Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 49 (18.6.1896)
- Date
- 1896-06-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXV11 Jahrgang. Mette Beilage M M 49 -es „Israelit^. Zeitungsnachrichten und Correfpon-enzen. D e u t s ch l a n d. Bingen, 16. Juni. Großer Jubel und Freude herrscht heute bei den Mitgliedern der hiesigen israel. Religionsgesellschast. Unser neuerwählter Rabbiner Herr Dr. S ch I e s i n g e r ist heute mit Familie hier eingetroffen und wurde am Bahnhöfe von dein Vorstand der Gemeinde aufs Herzlichste bemillkommt. Zu seinem Amtsantritt war in der festlich geschmückten Synagoge feierlicher Abendgottesdienst, wozu sich die ganze Gemeinde. Groß und Klein, eingefunden hatte. Begrüßt mit ton Tna und rp'Mn richtete alsdann im Aufträge des Vorstandes unser hochverehrtes Mitglied Herr W. E h o tz e n einige herzliche und treffende Begrüßungsworte an Herrn Dr. Schlesinger, worauf derselbe in ebenso inniger zu Herzen gehenden Weise erwiederte. Der gute Nus, der Herrn Dr. Schlesinger in jeder Beziehung vorausgeht, sowie sein Grundsatz ’nariN n&K „Wahrheit gegen Gott und Friede mit den Menschen" berechtigt die israelit. Religionsgesellschaft, auch weiter vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken lv".i verleihe uns hierzu seinen Segen. Köln. Dieser Tage spielte mir ein günstiger Zufall die Gutachten in die Hände, welche der Westfälische Synagogen-Gemeinden-Verbandsansschuß zur Mohrenwäsche des Herrn Dr. Vogelstein und seines Gebetbuchs veranstaltet hat. Ich habe das Werk, welches beinahe ganze 19 Druckseiten umfaßt, zweimal durchgelesen und hielte es aus Grund dieser Lektüre für eine große Mizwo das Pamphlet'chen mr masse aufzukaufen und nach allen Seiten zu verbreiten. Besser könnte das unsäglich niedere Niveau unserer zeitgenössischen Wortführer des Reformjudenthums gar nicht veranschaulicht werden, als durch Verbreitung dieser Gutachten, ohne allen Commentar. Wollte man diesen Gutachten aber gar noch einige Glossen anfügen, dann würde das Ganze eine Bereicherung unserer Purim-Literatur bedeuten, die ein findiger Kopf sogar buchhändlerisch noch recht rentabel gestalten könnte. Diejenigen Gutachter, welche sich auf die Erklärung beschränken, daß die Vogelstein'sche Postille nichts enthält, was gegen die Lehren des Judenthums verstößt, haben nur ihre Kenntniß dessen, was zu den Lehren des Judenthums gehört oder ihre Wahrheitsliebe in ein recht zweifelhaftes Licht gerückt. Daran stößt sich Niemand. Aber wo sie dieses Geleise verlassen und ihr Gutachten durch einige Arabesken verzierten, lugt der Schalk aus allen Ecken und Enden. Der Hanrburger Reformprediger Dr. SeligmanU ist von Ihrem Hamburger Correspondenten schon nach dieser Seite gewürdigt worden. Ihr Hamburger Correspondent ist gewiß der Ansicht, daß die Regel pOi'p -p'y wonach die Ortsarmen in erster Reihe zu berücksichtigen sind, sich auch auf die Armen an Geist bezieht. Ohne diese Voraussetzung hätten die Genossen des Herrn Dr. Seligmann kein geringeres Anrecht auf eine besondere Würdigung. Da ist z. B. besonders das Schreiben des Herrn Dr. Kayserling in Budapest, das meiner Ansicht nach noch den Vorrang verdient. Derselbe mußte wie Bileam zweimal aufgefordert werden, bevor er seine Anathema über die Orthodoxen aussprach, „weil er prinzipiell nur dann Gutachten abgibt, wenn solche von seiner Gemeinde verlangt werden." Welch ein Glück für die jüdische Diaspora, daß Herr Dr. Kayserling bei solchen Prinz'pien nicht n^jn ^2 b>J bv pi ist! Welch ein Glück, daß alle p« die ihre Mit- und Nachwelt durch ihre nmtfn erleuchteten, keine solche Prinzipien hatten! Als Herr Dr. KayseKing noch in der Schweiz amtirte, hat sich derselbe durch Veranstaltung der ersten Gutachtensaminlung zu Gunsten des Schächtens ein großes Verdienst erworben. Dort finden sich Gutachten aus Dänemark, Frankreich, England und anderer Herren Ländern. Was wohl Herr Dr. Kayserling für eine Miene dazu gemacht hätte, wenn ihm jene Koryphäen der Wissenschaft damals geantwortet hätten, sie geben prinzipiell nur Gutachten, die aus ihrem nächsten Wirkungskreise von ihnen verlangt werden! Eine ähnliche Gutachtenblüthe findet sich in dem den Gutachten angefügten Briefe Sr. Eininenz des Luxemburger Rabbiners Dr. B lum enst e i n. Seine Erklärung geht dahin: „daß ich als ein im Auslande anttirender Rabbiner mich nicht in der Gebetbuchangelegenheil Ihres Verbandes gutachtlich äußern kann, daß ich aber die Hetze der Orthodoxie nur v e r u r 1 h e i l e." Das klingt so ohngefähr, wie das bekannte: „Ich kenne zwar die Absichten der Regierung nickt, aber ich mißbillige sie. Wohlgemerkt, es handelt sich nicht um eine interne Gemeindeangelegenheit, bei welcher Unkenntniß von lokalen und persönlichen Verhältnissen eine solche Zurückhaltung erklärlich erscheinen ließe. ES handelt sich vielmehr um ein Urtheil über ein Buch und seinen Inhalt, ob dasselbe den Lehren des