Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 50 (22.6.1896)
- Date
- 1896-06-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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rmmm Keullleto«. Auf des Lebens Köh'. Erzählung von S. B. R o s n e r. 10) (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine blaue Ampel goß ihr mattes Schimmerlicht über das mit blauem Sammt tapezirte Schlafgemach aus. Die Draperien des Himmelbetts waren halb zurückgeschlagen und aus dem dämmerigen Dunkel hinter denselben leuchtete das blendende Weiß der Ruhestätte, wie zu köstlichem Ausruhen ladend, hervor. Aber Helene, welcher diese Einladung gelten sollte, beachtete sie nicht. Hoch aufgerichtet stand sie in leichtem Nachtkleide, welches in weichen Falten an ihrer junonisch schlanken Gestalt hinabwallte, den schneeweißen Arm mit annmuthiger Biegung zum Kopse erhoben und rückwärts die üppige Fluth ihres dunklen Haares zusammenfassend. Ihr Auge blickte wie in träumendes Nachsinnen versunken — es schien, als ob sie mitten in dem Anschicken zur Beschießung des Tages von einem Gedanken überrascht worden wäre, der ihre ganze Vorstellungskraft aus sich konzentrirte. Was mochte es nur sein, was sie alles Andere um sich derart vergessen machte, daß sie in der Pose einer antiken griechischen Statue regungslos dastand? — Das Bild jenes stolzen, dunkelbärtigen Reiters, der ihr heute in der Dorsgasse zweimal begegnet war. Hatte sie jenes ernste Gesicht, welches sich ihr mit solch' höhnischer Zurücksetzung zugewendet, heute das erste Mal gesehen? — Eine Bilderfluth aus der Vergangenheit zieht an ihrem inneren Auge vorüber, in deren Mittelpunkt der räthselhafte Reiter sich bewegt. Dieselbe imponirende Haltung des Hauptes, dieselbe männliche Würde — nur das Gesicht um einen Schatten minder ernst und in den Augen anstatt des kalten Strahls der Weltverachtung, ein blitzendes, hoffnungsvolles Lodern. — Grausame Macht von einigen flüchtigen Jahren! — Langsam, fast zaghastig, wandte sie den Kopf nach dem Spiegel um, der von der Decke bis zum Fußboden reichte. Gespenstisch trat ihr aus der dunkeln, glänzenden Fläche ihre hell beleuchtete Gestalt entgegen. Sollten die vergangenen Jahre auch bei ihr solch' tiefe Spuren zurückgelassen haben? — — Gottlob, nein! Ihre wunderbare Jugendkraft hatte dieselbe fast ganz wieder verwischt. In unverblaßtem Farbenreiz blühten noch ihre Wangen, in schneeiger Weiße schimmerte ihr Nacken zwischen den dunklen Haarwellen. Ein leiser Zug der Befriedigung huschte über das Gesicht Helenens.-Was hatte es für eine Bewandtniß mit dem Gedanken an den Reiter und dem ängstlich forschenden Blick in den Spiegel? O zartes Geheimniß des Frauengemüthes! 953 Da schob sich zwischen den schweren Falten der Damastdraperie, welche Helenens Schlafgemach von dem Nebenraum trennte, ein munterer Mädchenkopf hindurch. „Eitle Träumerin!" rief es neckisch. Helene fuhr zusammen. Als sie aber die Schelmerei merkte rief sie mit lächelndem Vorwurf: „Du boshafter Kobold, willst Du den armen Menschenkindern auch ihre Nachtruhe verscheuchen? Gute Nacht Lieb, schlafe wohl!" „Gute Nacht," nickte Martha freundlich und zog den Kopf wieder zurück. Helene trat hinter die Gardinen ihres Bettes, welche leise flüsternd in einander zusammenfloffen. Dieser Tag bildete einen wichtigen Wendepunkt in den Zuständen des einsamen Schloffes. Der Geist melancholischer Ruhe schien aus demselben geschwunden und wie von unsichtbaren Fesseln befreit regte sich überall eine frohe Werkthätigkeit. Als gelte es die Versäumnisse einer langen Zeit einzubringen, ergab sich Helene mit nimmer rastendem Eifer der selbstgestellten Aufgabe, das Los der Bauern im Dorfe nach Möglichkeit zu erleichtern. Sie kam in einen lebhaften Verkehr mit der Landbevölkerung und die Sammtteppiche der Treppen und Gemächer, die an die elastischen Tritte eines vornehmen Herrenvolkes gewöhnt waren, mußten sich jetzt die Last manches derben Bauernstiefels gefallen lassen. War nun Helene eine mit tiefem Ernst ihres heiligen Amtes wallende Priefterin der Humanität, so war Martha der personifizirte Genius der Jugendluft, der über ihr Wirken einen heiteren Schimmer ausgoß. Aus jedem Winkel glaubte man das Echo ihres übermüthigen Lachens zu hören, die Sprühlichter ihres kindlich-muthwilligen Wesens schillern zu sehen. Nur das Fräulein Hortense von und zu, nach und vor Mühlwald de Tojäsfalußy verhielt sich mit verachtender Gleichgültigkeit gegen den wach gewordenen „Bauernrummel." Mehr noch als früher, isolirte sie sich in ihren Gemächern, denn das Betreten der durch die Pöbelwirthschaft hundertfach entweihten Räume dünkte ihrer jungfräulich aristokratischen Seele eine schwere Versündigung gegen ihren unbefleckten Stammbaum. Oft stieg in ihr der Gedanke auf, ob es nicht ihre Pflicht wäre, dem Pöbel ihren blaublütigen Rücken zu kehren und weit fort in reinere Regionen zu fliehen. Da erschien aber immer mit höflicher Pünktlichkeit das Gespenst der Grafen Elemör vor ihrem hellsehenden Auge und beschwor sie mit trauernder Miene ihm das nicht anzuthun, die Wiege seines Stammbaums nicht ganz dem Proletariate auszuliefern. Vielleicht war auch das sehr honette Jahresgehalt und die famose Station, die sie auf dem Schlosse genoß, nicht ganz ohne Ein-