es in Deutschland und Oesterreich allgemein geschehen ist. Keinem ernsthaft Denkenden ist es eingefallen, deswegen